In einem Regal eines Bestatters steht eine Urne
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Miesbach: Ein Unbekannter klaute eine Urne aus einer Aussegnungshalle (Symbolbild).

„Der Papa war weg“

Bei Beerdigung: Unbekannter klaut Urne samt Asche - Bestatter mit Vermutung zu Tat-Motiv

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  • Christine Merk
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  • Sebastian Grauvogl
    Sebastian Grauvogl
  • Julian Baumann
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In Miesbach sollte eine Beisetzung auf dem Friedhof stattfinden. Bevor es dazu kommen konnte, war der Verstorbene auf einmal verschwunden - die Polizei Miesbach ermittelt.

  • Am Donnerstag sollte ein 86-Jähriger auf dem Friedhof in Miesbach* beerdigt werden.
  • Doch bevor die Zeremonie beginnen konnte, stahl ein Unbekannter die Urne mit den Überresten des Mannes.
  • Die Polizei Miesbach nahm die Ermittlungen auf - sie halten zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch an.

Update vom 17. August, 21.45 Uhr: Am Donnerstag wurde aus der Aussegnungshalle am Miesbacher Waldfriedhof die Urne gestohlen. Vom Täter fehlt jede Spur. Ein Facebook-Aufruf hat keinen Erfolg gebracht.

Darauf nämlich ruht die Hoffnung der Familie: Dass der Dieb ein Einsehen hat und die Urne zurückbringt oder auch an einem anderen Ort abstellt und Bescheid gibt. Matthias Rauffer, dessen Bestattungsinstitut mit der Beerdigung beauftragt war, kann die Verzweiflung der Familie verstehen, nicht zu wissen, wo die Asche geblieben ist. „Wenn der Täter merkt, was er angerichtet hat, kann er die Urne jederzeit zurückbringen“, erklärt er.

Die Aussegnungshalle am Waldfriedhof stehe dafür nun rund um die Uhr offen. Das Bestattungsinstitut habe dort einen Ständer platziert, in dem die Urne abgestellt werden könnte. Rauffer verspricht, dass der Raum nicht videoüberwacht ist. Es gehe der Familie nicht um eine Bestrafung, sondern einfach darum, die Asche wieder zu bekommen.

Für die Tat hat Rauffer indes keine Erklärung. Am ehesten kann er sich noch vorstellen, dass jemand dem Verstorbenen versprochen hat, die Asche an einen bestimmten Ort zu bringen. Den Zeitpunkt für die Tat müsse der Dieb fast schon abgepasst haben, vermutet Rauffer. Denn zehn Minuten vor Beginn der Trauerfeier in der Stadtpfarrkirche war die Urne noch da, fünf Minuten später, als sich die Trauergäste auf den Weg zur Kirche gemacht hatten und einer seiner Mitarbeiter bei der Aussegnungshalle eintraf, war sie verschwunden. Rauffer, der sofort telefonisch benachrichtigt wurde, hoffte erst noch, dass die Familie die Urne mit zur Kirche genommen habe. Parallel informierte er die Polizei. Die ermittelt nun wegen Störung der Totenruhe.

Update vom 16. August 2020, 20.31 Uhr: Mit eigenen Händen wollte Robert Ellmann seinen Papa zum Familiengrab tragen. „Ich war bei ihm, als er gestorben ist, also wollte ich ihn auch auf dem Weg zu seiner letzten Ruhestätte begleiten“, erzählt der 51-Jährige mit brüchiger Stimme. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen: Als die Trauergemeinde nach dem Gottesdienst in der Miesbacher Stadtpfarrkirche zur Aussegnungshalle auf dem Waldfriedhof zurückkehrte, war die Urne mit der Asche von Wilhelm Ellmann (86) verschwunden! Die Blumen, das Foto, alles war noch da, „aber der Papa war weg“, sagt Ellmann. Für das, was er und seine Familie in diesem Moment gefühlt haben, findet der Sohn nur ein Wort: absolute Fassungslosigkeit und tiefen Schmerz. „Jetzt können wir uns nicht verabschieden.“

Als Ellmann und seine Lebensgefährtin am vergangenen Donnerstag gegen 13.30 Uhr zum Miesbacher Friedhof kommen, sind sie traurig, aber gefasst. Sie betreten die Aussegnungshalle, legen ein Blumengesteck vor der Urne nieder, bereiten sich in Stille auf den Abschied vor. Auch Robert Ellmanns Schwester ist da. Sie streichelt sanft über die Urne, ein letzter zärtlicher Gruß. Dann macht sich die Familie auf den Weg zur Kirche. Kurz danach erhält der Verstorbene aber nochmals Besuch: Ein guter Freund habe gemeint, die Trauerfeier finde auf dem Friedhof statt, erzählt Ellmann. „Er hat Papas Urne noch gesehen.“

Während Beerdigung in Miesbach: Unbekannter klaut Urne - „Furchtbare Situation“

Was in den wenigen Minuten danach passiert ist, darüber zerbricht sich die Familie seit Donnerstag den Kopf. Fest steht nur, dass die Urne kurz vor der Beisetzung von einem unbekannten Täter entwendet wird. Zuerst glauben die Familienmitglieder an einen maka­bren Scherz. Sie suchen den Friedhof ab. Doch der Papa bleibt unauffindbar. Die katholische Gemeindereferentin Michaela Meier, die den Gottesdienst zelebriert hat und die Beerdigung leiten sollte, versucht, den Angehörigen in dieser emotionalen Ausnahmesituation beizustehen. „Auch mich trifft dieser Vorfall ins Herz“, sagt Meier. Und Miesbachs Pfarrer Michael Mannhardt ist sprachlos wegen des Vorfalls auf dem Friedhof. „Es ist schockierend für alle Beteiligten“, es sei dies eine „furchtbare Situation“.

Miesbach: Unbekannter klaut Urne - Emotionaler Aufruf auf Facebook veröffentlicht

Als sich die erste Aufregung gelegt hat, verständigen die Angehörigen die Polizei, die wegen Störung der Totenruhe ermittelt. Gleichzeitig startet Robert Ellmann in seiner Verzweiflung bei Facebook einen Aufruf. In einem ergreifenden Video bittet er um Hinweise auf seinen Papa. Es geht dem Sohn nicht um die Bestrafung des Täters. Er wolle nur seinen Papa wiederhaben – und wissen, warum jemand seiner Familie so etwas Schlimmes angetan hat. „Eine Begründung hätte ich schon gern, von mir aus auch als anonymer Brief.“

Einen persönlichen Hintergrund schließt er aus. Er könne sich nicht vorstellen, dass jemand seinem Papa oder seiner Familie schaden wolle. Für wahrscheinlicher hält der 51-Jährige, dass es der Dieb auf den Materialwert der Urne abgesehen hat. Vielleicht habe der Täter auch einen Wertgegenstand im Inneren vermutet. Robert Ellmann geht es hingegen um die Asche. „Ich will wissen, was aus meinem Papa geworden ist.“ Selbst wenn der Dieb die Überreste verstreut hat, möchte der Sohn den genauen Ort kennen. „Egal, wo der Papa jetzt ist: Ich möchte endlich Servus sagen.“ Sebastian Grauvogl

Miesbach: Während Beerdigung: Unbekannter klaut Toten und flüchtet mit ihm

Miesbach - Am Donnerstag, den 13. August wollten Angehörige einen verstorbenen 86-Jährigen in Miesbach beerdigen. Wegen des Coronavirus gelten für Beisetzungen strenge Regeln*. Eine tröstende Umarmung, ein freundlicher Händedruck oder Nähe im Allgemeinen sind wegen der aktuellen Lage nicht möglich. Dabei wären gerade diese Handlungen so wichtig für die Angehörigen, um die Trauer über den Tod eines Menschen besser ertragen zu können. Für die Angehörigen des 86-Jährigen war jedoch nicht Corona* das Problem, ein Unbekannter stahl die Urne mit den Überresten des Mannes.

Beisetzung in Miesbach: Unbekannter verschwindet mit Urne - Hintergrund ist noch unklar

Tatort Friedhof: Hier wurde am Donnerstag ein Verstorbener geklaut.

Wie die Polizei am Freitag mitteilte, wurde die Urne des Verstorbenen für die Zeremonie in einer Aussegnungshalle aufgestellt. Zwischen 13:30 Uhr und 13:45 Uhr entwendete der bislang unbekannte Täter die Urne mit der Asche des 86-Jährigen aus der Halle und floh damit. Ob es sich bei dem Täter selber um einen Angehörigen handelte, der sich die Beisetzung möglicherweise anders vorgestellt hatte, ist nicht bekannt.

Auch auf Anfrage der tz sagte ein Sprecher der Polizei Miesbach, dass die Ermittlungen aktuell noch laufen. Man könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Angaben zum Täter, dem Tathergang oder zum Motiv der Tat machen. Nach dem Raub der Urne aus der Aussegnungshalle ermittelt die Polizei wegen Störung der Totenruhe. Zeugen, die Angaben zu der Tat oder dem Tathergang machen können, werden gebeten sich unter der Telefonnummer 08025/2990 bei der Polizei zu melden.

Beisetzung in Miesbach: Meldung der Polizei im Wortlaut

Miesbach – Am 13.08.2020 sollte die Beisetzung eines 86-Jährigen verstorbenen Miesbachers am Friedhof stattfinden. Hierfür wurde die Urne des Verstorbenen in der Aussegnungshalle aufgestellt. Zwischen 13:30 Uhr und 13:45 Uhr entwendete der bislang unbekannte Täter die Urne aus der Halle und verschwand damit. Die Polizei Miesbach ermittelt wegen der Störung der Totenruhe und bittet Personen, welche Beobachtungen gemacht haben sich als Zeugen unter der Telefonnummer 08025/2990 zu melden.“

Die Stadt Miesbach lässt seit Anfang letzten Jahres Baumbestattungen zu*. Auf dem Friedhof in Miesbach gibt es einen kleinen eingegrenzten Bereich. In diesem Bereich können Angehörige die Urnen mit den Überresten der Verstorbenen unter Bäumen beisetzen lassen. (*Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.)

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