Auf dem Gipfel des Trainsjoch richten die Männer der DAV-Sektion Miesbach das Kreuz in mühsamer Handarbeit auf.
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Auf dem Gipfel des Trainsjoch richten die Männer der DAV-Sektion Miesbach das Kreuz in mühsamer Handarbeit auf und verankerten es im vorher betonierten Fundament.

Auf dem Trainsjoch bei Bayrischzell

Kraftakt Gipfelkreuz: DAV Miesbach erinnert an mühsame Aktion vor 60 Jahren

  • Sebastian Grauvogl
    VonSebastian Grauvogl
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Viele Hürden hatte die Alpenvereinssektion Miesbach 1961 zu überwinden, ehe endlich ein Gipfelkreuz auf dem Trainsjoch stand. Heuer jährt sich die Gemeinschaftsaktion zum 60. Mal.

Miesbach/Bayrischzell – Es war ein Kreuz mit dem Kreuz: Viele Hürden hatten die Kameraden der Alpenvereinssektion Miesbach 1961 zu überwinden, ehe sie sich endlich ins Gipfelbuch auf dem Trainsjoch eintragen konnten. Heuer jährt sich die Gemeinschaftsaktion zum 60. Mal. Zeit für einen Blick in die Historie.

Mit der Betonmaschine wären auch beinahe die Herzen der acht Männer der DAV-Sektion Miesbach stehen geblieben. Denn der Hubschrauber der Bundeswehr hat das fünf Meter hohe Eichenkreuz bereits am Trainsjoch abgesetzt und ist schon auf dem Weg zurück ins Nesslertal, um hier die erste Fuhre für das Fundament zum 1707 Meter hoch gelegenen Gipfel zu transportieren. Doch das störrische Mischgerät im Tal droht, die wochenlange Vorbereitung des aufwendigen Vorhabens zunichtezumachen. Die Bergfexe aber beweisen, dass sie auch diese unerwartete Hürde zu überwinden wissen: Sie rühren den Beton per Hand an, damit ihn ihre vier Kameraden oben am Berg wie geplant in die Schalungsbretter gießen können.

Die eben beschriebene Szene hat sich am 18. September 1961 abgespielt, also ziemlich genau vor 60 Jahren. So lange steht nun das Gipfelkreuz schon auf dem Trainsjoch. Der DAV Miesbach nimmt dieses Jubiläum nun zum Anlass, um bei einem Berggottesdienst am Sonntag, 19. September, an die wahrlich geschichtsträchtige Aktion zu erinnern. Und an die verstorbenen Sektionsmitglieder, zu deren Gedenken das Kreuz errichtet wurde. Vor allem ein Name ist dabei untrennbar mit ihm verbunden: Elmar Maier.

Spektakuläre Aktion im Herbst 1961: Ein Hubschrauber der Bundeswehr transportierte das fünf Meter hoher Eichenkreuz auf den Gipfel des Trainsjoch.

Tod eines Kameraden gibt den Ausschlag

Am 24. April 1961 war der Bäcker aus Parsberg und Bruder des späteren Miesbacher Bürgermeisters Dr. Gerhard Maier, bei einer Skitour am Kehlstein im Berchtesgadener Land zusammen mit einem Kameraden aus Rohrdorf ums Leben gekommen. Nachdem die dortige Bergwacht die Suche wegen starken Schneefalls eingestellt hatte, organisierten Maiers Miesbacher Freunde selbst eine Bergungsaktion. Am 7. Mai schließlich fanden sie die beiden Vermissten, die mehrere Hundert Meter in die Tiefe gestürzt waren.

Elmar Maiers Tod bewegte die Aktiven des Miesbacher Alpenvereins so sehr, dass sie die bereits Ende des Zweiten Weltkriegs erstmals skizzierten Pläne, ein Gipfelkreuz auf dem Trainsjoch für ihre verstorbenen und gefallenen Kameraden aufzustellen, in die Tat umsetzen wollten. Erst lief alles reibungslos, denn die Unterstützung für das ambitionierte Vorhaben war groß in der Stadt. Miesbacher Firmen stifteten Holz und Eisen, die Schreinerei Schwab fertigte daraus das Kreuz.

Landesgrenze macht vieles kompliziert

Doch dann war da noch der Transport. Angesichts der nicht ganz einfachen Aufstiegsroute entschieden sich die Sektionsmitglieder um ihren Vorsitzenden Günther Fürst, einen Hubschrauber der Bundeswehr anzufordern. Bevor der aber über dem Trainsjoch kreisen durfte, mussten Fürst und seine Mitstreiter einen wahren Papiertiger bändigen. Weil die Landesgrenze zwischen Bayern und Tirol genau über den Grat verläuft, brauchten sie eine Genehmigung des österreichischen Verteidigungsministeriums. Um eine Fahrt nach Wien kamen die Männer dann aber gerade noch herum. Der Oberregierungsrat der Landeshauptmannschaft Innsbruck – selbst ein begeisterter Bergsteiger – erteilte unbürokratisch sein Einvernehmen: „Leut, fliagt’s! Fliegt’s so oft’s notwendig ist“, erinnert sich der mittlerweile verstorbene Gerhard Maier in seinem Miesbach-Buch. Als dann auch noch das deutsche Bundesverteidigungsministerium seinen Segen gegeben hatte, ging es endlich los.

Anstrengende Arbeit beim Aufstellen

Am 26. August 1961 schufteten sechs Sektionsmitglieder mit Kreuzhacken, Spaten, Schaufeln und Brecheisen, um den für das Fundament aus zwei Kubikmeter Beton notwendigen Schacht in den felsigen Boden zu treiben. Trotz der Hitze entzündeten die Männer ein Lagerfeuer, um mit dessen Rauch die Schwärme von fliegenden Ameisen zu vertreiben, die sie umschwirrten.

Insgesamt 15 Mal schwebte dann der Hubschrauber vom Nesslertal zum Gipfel, ehe das komplette Material auf dem Trainsjoch angekommen war. Am 30. September war dann der große Tag gekommen. Nach erneut anstrengender Arbeit reichten sich um 16.30 Uhr Günther Fürst, Ferdl Huber, Leonhard Niederwinkler, Max Brutscher, Martin Bauer, Heinz Wiedner, Hans Brandmaier, Fredl Stehr, Georg Redl, Hans Schötz und Gerhard Maier unter dem neu errichteten Kreuz die Hände. Stumm – nicht nur aus Müdigkeit, sondern auch aus Ehrfurcht vor diesem besonderen Moment.

Am 22. Oktober 1961 weihte Miesbachs Stadtpfarrer Otto Fritz das Gipfelkreuz auf dem Trainsjoch in einem feierlichen Berggottesdienst.

Alljährliche Messe zum Gedenken

Es dauerte noch bis zum 22. Oktober, ehe 123 Bergsteiger aus Bayern und Tirol durch den frisch gefallenen Schnee zum Gipfel stapften, um dort die Weihe des Kreuzes zu feiern. Miesbachs Stadtpfarrer Otto Fritz ließ es sich nicht nehmen, den Gottesdienst unter wolkenlosem Himmel und vor ungetrübtem Panorama höchstpersönlich zu zelebrieren. „Willst du Gottes Allmacht sehen, musst du auf die Berge gehen. Willst du Gottes Liebe sehen, musst du unterm Kreuze stehen“, wird der Stadtpfarrer in Maiers Buch zitiert.

Das tun die Miesbacher Sektionsmitglieder heute noch, wenn sie auf ihren Hausberg steigen. Alljährlich im Herbst gedenken sie dort ihrer verstorbenen Kameraden – und dem Kraftakt, den sie bei der Errichtung des Kreuzes auf sich genommen haben. Weil es aus Altersgründen nicht mehr alle von ihnen bis auf den Gipfel schaffen, feiern sie den Gottesdienst seit 2014 alle drei Jahre unten im Tal, an der Gunetzrhainer-Kapelle bei Miesbach. Auch schlechtes Wetter zwang sie in der Vergangenheit oft, die Bergmesse in die tiefer gelegene Mariandlalm zu verlegen.

Doch eins haben die Bergfexe bei der Kreuzaufstellung gelernt: Jedes Hindernis lässt sich überwinden, wenn man nicht aufgibt. So wie am 18. September 1961, als die Betonmaschine streikte. Die begann sich übrigens am selben Tag wie von Zauberhand wieder zu drehen. Aber erst, als die Männer die letzte Schaufel mit der Hand angemischt hatten.

Einen ökumenischen Berggottesdienst

zu 60 Jahre Gipfelkreuz auf dem Trainsjoch feiert die DAV-Sektion Miesbach am Sonntag, 19. September, um 11 Uhr auf dem Gipfel, bei schlechtem Wetter um 10 Uhr an der Mariandlalm. Hier schließt sich nachher (auch bei schönem Wetter) ein geselliges Beisammensein an.

sg

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