+
Visionärer Blick zum Sudelfeld: Eine Seilbahn soll Wanderer und Skifahrer vom Bahnhof auf den Berg bringen.

Vision für Bayrischzell

Mit der Seilbahn vom Bahnhof rauf zum Sudelfeld

Es ist eine auf den ersten Blick irrsinnige Idee: Vom Bahnhof Bayrischzell bringt eine Seilbahn Wanderer und Skifahrer rauf zum Sudelfeld. Technisch ist das möglich. Der Gemeinderat befasste sich nun mit der 15 Millionen Euro teuren Vision.

Aus Träumen können Visionen werden: Generationen von Bayrischzeller Kindern schauten einst durch ein Schaufenster an der Schlierseer Straße. Zu sehen gab es dort rote Gondeln, aufgehängt an der Schnur einer Spielzeugbergbahn. Und nachdem der Ladenbesitzer in Rente gegangen war, verschwand mit dem Schreib- und Spielzeugladen auch die Bergseilbahn. Gekauft hat sie nie jemand – zu teuer, zu groß.

Ähnlich könnte es in der Gegenwart wieder sein. Im Rahmen der Sudelfeld-Modernisierung haben Bürgermeister Georg Kittenrainer und sein Stellvertreter Egid Stadler konkrete Vorstellungen von einer Seilbahn-Anbindung vom Bahnhof hinauf zum Sudelfeldkopf. Doch betroffene Anwohner können sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Die Idee einer Seilbahn vom Ort rauf zum Sudelfeld ist nicht neu. Vor Jahren befasste sich der Gemeinderat unter den früheren Bürgermeistern mit dem Projekt. Nun kam das Thema wieder auf den Tisch.

Es wäre der dritte und insgesamt logische Anbindungsschritt beim Ausbau des Skigebiets Sudelfeld, der 2014 begonnen hat: Im ersten Abschnitt wurde die Beschneiung per Speicherteich sichergestellt und der Bau des Sechser-Sessellifts am Waldkopf verwirklicht. Die zweite Ausbaustufe erfolgte im Dezember 2017 durch die Inbetriebnahme der Achter-Sesselbahn bei Grafenherberg (wir berichteten). Und der letzte Schritt verfolgt eben den Plan einer Anbindung an das Sudelfeld von Bayrischzell aus – per Gondel- oder Zehner-Umlaufbahn.

Derzeit befördert der unter Nostalgikern lieb gewonnene Einser-Sessellift Wintersportler von der Talstation auf den Berg. Doch der im Jahr 1967 gebaute Lift sei heutzutage nicht mehr zeitgemäß, und auch der steile Weg vom Parkplatz zum Einstieg ist laut Stadler „ein katastrophaler Fußweg“. Und dann sei der Skifahrer auch erst an der Mittelstation angekommen.

Für den Geschäftsführer der Bergbahnen Sudelfeld wäre eine direkte Anbindung vom Tannerfeld hinauf zum Kitzlahner, am Startplatz der Drachenflieger, naheliegender. Und Stadler spinnt seinen Gedanken weiter: „Die Gondelbahn könnte direkt am Bahnhofsplatz starten – mit einem Zwischenstopp am Tannerfeld.“ Somit könnten Autofahrer dort parken und zusteigen, während Zugreisende am Bahnhof starten. Stadler: „So etwas gibt es in ganz Europa nicht – vom Münchner Hauptbahnhof zum höchsten Punkt am Sudelfeld in nur einer Stunde und 30 Minuten.“

Technisch sei dies möglich, habe ein Planungsbüro versichert, das sich die geografischen Gegebenheiten unverbindlich angeschaut habe, berichtet Stadler. Der Zeitpunkt sei günstig: Auch der Tiroler Investor Anton Pletzer habe seine Unterstützung für das rund 15 Millionen Euro teure Seilbahn-Projekt bekundet.

Theoretisch werden dafür drei Stützen benötigt. Die erste am Einstieg, eine weitere an der Zwischenstation und die Dritte beim Ausstieg. Im Ort dürften die Stützen nicht höher als der Kirchturm sein, und die geräuscharmen Gondeln nicht „tiefer über Bayrischzell hinweg schweben, als die Häuser hoch sind“, fasst Stadler zusammen.

Eine mögliche Seilbahntrasse soll dabei über unbesiedeltem Gebiet wie dem Kurpark verlaufen. „Doch das alles sind nur Ideen“, versichert Kittenrainer. Planungen gebe es noch keine. „Wir wollen den Bürgern keine fertigen Lösungen vor den Kopf knallen.“

Erste Gespräche mit betroffenen Anwohnern waren laut Bürgermeister zudem ernüchternd. „Ich lass mir doch keine Seilbahn über mein Grundstück bauen“, war da zu hören.

Doch die Gemeinde denkt auch an die künftige Dorfentwicklung. „Wir müssen uns weiterentwickeln, sonst stirbt der Ort aus“, sagte Florian Müller im Gemeinderat mit Blick auf die nächsten 20 Jahre. „Wir sollten über Visionen sprechen.“ Ohne diese hätte Bayrischzell heute weder einen Bahnhof noch die Wendelsteinseil- oder Zahnradbahn, ergänzte Klaus Weilbach. Alles Investitionen, „um die wir heute froh sind“, die damals aber skeptisch betrachtet wurden.

Insbesondere den Sommertourismus würde die Seilbahn beleben, bestätigte Tourismusleiterin Stephanie Hintermayr: Sie erhalte viele Anfragen von Gästen, wie sie auf den Berg kommen. „Nicht jeder will zu Fuß durch den Wald zum Speichersee wandern und dort oben fertig ankommen.“

Kittenrainer wandert dagegen gerne. Dann spaziert der Bürgermeister auf den Seeberggipfel, um nachzudenken. „Dort habe ich den besten Blick auf den Ort“, berichtete er. Auch sein erster Gedanke zur Seilbahn war damals: „Irrsinnig, das geht nicht.“ Doch mit etwas Abstand betrachtet, glaubt Kittenrainer: „Die Anwohner können es sich momentan noch nicht vorstellen. Wir befinden uns nun in einen Meinungsbildungsprozess, und der ist unheimlich spannend.“

Daniel Wegscheider

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Suche nach neuem BOB-Geschäftsführer läuft - bisher ohne Ergebnis
Die Frage, wer Bernd Rosenbusch als Geschäftsführer bei der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) folgt, ist weiter offen. Die Suche läuft, teilt der Mutterkonzern Transdev in …
Suche nach neuem BOB-Geschäftsführer läuft - bisher ohne Ergebnis
Neue Betrugsmasche mit Gutscheinen: Anrufer versprechen viel Geld, aber...
Eine neue Betrugsmasche kursiert aktuell in der Region: Eine freundliche Anruferin verspricht einem Haushamer Rentner einen großen Gewinn, er muss nur eine Kleinigkeit …
Neue Betrugsmasche mit Gutscheinen: Anrufer versprechen viel Geld, aber...
Durch Erbschaftssteuer Elternhaus verlieren? Experten geben Tipps, wie man das verhindert
In Rottach läuft grade eine Petition dagegen. Experten meinen, dass auch die derzeitige Form der Erbschaftssteuer niemanden zum Verkauf des Familienheims zwingt – wenn …
Durch Erbschaftssteuer Elternhaus verlieren? Experten geben Tipps, wie man das verhindert
Ansturm auf Miesbacher Hort: Erweiterung für zweite Gruppe zieht sich hin
Die Anmeldungen für den Miesbacher Kinderhort Wirbelwind würden locker für eine zweite Gruppe reichen. Was fehlt, sind die Räume. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.
Ansturm auf Miesbacher Hort: Erweiterung für zweite Gruppe zieht sich hin

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.