Wendelsteinhöhle, Höhlen-Mediale, Stehle
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Moderne Höhlenkunst in Form von interaktiven Stehlen präsentieren (v.l.) Akitoshi Honda, Bartholomäus Traubeck, Bastus Trump, Annie Goh und Kurator Alois Späth bis Ende Juni in der Wendelsteinhöhle.

Werke von internationalen Künstlern

Weltpremiere: Klangkunst in der Wendelsteinhöhle

Bayrischzell - Höhlenkunst gibt es seit 35000 Jahren. Doch das, was die Besucher der „Höhlen-Mediale“ im Wendelstein erwartet, ist eine Weltpremiere - dank vier internationalen Künstlern.

„Man könnte meinen, Höhlenzeichnungen sind der älteste Hut, den man sich vorstellen kann“, sagte der Betriebsleiter der Wendelsteinbahn, Florian Vogt, vor dem Eingang zur Wendelsteinhöhle. Doch das, was die Besucher hier im Fels erwarte, sei eine Weltpremiere. „Wir spielen das Thema Höhlenkunst neu und machen es zugänglich, indem wir den Kreis mit modernster Technik schließen“, erklärte Vogt jetzt bei der Präsentation. So werden die vier interaktiven Infostehlen in Deutschlands höchster Schauhöhle ab sofort mit vier visuellen und akustischen Installationen internationaler Künstler bespielt. Annie Goh aus Großbritannien, Akitoshi Honda aus Japan, Bastus Trump aus Nürnberg und der in Wien lebende Münchner Bartholomäus Traubeck steuerten ihre Werke zur „Höhlen-Mediale“ bei.

Die ist eine Fortsetzung der Neuinszenierung der Wendelsteinhöhle, die sich bisher den Themen Biologie, Psychologie, Geologie und Philosophie widmete. Die Wendelsteinbahn hat sie vor zwei Jahren mit Künstler Alois Späth aus dem Projekt „Zither am Berg“ entwickelt. Dieser brachte die Höhle damals mit einer Installation zum Klingen.

Diesmal ist Späth der Kurator der außergewöhnlichen Schau. Er hatte die Idee, die Stehlen und ihre Technik zu nutzen, um zeitgenössische Medienkunst in die urzeitliche Höhle zu bringen. „Dieser Widerspruch hat mich unwahrscheinlich fasziniert“, sagte Späth, der die vier Künstler für die Ausstellung unter dem Motto „Zeit – Moment – Ewigkeit“ gewinnen konnte. „Sie ist ein absolutes Novum“, stellte er klar.

Entsprechend ungewohnt ist es, sich dieser Kunst in den feuchtkühlen Tiefen zu nähern. Wer die 82 Stufen in den Berg steigt und nach rechts in die noch schnee- und eisbedeckte „Kältefalle“ abbiegt, hört sphärische Klänge. Sie stammen von Gohs „Chronopoetik der Wendelsteinhöhle“. Die Installation verbindet die Archio-Astronomie neolithischer Gebäude mit moderner Klangkunst. Die Britin hat das Klangmaterial eines tosenden Flusses in Frequenzen und Energie exzerpiert und verlangsamt – passend zur 1700 Meter hoch gelegenen Höhle, die einst selbst unter Wasser stand. Die Töne sind über den Tag hinweg zu hören und verändern sich mit dem Stand der Sonne. Diese scheint nur eine Stunde in die Höhle und lässt die Töne voller und heller klingen.

Trumps „Drip“ ist inspiriert von künstlicher Intelligenz: Durch einen Fingerdruck auf die Stehle wird eine „Zelle“ in Form eines Pixels sichtbar, die sich in Videospiel-Ästhetik zu einem Höhlensystem entwickelt. Dies geschieht mit durch Wucht fallende Tropfen, die immer tiefer klingen. Eine Kriegsspiel-Assoziation entsteht.

Honda macht mit seiner „Crystal Study“ den Klimawandel sichtbar. Er hat eine Flüssigkeit in ein Sturmglas gefüllt. Sie verändert sich durch den Einfluss von Temperatur und elektromagnetischer Strömungen. Durch dieses Medium schickt Honda Licht, das sich bricht und an der Höhlenwand in bewegenden Strukturen die Spektralfarben abbildet. Scharfe Striche wechseln sich mit fließenden, diffusen Nebeln und wie Sternschnuppen von der Decke fallenden Wassertropfen ab.

Im etwa 200 Meter tief liegenden Dom lässt Klang- und Medienkünstler Traubeck drei Eiszapfen auf einem Monitor schmelzen. Mit einem Mikrophon hat er Stärke und Rhythmus der Tropfen aufgenommen und mit Klaviertönen unterlegt, so dass die Zapfen mit drei Tönen ihre eigene Musik komponieren. Seine Arbeit nennt sich „Never Stop“ und erhielt, wie alle anderen bei der Präsentation, reichlich Applaus.

„An allen vier Stehlen wird eine Atmosphäre erzeugt, die einen in einen zeitlos schwebenden Zustand versetzt“, sagte Späth. Die Besucher sollten sich Zeit nehmen, die neuartige Wahrnehmung von Zeit und Höhle zu erspüren. Die Schau, die noch bis Ende Juni zu sehen ist, sei jenseits bisheriger Hör- und Empfindungsgewohnheiten – und könnte so auch ein Tourismusmagnet werden.

Von Alexandra Korimorth

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