Individualität über den Tod hinaus: Dieter Kahl und Jutta Reißer-Weiß verkaufen und bemalen die Bio-Urnen mit Heimatbildern. Sonderanfertigungen sind besonders beliebt.
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Individualität über den Tod hinaus: Dieter Kahl und Jutta Reißer-Weiß verkaufen und bemalen Bio-Urnen mit Heimatbildern. Sonderanfertigungen sind besonders beliebt.

Ein Stück Heimat mit ins Grab nehmen

Weyarner verkauft handbemalte Urnen: Zwei schickte er bis nach Amerika

  • Luisa Billmayer
    vonLuisa Billmayer
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Dieter Kahl aus Weyarn verkauft Graburnen mit Motiven aus dem Oberland. Künstlerin Jutta Reißer-Weiß verleiht ihnen die persönliche Note.

Weyarn – Ihre Zusammenarbeit begann mit einer Frage. „Was könnte da drin sein?“, hatte Dieter Kahl auf einem Flohmarkt in Maxlrain gefragt. Er hielt eine Pappschachtel, etwas größer als ein Schuhkarton, in der Hand. „Vielleicht eine Urne“, antwortete Jutta Reißer-Weiß zur Verblüffung ihres Gegenübers. Die Künstlerin hatte tatsächlich erraten, auf welches Produkt sie kleine Bildchen malen sollte – mehr hatte Kahl im Vorfeld nicht erklärt.

Dieses erste Treffen liegt gute zehn Jahre zurück. Reißer-Weiß erinnert sich aber noch, warum sie sofort diesen Geistesblitz hatte. Als Kahl sie als Künstlerin angefragt hatte, war sie ohnehin auf der Suche nach einem Nebenverdienst. Um auf eine gute Geschäftsidee zu kommen, überlegte die studierte Industriedesignerin damals mit ihren zwei Kindern, was man im Leben wirklich braucht. „Ein Mensch muss essen, atmen, schlafen und irgendwann sterben“, war das Fazit des Familienrats. „Mit diesem Gedanken im Hinterkopf muss ich auf die Urnen gekommen sein“, erklärt die Künstlerin. Auf jeden Fall musste sie herzhaft Lachen, als sie Kahls Frage direkt richtig beantwortet hatte.

Dieter Kahl aus Weyarn verkauft handbemalte Urnen: Zwei schickte er bis nach Amerika

Berührungsängste hatte sie von Anfang an nicht und bemalt deshalb seit 2009 Kahls Produkte. Der 73-Jährige aus Weyarn verkauft die Urnen mit handgemalten Heimatmotiven – vor allem über das Internet. „Zwei Urnen habe ich bereits nach Amerika geschickt“, erklärt der 73-Jährige stolz. Eine Frau meldete sich und bestellte ein Exemplar mit der Frauenkirche. Weil ihre Mutter in München geboren war, suchte sie das Motiv für sie aus.

Immer häufiger würden sich Menschen noch zu Lebzeiten um ihre Beerdigung kümmern, und das sei auch richtig so, findet der gelernte Großhandelskaufmann. „Ein Ehepaar kam mal auf mich zu und bestellte zwei Urnen. Das hat fast ein Jahr lang gedauert, weil wir immer wieder die Motive angepasst haben.“ Sonderanfertigungen seien generell recht beliebt.

Weyarn: Dieter Kahl teilt die Heimatverbundenheit mit seinen Kunden

Die Heimatverbundenheit teilt Kahl mit seinen Kunden. Aufgewachsen ist er in Weyarn. Nach einigen Jahren in Feldkirchen-Westerham lebt er seit gut zehn Jahren wieder im Haus seines Vaters. „Die Urnen stehen bei mir zuhause. Dafür habe ich sogar ein extra Zimmer“, sagt Kahl. Schon seit rund 20 Jahren verkauft er nebenbei Büroartikel und Urkundenmappen für Bestattungsunternehmen. 2006 kamen die Urnen dazu.

„Erst habe ich sie fertig mit Motiv gekauft. Dann dachte ich mir, das kann ich ja eigentlich auch selber machen“, sagt Kahl, der früher in einem Vertrieb für Künstlerbedarf gearbeitet hat. Also suchte er sich jemanden, der das Künstlerische übernimmt. Über die Volkshochschule kontaktierte er Menschen, die Malkurse geben. So ist er auch auf seine aktuelle Künstlerin gestoßen. Jutta Reißer-Weiß aus Bad Aibling malt die Motive von Hand. Dabei geht es bei den Urnen nicht nur um die Verzierung. Sie sind biologisch abbaubar und somit nachhaltig.

Bio-Urnen aus Weyarn: Künstlerin Jutta Reißer-Weiß lässt beim Bemalen die Gedanken schweifen

Das Bemalen und damit Angehörigen wie den Menschen selbst eine Freude zu bereiten, bewegt die Künstlerin. „Wenn man die Augen aufmacht, gehören Leben und Tod immer eng zusammen“, sagt die 65-Jährige. Beim Malen kommt sie ins Nachdenken und überlegt, wie die Leben der Menschen, deren Urnen sie verziert, wohl verlaufen sind.

Durch die Arbeit mit den Urnen und den Wünschen der Verstorbenen hat sich sein Verhältnis zum Tod und zu Bestattungen schon auch verändert, sagt Kahl: „Ich bin sehr offen bei dem Thema. Ich möchte mich auch verbrennen lassen. Urnen verkaufen und das dann nicht selber machen, passt ja auch nicht zusammen.“ Auch über ein Motiv hat er schon nachgedacht: Ein bayerisches Landschaftsmotiv soll es sein, vielleicht Wilparting.

von Luisa Billmayer

Harald Guth aus Hartpenning verlor bei einem Brand fast alles. Jetzt wohnt er in Otterfing und bedankt er sich für Hilfe, die er hinterher erfahren hat. Die 46-jährige Martina Koll aus Holzkirchen hat in der Fernsehshow „Grill den Henssler“ gekocht. Seitdem erhält sie über Social Media verschiedenste Anfragen und Angebote.

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