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Ein Künstler, wie er im Buche steht. Philipp Harth (1885 bis 1968) lebte und arbeitete 22 Jahre in Bayrischzell. Seine Tierplastiken sind an vielen Orten in Deutschland zu sehen

Er lebte mit zwei Rehen unter einem Dach

Der Rehflüsterer von Bayrischzell: 2020 soll das Atelier von Philipp Harth wieder öffnen

Er erschuf in Bayrischzell einige seiner bekannten Tierplastiken. Am ersten Weihnachtstag vor 50 Jahren ist Philipp Harth gestorben. Für 2020 ist die Wiedereröffnung seines Ateliers geplant.

Bayrischzell – Ein lebensgroßer Tiger bewacht mit scharfen Pranken seit über einem halben Jahrhundert das Haus seines Erschaffers, sein starrer Blick immer noch wachsam. Durch die kalte Jahreszeit wirken auch Gebäude und der Garten an der Tannerhofstraße in Bayrischzell wie eingefroren. Erstarrt ebenso die Zeit an diesem kulturellen Ort, wo viele Erinnerungen verborgen liegen – an eine Zeit der Kreativität und Schöpfung. Dort lebte 22 Jahre lang der Bildhauer und Künstler Philipp Harth, der dort einigen seiner international bekannten Tierplastiken Leben einhauchte.

1946 waren Harth und seine Frau Ida zur Nieden nach Bayrischzell gezogen, nachdem sie in Berlin in der Feuersbrunst des Zweiten Weltkriegs Hab und Gut verloren hatten. Im Oberland lebte Harths Schwägerin Mimi Thier, und auf ihrem Grundstück an der Tannerhofstraße erbaute der Künstler nach eigenen Plänen sein neues Haus und Atelier. In der Werkstatt ist es eiskalt, und eine graue Plastikplane verhüllt, was der Bildhauer Harth einst erschaffen hat: einige seiner „Tiere“, die passend zur Jahreszeit dem Winterschlaf gleich vor sich hindämmern.

Heimelige Atmosphäre: Urenkelin Marica Doll feiert Weihnachten heuer mit ihrer Familie im Atelier des Urgroßvaters in Bayrischzell.

Doch im Hause Harth kehrt nun wieder Leben ein. Im Kamin des Ateliers prasselt ein Feuer. Auf Tischen flackern Kerzen, ein Christbaum steht mitten im Raum. Geschmückt ist er mit silbernem Lametta, behangen mit bunten Stanniolpapierfiguren von Maria, Zeus oder dem Nikolaus, die Harth nach Kriegsende für seine Enkel angefertigt hat. Die Handschrift des Künstlers ist allgegenwärtig. Die lebens- und überlebensgroßen Gipsmodelle eines Pelikans, Löwen, Wolfs und zweier Störche blicken stumm auf ihre Betrachter hinab. Ihre in Bronze gegossenen Tierplastiken können dagegen an prominenten und öffentlichen Plätzen deutschlandweit von Berlin bis Bayrischzell gesehen werden. So sei etwa der „stehende Löwe“ am Mönckebergbrunnen in Hamburg anzutreffen, berichtet Marica Doll. Die 57-jährige Münchnerin ist die Urenkelin von Harth und verwaltet nun seinen Nachlass.

Doll war sieben Jahre alt, als ihr Urgroßvater am 25. Dezember 1968 kurz nach Mitternacht in seinem Bayrischzeller Domizil im Schlaf starb. An die Nacht seines Todes kann sie sich nicht mehr erinnern, wohl aber an seine „erfrischende“ Persönlichkeit: „Er hatte eine therapeutische Wirkung, tat einfach gut“, erzählt sie. Wenn er arbeitete, befand er sich immer in einem „hoch spirituellen Zustand“.

Harth lebte im Ort eher zurückgezogen, arbeitete hart. In der internationalen Kunstszene gilt er als einer „der größten bildhauerischen Erscheinungen, die Deutschland seit der Jahrhundertwende hervorgebracht hat“. Das sagt Ortschronist Michael Meindl, der sich auf Dokumente der Akademie der Bildenden Künste München bezieht, die Harth ein Jahr vor dessen Tod die Ehrenmitgliedschaft verliehen hat. Trotz vieler Auszeichnungen sei er stets „unglaublich bescheiden geblieben mit einer großen Demut“, berichtet Urenkelin Doll.

Es war vor allem Demut gegenüber der Schöpfung der Natur: Harth liebte nämlich die Tiere, und sie liebten ihn. Ein Jäger brachte den Harths einst zwei Bambis, die fortan bis zu ihrem Tode im Haus lebten. Eigentlich gab es für sie einen Verschlag im Garten, doch diesen lehnten die beiden Rehe ab und zogen lieber ins Haus zu den Harths. „Riecke und Sissi schliefen und aßen dort“, erzählt Doll. Und morgens zupften sie ihre Lieblingshose, die Harth tragen sollte, aus seinem Kleiderschrank. Es war eine „flauschige braune Cordhose“.

Wahre Tierliebe: Die Rehe Riecke und Sissi schliefen und aßen im Hause Harth. Der Bildhauer empfand die Zutraulichkeit der scheuen Tiere als besondere Ehre.

Für Harth waren die Begegnung und das gemeinsame Leben mit den scheuen Waldtieren „die allerhöchste Ehre, da sie ihn als Menschfreund ausgewählt haben“. Und so mussten fortan alle Besucher der Harths stets leise sein und sich nicht hektisch bewegen, damit die Rehe auch nicht gestört werden.

Harth war ein Tierbildhauer der klassischen Moderne, die in den 1930er-Jahren ihre Hoch-Zeit hatte. „Er hat stets akribisch und sorgfältig gearbeitet“, erklärt Doll. Das bestätigt auch die Bayrischzeller Künstlerin Tutti Gogolin (79), die als Kind in den Sommerferien draußen auf der Wiese und drinnen im Atelier Harths gespielt hat. „Er hat das Charakteristische der Tiere in seinen Arbeiten herausgeholt“, erzählt Gogolin. Eine Eigenschaft, die schon früh in Harth schlummerte. Nach seiner Steindruckerausbildung ließ er sich Anfang des 20. Jahrhunderts zum Architekten ausbilden und wollte Dombaumeister werden. Seine Ausbildung spiegelt sich in seinen Werken wider. Seine Plastiken weisen laut Urenkelin Doll eine „architektonische Physionomie“ auf, und er habe insbesondere die „evolutionäre Funktionalität“ herausgearbeitet: „Tiere sind Lebewesen des Überlebens. Nichts an ihnen ist überflüssig.“

Sinn und Zweck von Harths Arbeit möchte Doll nun zusammen mit dem Naturhotel Tannerhof wieder für Kunstinteressierte anbieten. 1990 war das Bayrischzeller Atelier einmal für ein paar Jahre für die Öffentlichkeit zugänglich, schloss aber wieder, da die Nachfahren der Harths wegen ihrer beruflichen Verpflichtungen eigentlich keine Zeit dafür hatten. Doll hat jetzt diese Zeit und erhält Unterstützung von ihrem Lebensgefährten Burkhard Niesel, einem Landschaftsmaler. Für Sommer 2020 ist die Ateliereröffnung nebst einem „Skulpturengarten“ geplant. Es soll ein „Ort des Wohlfühlens werden“, berichtet sie.

Bevor Doll die Tür zum Atelier wieder schließt, huscht ein schwarz-grauer Kater, den sie Bobo taufte, an ihr vorbei hinaus in die Kälte. Doll berichtet, dass er ihr zugelaufen sei. „Er kommt und geht, und ich weiß nicht, wem er eigentlich gehört“, erzählt sie lachend. Und im vergangenen Sommer habe sie auf der Terrasse immer ein Auerhahn besucht. Offenbar fühlen sich die Tiere immer noch wohl im und am alten Harth-Haus. Dort, wo Doll heuer das erste Mal den Christbaum im Atelier aufgestellt hat, um Weihnachten mit der Familie zu feiern. Dort wo einst ein Künstler viele kreative Jahre verbrachte, der die Tiere so liebte und verehrte und Abbilder von ihnen erschuf, die bis heute der Zeit trotzen und sie neben Harth in der Kunstgeschichte unsterblich machen.

Biografie

Als zweites von fünf Kindern des Steindruckers Adam Harth und dessen Frau Katharina kommt Philipp Harth am 9. Juli 1885 in Mainz zur Welt. 1908 heiratet er die angehende Opernsängerin Ida zur Nieden (1886-1981). In Berlin wird 1911 Tochter Herta geboren. Harth beginnt eine Ausbildung zum Architekten. Im Ersten Weltkrieg wird er bei einem Chlorgasangriff verletzt. 1927 bis 1936 folgen Studien- und Arbeitsaufenthalte in Tirol, Hamburg, Paris und Rom. 1941 verlassen die Harths Berlin. Bis Kriegsende steht der Künstler unter Aufsicht der Gestapo und darf nicht arbeiten. 1946 zieht die Familie nach Bayrischzell. Harth stirbt am ersten Weihnachtstag 1968.

Daniel Wegscheider

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