Geschichten über altes Brauchtum recherchiert Martina Röpfl von ihrer Stube aus. Die Aufzeichnungen spielt Michael Freyermuth – garniert mit Volksmusik – täglich in sein Webradio.
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Geschichten über altes Brauchtum recherchiert Martina Röpfl von ihrer Stube aus. Die Aufzeichnungen spielt Michael Freyermuth – garniert mit Volksmusik – täglich in sein Webradio.

Interview mit Michael Freyermuth und Martina Röpfl

Webradio gegen Kultur-Tristesse: Bayrischzeller halten Brauchtum und Volksmusik hoch

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
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Kultur, Brauchtum und Volksmusik kommen aus Sicht zweier Bayrischzeller im Lockdown zu kurz. Um die Zeit bis zum Pandemie-Ende zu überbrücken, bespielen sie gemeinsam ein Webradio.

Bayrischzell – Volks-, Stuben- und Blasmusik kommen in der Corona-Zeit zu kurz – das jedenfalls befand Michael Freyermuth im ersten Lockdown. Der 51-jährige Bayrischzeller hat sich deshalb etwas gegen die Kultur-Tristesse einfallen lassen: Sein Webradio „Bayrischzell Volksmusik“ ist seit Ende März online, spielt traditionelle Volks- und Blasmusik. Martina Röpfl, die mit ihrer Familie in Bayrischzell im Dreigsang singt und in der Gruppe Röpfl Geigenmusi spielt, moderiert bei dem Sender in regelmäßigen Abständen Sendungen zu Kultur und Brauchtum. Im Gespräch verraten Freyermuth und Röpfl, was potenzielle Hörer beim Einschalten erwarten dürfen, wie sich die Arbeit finanziert und welche Themen als nächstes aufgegriffen werden.

Frau Röpfl, Herr Freyermuth, wie viel Arbeit steckt in einem eigenen Radiosender?

Freyermuth: Ich investiere für den laufenden Betrieb ehrenamtlich etwa zwei Stunden pro Woche. Die Musik kommt aus fertigen Playlists und läuft automatisch durch. Dazu kommen manchmal Sondersendungen, in denen ich Gespräche mit Persönlichkeiten aus der Region führe. Insgesamt hält sich der Aufwand in Grenzen – auch dank Martinas Engagement.

Röpfl (lacht): Ich mache für jeden Monat eine neue Sendung, die dann bis zum Monatsende täglich um 10, 18 und 21 Uhr gesendet wird. Für die Vorbereitung brauche ich pro Monat einige Tage – das mache ich aber nebenbei. Meine Wortbeiträge zu Kultur und Brauchtum muss ich erst recherchieren. Auch das macht mir Spaß, ist aber nicht mein neuer Beruf. Neben dem Musizieren bin ich auch Trachtenschneiderin.

Wie entstand die Idee zu einem Bayrischzell-Radio?

Freyermuth: Auf der Website laut.fm wird einem die Möglichkeit gegeben, kostenlos einen eigenen Webradiosender zu betreiben. Das macht mir Spaß, weil ich damit Musik zugänglich machen kann, die in der jetzigen Zeit von vielen schwer vermisst wird – Corona war also der Auslöser für die Idee.

Und wie haben Sie, Frau Röpfl, zu Ihrem Engagement gefunden?

Röpfl: Ich war früher Grundschullehrerin – schon dort hat mich das Fach Heimatkunde besonders begeistert. Wenn ich im Radio über Wetterregeln und – wie für Februar geplant – beispielsweise über Lichtmessbräuche rede, erinnert mich das an diese Zeit. Mit der Volksmusik bin ich ohnehin eng verbunden. Und für Zeitschriften schreibe ich manchmal Beiträge, bin also auch im Recherchieren in Übung. Das alles in einer Sendung im Webradio zu verbinden, hat sich angeboten. Vor einigen Monaten hat Michael bei mir angeklopft. Ich war sofort begeistert von der Idee. Auch ich mache das natürlich ehrenamtlich. Die Volksmusikstücke und Lieder zwischen meinen Erzählungen suche ich übrigens selbst aus.

Volksmusik und ein Internetradio – passt das denn zusammen?

Freyermuth: Klar, ältere Menschen tun sich schwerer mit der Bedienung oder haben nicht das passende Gerät zu Hause. Aber viele schaffen es trotzdem oder bekommen es gezeigt. Und es gibt auch jüngere Hörer, die momentan das Kulturell-Traditionelle vermissen. Pro Monat haben wir rund 500 Hörer – für ein örtliches Webradio eine ordentliche Zahl. Um große Reichweite ging es mir aber nie, ich verdiene damit ja auch nichts.

...sondern Sie zahlen am Ende drauf?

Freyermuth: Ja, 500 Euro habe ich für die Musiksammlung bezahlt, die laufend gespielt wird. Alle 30 Minuten wird zwar für rund 30 Sekunden Werbung eingespielt, aber damit finanziert sich der Anbieter laut.fm – ich sehe von dem Geld nichts. Aber darum geht es auch nicht. Ziel ist die Aufrechterhaltung von Brauchtum und Kultur – das ist ein Herzensanliegen.

Röpfl: Ich für meinen Teil habe keine Kosten – außer meiner Zeit. Aber kürzlich wurde zum Beispiel ein neues Aufnahmegerät fällig, um die Beiträge einsprechen zu können. Mit der Musik schneidet Michael dann eine Sendung daraus.

Das Gespräch führte: Jonas Napiletzki

Das Webradio ist unter anderem bei laut.fm/bayrischzell-volksmusik, treffpunkt-bayrischzell.de oder der zugehörigen App kostenlos abrufbar.

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