Erfahren und motiviert: Gerhard Henrikus aus Bayrischzell ist der neue Behindertenbeauftragte des Landkreises. Er verspricht: Wenn es um den Einsatz für Behinderte geht, nimmt er sich immer Zeit. Foto Thomas Plettenberg
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Erfahren und motiviert: Gerhard Henrikus aus Bayrischzell ist der neue Behindertenbeauftragte des Landkreises. Er verspricht: Wenn es um den Einsatz für Behinderte geht, nimmt er sich immer Zeit.

„Ich weiß, dass nicht alle jubeln werden“

Gerhard Henrikus (64) über seine Ziele als neuer Kreisbehindertenbeauftragter

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Gerhard Henrikus ist seit Anfang des Jahres neuer Kreisbehindertenbeauftragter. Im Interview erklärt der 64-jährige Bayrischzeller und gebürtige Saarländer, was er vorhat.

Bayrischzell – Gerhard Henrikus tritt seit Anfang des Jahres in große Fußstapfen: Der 64-jährige Bayrischzeller und gebürtige Saarländer, der seit 1986 in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, hat als neuer Kreisbehindertenbeauftragter das Amt übernommen, das der Kreistag im Jahr 2000 für seinen umtriebigen Vorgänger Anton Grafwallner geschaffen hatte (wir berichteten). Im Interview erklärt Henrikus, wo er zuerst ansetzt und ob er den Stil seines Vorgängers weiterführt.

Gerhard Henrikus (64) über seine Ziele als neuer Kreisbehindertenbeauftragter

Herr Henrikus, der Kreistag hat Sie aus elf Bewerbern als neuen Kreisbehindertenbeauftragten ausgewählt. Was hat Sie motiviert zu kandidieren?

Ich bin Konzernschwerbehindertenvertreter bei Linde in Pullach, gehe aber in rund eineinhalb Jahren in Rente. Deswegen habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, mich auch darüber hinaus für Behinderte zu engagieren. Sie haben nicht die stärkste Lobby, aber es ist eine sehr wichtige Aufgabe. Dafür will ich mein Wissen und meine Erfahrung weiter einsetzen. Die nächsten Monate habe ich also doppelt Arbeit. Aber ich habe noch nie auf die Uhr geschaut, wenn es um das Engagement für Behinderte geht.

Nützen Ihnen Ihre Erfahrungen aus dem Beruf in der Verwaltung etwas?

An den Umgang mit Politikern muss ich mich noch ein wenig gewöhnen. Aber die Gremienarbeit kenne ich aus der Firma gut. Linde ist ja ein großes Unternehmen. Ich bin es gewohnt, für die Interessen Behinderter im Umfeld vieler Interessengruppen einzutreten und Menschen zusammenzubringen.

Kommen wir zu einem Aufreger-Thema: Was halten Sie von den Lint-Zügen der BRB?

Die Lint-Züge sind in meinen Augen ein Scherz. Ich fahre selbst mit der Bahn. Die Stufe beim Einstieg ist für viele Behinderte einfach zu hoch. Ich weiß nicht, ob wir da kurzfristig viel ändern können. Aber der Versuch ist auf jeden Fall löblich. Als Behindertenbeauftragter macht man sich nicht immer beliebt. Aber es geht darum, einen langen Atem zu beweisen. Darum, zu sagen: „Wenn es jetzt nicht geht, versuchen wir es nächstes Jahr wieder.“ Das werde ich auch in diesem Fall tun. Frustrationstoleranz und Diskussionsfähigkeit bringe ich mit. Ich weiß, dass nicht alle jubeln werden. Aber so ist das eben.

Klingt, als wollten Sie den Stil Ihres Vorgängers fortsetzen.

Herr Grafwallner war hochaktiv. Ich werde das in der Form weiterführen. Aber ich werde die Behindertenvertretung nicht neu erfinden. Dafür war Herr Grafwallner zu gut, engagiert und erfolgreich. Er hat hervorragende Arbeit geleistet.

Ganz oben auf Ihrer Projektliste steht ein Herzensprojekt des Vorgängers.

Richtig: Ein Update für den Behindertenkompass, den Herr Grafwallner erschaffen hat. Die Internetseite listet unter anderem barrierefreie Bahnhöfe, Gastgeber und Freizeitangebote auf. Die Technik und die Daten sind teilweise aber schon ein wenig älter. Das will ich erneuern. Behinderte sollen das Vertrauen haben, dass das, was dort steht, definitiv stimmt.

Wo wollen Sie noch ansetzen?

Derzeit liegen einige Bauanträge bei mir auf dem Schreibtisch. Die Renovierung der Berufsschule in Miesbach und die Erweiterung im Kindergarten Warngau zum Beispiel. Außerdem will ich bei der Inklusion ansetzen, etwa bei kontrastreichen Fahrplänen, die auch Sehbehinderte lesen können, und Induktionsschleifen für Hörbehinderte bei Übergängen. Auch sollten öffentliche Gebäude Feueralarme bekommen, die über zwei Sinne wahrgenommen werden können.

Hat Ihnen Corona den Start erschwert?

Der Lockdown erschwert die Sache schon ein wenig. Sonst ist natürlich es einfacher, mit Gesprächspartnern Auge in Auge zu reden. Aber deswegen wird nichts liegen bleiben.

Anton Grafwallner über Nachfolger: „Wir haben einen guten Fang gemacht.“

Der langjährige Behindertenbeauftragte der Gemeinde Gmund und des Landkreises, Anton Grafwallner (72), sieht die Anliegen der Menschen mit Behinderung bei seinem Nachfolger Gerhard Henrikus in den richtigen Händen: „Ich glaube, wir haben einen guten Fang gemacht“, sagt Grafwallner unserer Zeitung. „Der Kreistag hat eine gute Entscheidung getroffen.“

In 20 Jahren als Behindertenbeauftragter hat Grafwallner nachhaltige Spuren hinterlassen: Er schuf den Behindertenkompass (siehe Interview) und kämpfte sieben Jahre lang – letztlich erfolgreich – für einen Aufzug und eine behindertengerechte Toilette in der Gnadenkapelle Birkenstein. Außerdem entwickelte er die Gmunder Überwege mit, eine behindertengerechte Querungshilfe, die über den Landkreis hinaus eingesetzt wird. Bei Themen wie den neuen Lint-Zügen der BRB trat er ausdauernd für die Belange von Menschen mit Behinderung ein. „Ich möchte die Zeit als Behindertenbeauftragter in meinem Leben nicht missen“, sagt Grafwallner unserer Zeitung.

Grafwallner will nun Henrikus die Hauptrolle im Kampf für Behinderte überlassen, sich aber zu Wort melden, wenn dies nötig sei. Seinem Nachfolger wünscht er nun viel Kraft, Energie und Durchsetzungsvermögen im Ringen mit Politikern, Entscheidern und Fachbehörden. Aus eigener Erfahrung wisse er: „Man braucht einen langen Atem.“

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