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Großformatiges Andenken: Thomas Neu (l.), damals Zweiter Vorsitzender des Trachtenvereins Bayrischzell, und Vorsitzender Klaus Pritzl mit dem Erinnerungsfoto an den Ausflug der Bayrischzeller zur Steuben-Parade. 

Völkerverständigung durch Tradition

Gamsbart am Broadway: Darum sind Bayrischzells Trachtler 1979 in die USA gereist

Von der Schlierseer Straße in Bayrischzell zur Fifth Avenue in Manhattan: Vor 40 Jahren reisten die Bayrischzeller Trachtler in die USA. Jetzt werden die Erinnerungen wieder wach.

Bayrischzell – Klaus Pritzl sitzt in seiner Stube im Bayrischzeller Streinhof und blättert ausgeblichene Prospekte und Zeitungsartikel durch. Manchmal greift sich der 78-Jährige kurz an die Stirn, grübelt nach. Die Geschehnisse von damals liegen 40 Jahre zurück. Da Bilder zeigen Eisberge über Grönland, das Weiße Haus und das Grab von John F. Kennedy. Deutlich vor Augen blieb Pritzl jedoch die Gastfreundschaft der USA-Trachtenkameraden der Washingtonia, auch Jubelrufe und Freudentränen vieler Deutsch-Amerikaner bei der Steuben-Parade, die jedes Jahr im September in New York stattfindet: Im Jahr 1979 reiste der Bayrischzeller Trachtenverein für vier Tage nach Amerika und nahm dort auch am traditionellen Umzug teil. Pritzl ist heute Ehrenvorstand beim Bayrischzeller Trachtenverein, und er möchte das Reiseerlebnis von damals noch einmal aufleben lassen.

Die Hälfte der damals 60 mitgereisten Männer und Frauen lebt heute nicht mehr. Ein Gottesdienst in der katholischen Pfarrkirche Bayrischzell soll daher am Freitag, 27. September, an die Verstorbenen gedenken. Beginn ist um 19 Uhr. Im Anschluss daran wird im Gasthof Zur Post (kleiner Saal) der von Mico Scharrmann gedrehte Film über den USA-Aufenthalt in New York und Washington sowie der Steuben-Parade gezeigt.

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Der 38-jährige Pritzl ist junger Trachtenvorstand, als er 1978 eine Radiosendung mit Aufruf zur Steuben-Parade hört: „Umtriebig wie ich damals war, habe ich mich gemeldet.“ Bei bei der Jahreshauptversammlung stellte er dann den Vereinsmitgliedern seine Idee vor. „Damals war es ein Wahnsinnspreis, über den man heute lacht.“ Für 995 Mark pro Person mit Flug und Übernachtung bot die Fluggesellschaft Pan Am die Reise an. Um ein Jahr später Musikinstrumente und die Vereinsfahnen für die Reise zu versichern, „habe ich alle angeschrieben, die politisch auf der Bühne waren“, erinnert sich Pritzl. Auch den damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, der sich bereit erklärte, 500 Mark beizusteuern.

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Dann kam der Tag der Steuben-Parade. „Wir sind als ältester Trachtenverein aufgefallen“, erzählt Pritzl, der den drei Stunden Umzug als „typisch amerikanisch“ in Erinnerung behält. Trotz einer gewissen Toleranz dafür: künstliche Blumen am Balkon der Schalkfrauen waren und sind für Pritzl heute wie damals ein Tabu. Daher ließ er 100 rote Nelken und Asparagus vom Blumenhändler bringen, die am Veranstaltungsmorgen ankamen. Es war knapp bis zum Start der Parade, nicht nur deshalb. Klaus und seine Frau Barbara hätten sie fast verschlafen. Am Vortag waren die Bayern nämlich bei den Niagarafällen an der kanadischen Grenze. „Auf dem Rückweg sind wir in ein Gewitter geraten, und wieder zurück nach Toronto geflogen.“ Erst spät in der Nacht erreichten die Ausflügler ihr Hotel wieder. „Als wir wach wurden, hatten die anderen bereits gefrühstückt.“ Im Eiltempo zogen sie sich an und rannten zur Kirche. In der St. Patrick’s Cathedral zelebrierte dann der ehemalige Bayrischzeller Pfarrer Elmar Mayr eine deutsch-englische Messe, zu der die Gmunder Bläserbuam und die Osterhofner Stubnmusi spielten. „Die ganze Reise über sind wir nicht aus der Lederhose und dem Dirndlgwand herausgekommen“, bilanziert Pritzl. Und so flogen sie zurück in die Heimat, so wie sie von dort schon in die USA aufgebrochen waren – in ihrer Tracht. „Die haben wir drüben würdig vertreten. Und dort auch manches zur Völkerverständigung beigetragen“, sagt Pritzl 40 Jahre später mit Stolz.

Die Steuben-Parade

Friedrich Wilhelm von Steuben (1730-1794) war ein preußischer Offizier und US-General, der das amerikanische Heer im Unabhängigkeitskrieg führte. Er war auch Generalstabschef von George Washington. Die Amerikaner gründeten ihm zu Ehren 1919 die Steuben-Gesellschaft. Die erste Parade wurde 1957 im New Yorker Stadtteil Queens abgehalten. Dort lebten damals die meisten Deutsch-Amerikaner. Da immer mehr Teilnehmer mitmachten, wurde die Parade auf die Fifth Avenue in Manhattan verlegt. Dort führt sie heute von der 64. zur 86. Straße, die auch „Sauerkraut Boulevard“ heißt. In New York leben heute rund 500 000 Deutsch-Amerikaner.

Von Daniel Wegscheider

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