Leck und teuer: Weil das marode Becken des Alpenfreibads Wasser verliert und die veraltete Technik Geld verschlingt, ist Bayrischzell der Betrieb zu teuer. Wie es für das Bad weitergeht, entscheiden nun die Bürger: Bürgerbegehren, Ratsbegehren oder Schließung? Foto: Thomas Plettenberg
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Leck und teuer: Weil das marode Becken des Alpenfreibads Wasser verliert und die veraltete Technik Geld verschlingt, ist Bayrischzell der Betrieb zu teuer. Wie es für das Bad weitergeht, entscheiden nun die Bürger: Bürgerbegehren, Ratsbegehren oder Schließung?

Drei Optionen zur Wahl

Bayrischzell stimmt über Alpenfreibad ab: Alle Infos - Das sagen Bürgermeister und Bürgerbegehren-Initiatoren

  • Christian Masengarb
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Das marode Alpenfreibad ist Bayrischzell zu teuer geworden. Wie es für das Bad weitergeht, entscheiden nun die Bürger: Bürgerbegehren, Ratsbegehren oder Schließung? 

Bayrischzell – Wenn die Bayrischzeller Bevölkerung in den nächsten knapp zwei Wochen über die Zukunft ihres Alpenfreibads abstimmt, treffen sie eine wegweisende Entscheidung für die Zukunft ihrer Gemeinde. Der im Juli von Gemeinderat und Bürgermeister Georg Kittenrainer (CSU) mit einem Ratsbegehren angestoßene Bürgerentscheid hat durch ein zusätzliches Bürgerbegehren dem Bad die Brisanz gebracht, die Kittenrainer eigentlich vermeiden wollte. Inzwischen geht es für die Bayrischzeller um mehr als um die Wasserfläche in der Dorfmitte. Die Auszählung am Sonntag, 29. November, entscheidet wohl auch über bezahlbaren Wohnraum und Investitionen auf Jahrzehnte.

Die Geschichte

Ursprünglich wollte Kittenrainer die Bürger befragen, um die Einheit der Gemeinde zu wahren. Das marode Alpenfreibad verschlingt jährlich Unmengen, eine Sanierung kostet wohl Millionen. So viel Geld wollten Kittenrainer und der Gemeinderat nur mit Zustimmung der Bürger ausgeben. Auch die Alternative, die Schließung des Bads, wollten sie nicht alleine beschließen. Das Ratsbegehren sollte garantieren, dass die Gemeinde in die Richtung geht, die die Mehrheit unterstützt.

Zumindest vor der Abstimmung sorgte die Bürgerbefragung aber eher für Uneinigkeit. Alexander Jonscher, Robert Mörtl und Barbara Wittmann haben ein konkurrierendes Bürgerbegehren eingereicht, dass im Stadtrat und an den Stammtischen heiß diskutiert wurde (wir berichteten). Die Folge: Gerüchte und Anschuldigungen in alle Richtungen.

Die Optionen

Der Unterschied zwischen Rats- und Bürgerbegehren liegt im Detail, hat aber weitreichende Folgen: Bürger- und Ratsbegehren wollen das Bad beide erhalten. Das Bürgerbegehren fordert dies aber „im derzeitigen Umfang“ und ohne Verkauf des Grundstücks. Das Ratsbegehren hält sich diese Optionen offen. Es fragt nur, ob Bayrischzell weiter ein beheiztes Freibad betreiben solle.

Gewinnt das Ratsbegehren, wären also auch ein verkleinertes Bad an gleicher Stelle oder ein Umzug an den Seeberg möglich. Für Kittenrainer ist der Umzug die Königslösung: Dann könne die Gemeinde am derzeitigen Standort bezahlbaren Wohnraum für Einheimische schaffen, wirbt er.

Strittig ist, ob das vorliegende Sanierungskonzept des Freibads auch mit dem Bürgerbegehren umgesetzt werden könnte. Der im Gemeinderat vorgestellte 2,1-Millionen-Euro-Plan (wir berichteten) ist auch bei Unterstützern des Bürgerbegehrens beliebt, will die Schwimmfläche aber um ein Drittel verkleinern. Nach seinem Rechtsverständnis sei das mit einem Begehren, dass den Erhalt im derzeitigen Umfang fordert, unmöglich, sagt Kittenrainer. Er rechnet bei einem Sieg des Bürgerbegehrens mit einer deutlich teureren Sanierung.

Die Initiatoren widersprechen beiden Punkten: Sie halten die vollständige Sanierung für rund 700 000 Euro für möglich. Gleichzeitig argumentieren sie in einem Flugblatt, das Bad könne auch im derzeitigen Umfang erhalten werden, wenn die Gemeinde das Becken verkleinert. So lange sie das Grundstück vollständig bewahrt, genüge das dem Sinne des Bürgerbegehrens.

Die Wahl

Bis Sonntag, 29. November, können rund 1400 wahlberechtigte Bayrischzeller abstimmen, welche Argumente sie überzeugen. Fast alle von Ihnen dürften das wegen Corona per Briefwahl tun, glaubt Josef Acher, Geschäftsleiter des Rathauses. Die Briefwahlunterlagen haben sie bereits bekommen. Wer persönlich wählen will, kann das am 29. November von 8 bis 18 Uhr im Rathaus.

Stimmt die Mehrheit der Bayrischzeller bei beiden Begehren mit nein, wird keines von beiden umgesetzt. Dann bleibt das Freibad geschlossen. Der Betrieb der maroden Einrichtung ist der Gemeinde zu teuer. Auch in diesem Fall könnte die Gemeinde auf dem Grundstück bezahlbaren Wohnraum schaffen, würde sich aber den Umzug des Bads an den Seeberg sparen. Setzt sich ein Begehren durch, ist es für den Gemeinderat ein Jahr lang bindend.

Wichtig für die Abstimmung: Weil die Bayrischzeller beide Begehren befürworten können, stellt die Gemeinde zusätzlich eine Stichfrage. Mit dieser wählen Stimmberechtigte, die beide Fragen bejahen, welche Option ihnen lieber ist.

Das Ergebnis der Abstimmung erfahren sie noch am 29. November. Gegen 19 Uhr, glaubt Acher, wird die Zukunft des Alpenfreibads feststehen.

Die Meinungen der Initiatoren

Für das Bürgerbegehren: Alexander Jonscher, Mitinitiator: Die Attraktion für den Sommer erhalten

Aufgepasst Bayrischzeller, jetzt haben wir die Chance, Gutes für die Gemeinschaft und die Umwelt zu tun: Das Alpenwarmfreibad in seiner jetzigen Lage macht Bayrischzell attraktiv – erhalten wir es! Jetzt sozial verantwortlich investieren und keine Steuergelder mehr verschwenden. Unser Bad ist eine Sport- und Begegnungsstätte im grünen Herzen Bayrischzells – in sonniger, windgeschützter Lage, für alle zugänglich: ein alternativloser Standort. Lasst uns ganzheitlich denken für das Dorf: Eine nachhaltige Entwicklung für glückliche Bürger ist die Zukunft. Schwimmen ist ein preiswertes Kur- und Freizeitangebot für alle. Es ist Teil der sozialen Daseinsvorsorge. Es macht den Sommertourismus attraktiv! Gäste bemängeln die Distanz zum nächsten See und entscheiden sich oft gegen Bayrischzell. Da der Wintertourismus nur mittelfristig durch enorme Aufwendungen gesichert scheint, ist es umso existenzieller, die Attraktionen für den Sommer zu erhalten und auszubauen. Im Lichte dieser für alle nachvollziehbaren Entwicklung erscheint die Schließung des Freibades wie ein Suizidversuch. Das Schwimmbad ist systemrelevant: Schwimmen ist Teil der Sport- und Gesundheitsförderung der gesamten Bevölkerung.

Alexander Jonscher (links) und Barbara Wittmann: Zwei der drei mit Initiatorin des Bürgerbegehrens

Unser Schwimmbad stellt ein wichtiges, traditionelles Kulturgut da. In Eigenregie von Bayrischzellern im Sommer 1928 eröffnet, sukzessive erweitert, 1957 modernisiert, ist es eines der schönsten Alpenbäder. Fast 100 Jahre! Es gibt mehrere Möglichkeiten einer staatlichen Förderung für eine Sanierung, nicht aber für einen Neubau. In diversen Sanierungsvorschlägen wurde festgestellt, dass Schließung und Neubau überflüssig sind. Eine nachhaltige Sanierung, auch mit Beckenverkleinerung, wird langfristig kostengünstig für Bayrischzell finanzierbar sein. Wohnraum für Einheimische? Wer profitiert? Das Schwimmbad ist Werbung für den ganzen Ort. Eine Investition in den Sommertourismus bringt auf breiter Front Einnahmen in den Ort und sichert die gesamte Infrastruktur. Denkt dran: Was weg is, is weg.

Für das Ratsbegehren: Georg Kittenrainer, Bürgermeister: Für Schwimmbad und bezahlbaren Wohnraum

Das Thema Warmfreibad bewegt die Gemüter im Ort. Es war von Anfang an meine Idee, die Bürger über die Zukunft des Bades selbst abstimmen zu lassen. Darum ist es wichtig, die Folgen der Abstimmung klar zu benennen. Bei einem Ja zum Ratsbegehren werden wir nach Lösungen suchen, dauerhaft ein Warmfreibad in Bayrischzell zu betreiben. Dazu soll entweder am Seeberg ein neues Schwimmbad errichtet oder das bestehende Bad in kleinerer Form neu gebaut werden. Zur Refinanzierung könnten in beiden Fällen Teile aus dem jetzigen Schwimmbadareal verkauft werden. Die Flächen würden dann bevorzugt an Einheimische und Familien zu erschwinglichen Preisen veräußert. Sollten sich die Wähler gegen das Schwimmbad entscheiden, würden die Flächen ebenfalls für bezahlbaren Wohnraum genutzt. Es ist festzustellen, dass jeder Betrieb des Schwimmbades (egal ob aufgrund Ratsbegehren oder Bürgerbegehren) die Gemeinde Bayrischzell künftig mit rund 200 000 Euro pro Jahr belasten wird.

Georg Kittenrainer

Das Bürgerbegehren fordert den Erhalt des Schwimmbades im jetzigen Umfang – also auch mit gleicher Beckengröße. Diese Beckenerneuerung würde weit über drei Millionen kosten. Das kann die Gemeinde nicht finanzieren. Somit bliebe bei einem Ja zum Bürgerbegehren nur die Möglichkeit, das Schwimmbad im maroden Istzustand weiter zu betreiben. Die Restlaufzeit dürfte aber sehr beschränkt sein. Ich bitte die Bürger, mit der im Ratsbegehren gestellten Frage ihre Meinung kundzutun und im Bürgerbegehren in jedem Fall mit Nein zu stimmen. Ebenso wichtig ist es, in der Stichfrage das Ratsbegehren anzukreuzen. Das Bürgerbegehren wurde ins Leben gerufen, ohne ein einziges Mal mit Gemeindevertretern zu sprechen. Es soll die Gemeinde zwingen, gemäß eines Sanierungskonzepts zu handeln, welches von den Initiatoren selbst schon als nicht mehr umsetzbar erkannt wurde. Da keine seriösen Finanzierungsvorschläge gemacht wurden, wäre ein Ja zum Bürgerbegehren mittelfristig das Aus für unser Schwimmbad.

Tourist-Info Leiterin Hintermayr: Alpenfreibad für Gäste „gar nicht so entscheidend“

Was Stephanie Hintermayr über die Bedeutung des Alpenfreibads für den Tourismus herausgefunden hat, rückt einige Argumente zu dessen Zukunft in neues Licht. Als Leiterin der Tourist-Info Bayrischzell will Hintermayr tolle Angebote für Besucher: „Ein Schwimmbad ist ein tolles Angebot.“ Auch privat schätzt sie das Bad als Erholungsoase für sich selbst, die Familie und die Bayrischzeller. Dennoch sagt sie: „Für den Tourismus ist das Alpenfreibad gar nicht so entscheidend.“ Hintermayr hat recherchiert. Sie wollte ihre Meinung nicht auf Hörensagen oder subjektive Eindrücke bauen. Sie wollte belastbare Zahlen. Wie viele Urlauber besuchen das Bad jährlich mit einer Gästekarte? Wie viele nutzen andere Angebote mit ihrer Gästekarte? Welche Angebote bieten dem Tourismus die beste Preis-Leistung? Die Ergebnisse, sagt sie, seien eindeutig.

Stephanie Hintermayr (M.) und die Teilnehmer einer Führung durch Bayrischzell

Die wichtigste Zahl: Jährlich entfallen rund zehn Prozent der Eintritte im Alpenfreibad auf Urlauber. Selbst im Super-Sommer 2018 waren es nur rund 1100 Besucher. Darunter einige, die mehrfach kamen, und einige mit Gästekarten anderer Kommunen. Hintermayrs Fazit: „Es sind nur ein paar Hundert Bayrischzeller Gäste jährlich, die das Schwimmbad nutzen.“ Von knapp 200 000, die nach Bayrischzell kommen. Für diese Millionen ausgeben? Aus ihrer Sicht keine optimale Investition. Zum Vergleich: Die Wendelsteinringlinie nutzen rund 3500 Gäste jährlich. ÖPNV, Spielplätze, Wanderwege – „offensichtlich sind solche Angebote wichtiger für den Tourismus als das Freibad.“

Zur Abstimmung Ende November hat Hintermayr daher eine klare Meinung: „Das Ratsbegehren ist die bessere, bezahlbare Alternative. Es erhält ein Schwimmbad, hat aber die Kosten im Auge.“ Steckt Bayrischzell Millionen in das Freibad, könnte es auf Jahre weniger andere Projekte durchbringen, die wichtiger für Tourismus und Bürger seien. „Man kann sich das nicht schönreden. Es tut weh, wenn wir uns so ein wunderschönes Bad nicht mehr leisten können. Aber wir dürfen uns die Zukunft nicht verbauen.“

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