Gerhard Kinshofer steht am Seehamer See
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Wirbel am Seehamer See: Gerhard Kinshofer möchte die Vogelschutzzone erweitern und die Winterruhe-Sperrzeit verlängern. Seit der Corona-Krise würden dort vermehrt Wassersportler die Wasservögel stören und vertreiben, sagt er.

Vogelschutzbund spricht von Artenschwund

Zoff am Seehamer See: „Wassersportler vertreiben Wasservögel“

  • Marlene Kadach
    vonMarlene Kadach
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Stand-up-Paddler, Artenschwund: Seit Corona sorgt sich Gerhard Kinshofer um Wasservögel am Seehamer See und will die Schutzzone erweitern. Das stößt auf Widerstand.

Seeham – Seit Corona ist im Vogelparadies die Hölle los. „Der Freizeitdruck am Seehamer See ist enorm“, sagt Gerhard Kinshofer. Er hat Kajakfahrer gesehen, die extra auf Inseln fahren, um brütende Schwäne zu beobachten. Ruderboote, die ins Schilf schippern und dadurch Enten von ihren Eiern vertreiben. Schlimm seien die Stand-up-Paddler, die die Vögel aufschreckten. „Weil die Tiere denken, das Paddel sei das Gewehr eines Jägers“, meint der 77-Jährige.

Kinshofer hat Ausweitung der Vogelschutzzone beantragt

Um seine Schützlinge zu verteidigen, hat Kinshofer, der Vorsitzende der Kreisgruppe Miesbach im Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV), beim Landratsamt einen Antrag eingereicht. Darin fordert er, die Vogelschutzzone am Seehamer See im Westen und Süden zu erweitern, die bestehende im Westen ist mit Bojenketten gekennzeichnet. Denn Kinshofer und seine Kollegen haben bei der Wasservogelzählung im Herbst 2020 einen Artenschwund von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr festgestellt. Schuld daran seien die vielen Wassersportler. Zugleich bittet der 77-Jährige darum, die Winterruhe-Sperrzeit – die derzeit von 1. Dezember bis 14. April gilt – zu verlängern. Neuer Starttermin soll der 2. November sein. Der Grund: Der Haubentaucherzug etwa – die Vögel rasten sonst gerne am Seehamer See, bevor sie weiter gen Süden fliegen – sei vergangenen November nahezu ausgefallen. Außerdem: „Kite-Surfer bitte ganzjährig rausnehmen, der See ist dafür zu klein, da flüchten alle Wasservögel von der kompletten Seefläche“, bittet Kinshofer. „Der Vorstoß kam nicht gut an“, weiß der Miesbacher. „Wenn man die Freizeit einschränken will, stößt man gegen eine Wand.“

Isarfischer sind sauer

Tatsächlich hat Kinshofers Antrag großen Widerstand bei vielen Nutzern des Sees ausgelöst. Sauer sind die Isarfischer, die Pächter des Sees. „Wir können nicht den halben See mit Bojenketten zumachen und alle Leute aussperren“, schimpft Günter Hawel, Fachmann für Gewässer. Schon in der Vergangenheit habe sein Verein viele Kompromisse gegenüber Kinshofer gemacht, etwa die bestehende Bojenkette geduldet, obwohl dort Köder hängen bleiben. Das kann Willi Ruff, Vorsitzender der Isarfischer und zugleich Vizepräsident der Angelfischer beim Landesfischereiverband Bayern, bestätigen. Kinshofer betreibe eine „Salamitaktik“. Er fordere immer mehr. „Aber irgendwann ist die Salami zu Ende geschnitten.“ Sogar Landtagspräsidentin Ilse Aigner habe vor zwei Jahren bei einem Treffen gesagt: „Herr Kinshofer, jetzt muss mal Schluss sein“, berichtet Ruff. Er findet, man müsse den Ausflüglern gegenüber tolerant sein. Daher seien die Isarfischer gegen eine Erweiterung der Vogelschutzzone, obwohl sie selbst von den Maßnahmen nicht betroffen wären. Aber das, mahnt Hawel, stoße auf Unverständnis bei Freizeitsportlern, die draußen bleiben müssen. Zudem denke Kinshofer nur an die Vögel. „Auf die Fische nimmt er keine Rücksicht.“ Sein Verein gebe viel Geld dafür aus, Fische einzusetzen, die wiederum als Vogelfutter enden. Ruff ärgerte sich darüber, dass Kinshofer den Antrag ohne Rücksprache verfasste. „Das ist allen sauer aufgestoßen.“

Auch Menschen müssten zu ihrem Recht kommen

Auch die Wasserwacht Miesbach, die den Seehamer See betreut, lehnt eine Ausweitung der Vogelschutzzone ab, betont Vorsitzender Bernhard Heidl. Der Freizeitdruck sei gar nicht so hoch. „Wir sind schon für Natur- und Vogelschutz“, sagt er. „Aber Tiere und Menschen müssen zu ihrem Recht kommen.“ Außerdem müsse man auch wirtschaftliche Interessen beachten, es gebe am Ufer zwei Campingplätze und einen Bootsverleih. Armin Seibald, Besitzer des Campingplatzes Seehamer See, findet ebenfalls, dass es ein Miteinander von Mensch und Natur sein muss. Die Betreiber des Campingplatzes Großseeham samt Bootsverleih waren bis Redaktionsschluss nicht erreichbar. Kinshofer betont, dass der Bootsverleih immer zum 1. November endet – und erst einen Tag später soll die Winterruhe starten.

Rabiate Ausflügler

Anwohner Ingo Höhbauer berichtet, dass sich Andrang und Verhalten der Ausflügler gebessert haben, dank der Corona-Lockerungen. Schlimm sei es im Lockdown 2020 gewesen. Auswärtige parkten die Osterseestraße voll, pumpten Stand-up-Boards mit lauten Kompressoren auf und schleiften sie über die Wiese zum See. Anwohner beklagten sich. Auch sie aber wollen den See nutzen, weshalb Höhbauer weitere Verbote für falsch hält.

Bürgermeister hofft auf Runden Tisch

Bürgermeister Leonhard Wöhr (CSU) hofft nun, mit einem Runden Tisch mit allen Beteiligten unter Moderation der Gemeinde die Wogen zu glätten. Er bestätigt den gestiegenen Freizeitdruck. Man wolle nun „den kleinsten gemeinsamen Nenner“ finden. Kinshofer verspricht, seinen Antrag bis zu diesem Treffen auf Eis zu legen. Seine Vögel im Stich lassen will er nicht.

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