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Ein Mann mit Weitblick: Bayrischzells Bürgermeister Georg Kittenrainer zieht es in seiner Freizeit in die Berge. Wie hier auf der Zelleralm an der Sudelfeldstraße kommen ihm die besten Ideen für seinen Ort.

Bayrischzells Bürgermeister im Interview

Kittenrainer: „Ein kleiner Ort muss um vieles kämpfen“

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Drei Jahre nach der Kommunalwahl haben wir die neu gewählten Bürgermeister um eine Halbzeitbilanz gebeten. Diesmal erklärt Georg Kittenrainer, wie er den Spagat zwischen Wachstum und Natur meistert.

Bayrischzell – Georg Kittenrainer ist ein bodenständiger Mann. Und wenn der Bürgermeister doch einmal von oben auf sein Bayrischzell herabschaut, dann sitzt er auf irgendeinem der umliegenden Gipfel. Dort macht sich der Landwirt und Vater von vier Kindern Gedanken, wie er sein Dorf in die Zukunft führen kann, ohne es seines ursprünglichen Charakters zu berauben. Im Interview zieht der 34-Jährige Bilanz über seine ersten drei Jahre als ehrenamtlicher Bürgermeister. Ein Gespräch über notwendiges Wachstum, unumstößliche Prinzipien und die Herausforderungen einer kleinen Gemeinde.

-Herr Kittenrainer, Sie sind Familienvater, Landwirt und Bürgermeister. Welche dieser Rollen fordert Sie am meisten?

Kittenrainer: Ich finde, dass sie sich sehr gut ergänzen. Wenn ich im Rathaus am Schreibtisch sitze, erhole ich mich von daheim. Und wenn ich daheim bin, erhole ich mich vom Amt als Bürgermeister. So bin ich eigentlich immer erholt.

-Freizeit brauchen Sie also keine?

Kittenrainer: Ich habe das große Glück, in einer Gemeinde zu leben und zu arbeiten, in der sich Arbeit und Freizeit sehr leicht miteinander verbinden lassen. Da muss man sich nicht erst ins Auto setzen, um sich in der Natur zu erholen. Mich zieht es dabei meistens in die Berge. Mal mit dem Mountainbike, mal zu Fuß. Zuerst kämpft man sich nach oben und wird dann mit einer herrlichen Aussicht belohnt. Das ist immer wieder eine besondere Erfahrung.

-Was sehen Sie denn, wenn Sie von oben auf Ihren Ort herunterschauen?

Kittenrainer: In erster Linie ein intaktes Dorf mit vielen grünen Wiesen drumherum. Einen Ort, wo sich Einheimische wie Gäste gleichermaßen wohlfühlen. Das zu erhalten, haben wir uns im Gemeinderat als Ziel gesetzt. Und ich denke, dass uns das in den ersten drei Jahren gut gelungen ist. Auf unseren Lorbeeren ausruhen dürfen wir uns deshalb aber nicht.

-Wobei Erhalt im ersten Moment eher nach Stillstand klingt...

Kittenrainer: Da bin ich anderer Auffassung. Ein Ort mit 1600 Einwohnern muss um vieles kämpfen, was in größeren Gemeinden selbstverständlich ist. Das geht von der Nahversorgung über die Grundschule bis hin zu den Arbeitsplätzen. Wenn wir diese Grundbedürfnisse nicht mehr abdecken können, stirbt Bayrischzell langsam aber sicher aus. Zweitwohnsitzler und Gäste alleine bringen unseren Ort nicht nach vorne. Wir müssen deshalb darauf achten, dass nicht nur die Übernachtungs-, sondern auch die Einwohnerzahlen wieder wachsen. 200 Bayrischzeller mehr täten uns sicher gut.

-Aber wie lässt sich das mit dem Erhalt der grünen Wiesen vereinbaren?

Kittenrainer: Indem wir zuerst die Lücken im Ortskern schließen. Mit dem geplanten Familienhotel auf dem ehemaligen AOK-Gelände ist uns da ein wichtiger Schritt gelungen. Wo 17 Jahre Leerstand war, entstehen jetzt nicht nur neue Betten, sondern auch 60 Arbeitsplätze. Und diese Leute wollen wir fest in Bayrischzell verankern. Sie sollen hier wohnen, einkaufen und eine Familie gründen können. Wenn uns das gelingt, haben wir einen bedeutenden Meilenstein in der Ortsentwicklung erreicht.

-Wo sollen die neuen Bürger denn wohnen? Nicht jeder Hotelangestellte wird sich auf Anhieb ein Einfamilienhaus leisten können.

Kittenrainer: Das ist richtig. Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen sehe ich als eine meiner wichtigsten Aufgaben in der zweiten Hälfte meiner Amtszeit als Bürgermeister. Mir schwebt vor, dass die Gemeinde weitere Flächen im Ortskern kauft und darauf ein kommunales Wohnungsbauprojekt realisiert. Mit Fördermitteln und einer Finanzierung auf 30 Jahre sollten wir das hinkriegen. Eine Umsetzung bis 2020 wäre wünschenswert, aber sportlich. Einen genauen Termin kann ich nicht versprechen, aber wir werden diesen Weg auf jeden Fall einschlagen.

-Die große Einkaufstour der Gemeinde geht also weiter. Ist das bei einem Schuldenstand von derzeit 2,2 Millionen Euro noch vertretbar?

Kittenrainer: Bei der derzeitigen Zinslage habe ich da keine Bedenken. Und es ist ja nicht so, dass wir uns damit groß ins Risiko stürzen. Die Zinslage ist derzeit günstig wie nie, und Immobilien haben ja auch einen Gegenwert. Viel wichtiger ist aber, dass wir so die Hand auf der Entwicklung von strategisch wichtigen Punkten im Ort haben. So haben sich unsere Investitionen ins Bahnhofsareal bereits ausgezahlt. Die meisten Grundstücke sind bereits von Einheimischen bebaut, die Park-and-Ride-Anlage wird gut angenommen und im renovierten Bahnhofsgebäude ist ein gut laufender Ski- und Radverleih eingezogen. Und auch in Sachen Tengelmann hat sich gezeigt, dass es von Vorteil ist, wenn die Gemeinde als Eigentümerin des Ladengebäudes ein Wörtchen mitreden kann.

-Die Zukunft des Marktes ist gesichert?

Kittenrainer: Die Gespräche mit Edeka waren positiv. Dabei wurde uns zugesichert, dass der bestehende Pachtvertrag auch nach der Übernahme eingehalten wird. Bis 2019 ist die Nahversorgung in Bayrischzell also gesichert. Und auch danach hat die Gemeinde das Heft in der Hand. Wir werden alles dafür tun, dass die Bayrischzeller weiterhin ohne Auto einkaufen können. Einen Supermarkt auf der grünen Wiese wollen wir nicht.

-Aber genau da zieht es die großen Ketten ja meist hin...

Kittenrainer: Das mag sein. Trotzdem ist das für mich und meinen Gemeinderat nur die allerletzte Möglichkeit. Wir sind uns einig, dass unser ursprüngliches Tal das größte Potenzial ist, das wir haben. Damit heben wir uns von vielen anderen Tourismus-Gemeinden ab – vor allem von denen in Österreich.

-Müsste man dann streng genommen nicht auch die Finger vom Sudelfeld lassen?

Kittenrainer: Nein. Wir haben da ja keine neuen Pisten und Lifte ausgewiesen, sondern nur den veralteten Bestand modernisiert. Der Bau der Sesselbahn in der Grafenherberg ist da nur der nächste logische Schritt. Ich bin überzeugt, dass das der Beginn einer Erfolgsgeschichte für das Skigebiet ist. Unsere nächste Aufgabe wird sein, uns auch über eine Sommernutzung Gedanken zu machen. Eine Arbeitsgruppe der Bergbahnen überlegt gerade, welche Konzepte dafür in Frage kommen. Im Gespräch sind zum Beispiel Themenwanderwege oder ein Almerlebnisprogramm mit Käserei. Um solche Angebote gut vermarkten zu können, führt meines Erachtens kein Weg an einer Gondelbahn ins Tal vorbei. Das werden wir aber in dieser Amtsperiode nicht mehr schaffen.

-Würden Sie es denn gerne noch anpacken?

Kittenrainer: Klar! Ich bin als Bürgermeister angetreten, um unseren Ort weiterzuentwickeln. Trotzdem hat mich das Amt gelehrt, dass manche Projekte länger brauchen, als es einem selbst und den Bürgern lieb ist. Auf ein Jahr hin oder her kommt es aber am Ende nicht mehr an. Wichtiger ist, dass das Ergebnis stimmt. So bin ich froh, dass wir beim Familienhotel einen Investor mit einem Konzept gefunden haben, das zu Bayrischzell passt. Eine vernünftige Ortsentwicklung braucht Zeit, und vor unerwarteten Zwischenfällen ist man nie sicher.

-Wie beim Ausfall des Tiefbrunnens?

Kittenrainer: Ja, das war schon grenzwertig. Trotzdem bin ich nicht zu Eis erstarrt, als mich die Nachricht erreicht hat. Als Landwirt bin ich es gewohnt, dass man manchmal aus heiterem Himmel ein Problem meistern muss. Gemeinsam mit meinen Rathaus-Mitarbeitern und dem Bauhof ist es uns gelungen, die Wasserversorgung aufrechtzuerhalten. Die Art und Weise, wie am Sonntagnachmittag alle parat gestanden haben, hat mir gezeigt, dass der Haufen zusammenhält. Und das ist ein sehr gutes Gefühl für einen Bürgermeister.

-Klingt so, als hätten Sie Spaß an Ihrem Amt. Treten Sie in drei Jahren noch mal an?

Kittenrainer: In der Tat gefallen mir meine Aufgaben im Rathaus sehr gut. Über eine weitere Kandidatur mache ich mir derzeit aber noch keine Gedanken. Diese Entscheidung werde ich wohl ein Jahr vor der nächsten Wahl treffen. Bis dahin kann sich vieles verändern. Die Politik ist ein schnelllebiges Geschäft.

-Und es könnte ja auch sein, dass die CSU einen jungen Landrats-Kandidaten braucht...

Kittenrainer: (lacht) Stimmt, ich bin 34. Und ich sehe mich auch langfristig in der Politik. Wo und in welcher Funktion, wird sich zeigen. Bis dahin halte ich es mit den Worten meines Vorgängers Helmut Limbrunner: „Es geht um Bayrischzell, um sonst nichts.“

Halbzeit

haben jetzt – drei Jahre nach der Wahl – alle Bürgermeister, die ihr Amt 2014 das erste Mal angetreten haben. Es ist mehr als ein Job: Das Amt verlangt den ganzen Menschen. Was das bedeutet, welche Ziele die Neu-Bürgermeister haben und ob sie gerne weitermachen möchten, ist Thema unserer Interview-Serie.

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