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Auf seiner Küchenbank sitzt Almbewohner Hans Bauer am liebsten.

Und warum er damit glücklich ist

Warum dieser Mann Weihnachten allein auf seiner Berghütte verbringt

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Hans Bauer lebt das ganze Jahr über allein auf seiner Berghütte im Sudelfeld. Auch Heiligabend wird er hier verbringen, ganz allein, weil es ihn glücklich macht. Ein Besuch.

Sudelfeld – Mit faltigen Fingern, aber ruhiger Hand dreht Hans Bauer eine Zigarette. Vielleicht die zehnte, vielleicht die zwanzigste an diesem Tag. Er führt den Filter an die Lippen, reißt ein Streichholz an und pafft von der Küchenbank aus eine Wolke in den Raum. Hinter seinem Rauschebart dringt ein Lächeln hervor. „Ohne Rauch“, sagt er, „sieht man nicht, woher der Wind weht.“ Seine Stimme, tief und melodisch, lässt sich Zeit für jedes Wort. Der süße Tabakgeruch wabert durch die rustikale, gemütlich unaufgeräumte Bauernküche. Hin und wieder knackt es aus dem wuchtigen Herd, in dem Holzscheite langsam zu Asche zerfallen. Die Winterkälte bleibt draußen.

Hier, auf der Alten Tanneralm im Sudelfeld, liegt Hans Bauers Reich. Seit gut dreizehn Jahren verbringt er dort fast seine ganze Zeit. Seit er vor zwei Jahren aufgehört hat, sie an Selbstversorger-Gäste zu vermieten, lebt er von seiner Rente allein auf der Hütte, die sein Großvater gebaut hat. Das Alleinsein ist ihm ganz recht. „Ich mache mir das ganze Jahr meine staade Zeit“, sagt er. Nur zehn Minuten Fußmarsch trennen ihn vom Skigebiet: Partybar, Skihaserl und Achter-Sessellift – der ganze Pistenzirkus eben. Hin und wieder schaut er auf einen Kaffee oder ein Paar Würstl auf die Skihütte. Dann langt es ihm wieder.

Auf der Alm mit Strom- und Kanalanschluss sowie fließendem Wasser aus der eigenen Quelle, mitten im verschneiten Winter-Bergidyll, wird ihm nicht langweilig. „In der Früh mache ich erst einmal den Fernseher an“, sagt er, grinst und deutet nach draußen auf ein schneebetürmtes Vogelhäuschen, an dem gerade ein Buntspecht Körner knackt. Mehr Kanäle als die Natur vor seinem Fenster braucht Hans Bauer nicht. Von der Küchenanrichte aus vertont das Radio die Vogel-Show mit sachten Violinenklängen. Bauer drückt die Zigarette aus, nippt an seinem Bier, richtet sich auf und schlendert in seinen Birkenstock-Sandalen leicht gebeugt zum Herd, um einen Scheit Holz nachzulegen. Dann setzt er sich zurück auf die Eckbank, schnäuzt sich mit einem Streifen von der Rolle Klopapier, die vor ihm auf dem Tisch liegt, und greift wieder zum Drehtabak.

Weiß-blaues Bergidyll: die Alte Tanneralm im Sudelfeld, auf der Hans Bauer fast das ganze Jahr über lebt.

Bevor er vor mehr als 15 Jahren auf die Hütte zog, arbeitete der gebürtige Bayrischzeller im Raum München als Elektroniker. Automatisierungstechnik. Bauer, nun 65 Jahre alt, stützt den Ellenbogen auf den Tisch, an der hohlen Hand mit der Zigarette ruht seine Stirn. Denkerpose. „Ich habe anderen Leuten die Arbeit weggenommen, bis ich sie mir selber weggenommen habe“, sagt er und nickt mit einem Brummen in seinen Bart. Den Job, den er damals verlor, vermisst er nicht. Für die Arbeit ist er durch ganz Europa gereist, von Ostpolen bis Westspanien, von Nordnorwegen bis Süditalien. Heute reicht ihm das Sudelfeld. Hier hat er seine Mitte gefunden, hier kann er tun und lassen, was er will. Zweimal die Woche marschiert der Almbewohner in den Ort hinunter, kauft frische Lebensmittel ein und holt die Post und die Heimatzeitung aus seinem Elternhaus ab. Nur im Sommer ist die Alm mit dem Jeep zu erreichen. „Mein Stützpunkt“, so nennt er das Haus im Tal.

Die übrige Zeit hat er auf dem Berg genug zu tun: Shiitake-Pilze und Champignons hat er dort schon gezüchtet, gerade zieht er im verglasten Salettl der Hütte ein Oliven- und ein Zitronenbäumchen heran – für ein bisschen mediterranes Flair auf 1170 Höhenmetern. Eine Trockenkammer über dem Küchenherd für Kräuter, Fleisch und Gemüse hat er sich gezimmert. Das Einwecken und Haltbarmachen von Lebensmitteln hat es ihm, dem Selbstversorger, angetan. Auf dem Tisch liegen Sachbücher zu Vogelkunde, daneben Konstruktionspläne für eine Feuerschale. Nebenan stehen Standbohrmaschine und Fleischkutter. Bauer ist Autodidakt und Selbermacher.

Aber kein Eigenbrötler. Jeden Sonntag stapft er ins Tal – im Winter, wenn er dafür Schneeschuhe braucht, verkürzt er den Weg gern mit dem Skilift –, setzt sich in seinen Jeep und fährt zum Stammtisch. Über die österreichische Grenze nach Landl, weil man da in der Wirtschaft noch rauchen darf. „Ich mag ein paar Stunden Ratsch und dann gerne wieder meine Ruhe“, sagt er. Einen engen Draht hat er zu seiner Schwester und seinen erwachsenen Kindern. Von seiner Frau ist er geschieden. „Das Kreuz habe ich vor langer Zeit abgeworfen“, frotzelt Bauer und brummt wieder in seinen Bart, diesmal mit einem Grinsen.

Dafür besucht ihn ein paar Mal im Jahr die weitläufige Verwandtschaft mit einem ganzen Schwung Kindern, für die die Alte Tanneralm ein großer Abenteuerspielplatz ist. Auch wenn er sonst gerne alleine ist – auf diesen Trubel freut sich der ehemalige Hüttenwirt. Die 25 Betten auf der Alten Tanneralm kann er dann gut gebrauchen, um seine Familie zu beherbergen.

Den Heiligabend wird Bauer aber allein auf seiner Hütte verbringen. Wahrscheinlich wird es ein Tag wie jeder andere, mit einer Brotzeit am Abend. Mit dem Feiern hat er es nicht so. Vielleicht stellt er sich aber auch spontan an den Herd und kocht aus seinen eingefrorenen und eingeweckten Vorräten Rinderbraten mit Knödeln.

Lametta, Adventskranz oder Engelsfigürchen sucht man auf der Alten Tanneralm im Advent vergeblich. Bauer zeigt wieder zum Fenster hinaus. Dort ragen hinter verschneiten Kiefern sonnenbeschienen das Sonnwendjoch und das Schönfeldjoch auf. „Alles spiegelt und glitzert“, sagt der Hüttenbewohner. „Da brauche ich keine Weihnachtsdekoration.“ Manchmal geht er in mondheller, sternenklarer Nacht vor dem Zubettgehen noch einmal vor die Tür, um ein paar Scheite Brennholz ins Haus zu holen. Dann ist es draußen so hell, dass er fast Zeitung lesen könnte. Diese Momente stiller Bergromantik genießt er.

Aus seiner Alm will Hans Bauer Zeit seines Lebens nicht mehr weg, das weiß er genau. Wieder führt er die Hand, in der er die Zigarette verbirgt, an die Stirn und stützt sich mit dem Arm auf der Tischplatte ab. „Am liebsten“, sagt er, und lässt den Blick durch die Küche schweifen, „am liebsten würde ich irgendwann hier oben ganz die Augen zumachen.“

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