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Der „Zipflwirt“ in neuem Glanz: Vor einem Jahr hat Albert Jupé das traditionsreiche Gasthaus in Bayrischzell im Kreis Miesbach wiedereröffnet. Seine Urgroßeltern haben es von 1912 bis 1955 geführt.

Zweites Leben für eine Bayrischzeller Institution

Große Reportage: Die Wiedergeburt des „Zipflwirts“

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Ahnenforschung mal ganz anders: Albert Jupé, 50, hat das Wirtshaus seiner Urgroßeltern zurückgekauft – und nach dem historischen Vorbild wiederaufgebaut. Ein Besuch beim Zipflwirt.

Bayrischzell - Albert Jupé, 50, hat sogar die Pistole seiner Uroma, er hat sowieso alles von früher, was ihm irgendwie in die Hände kam. Seine Urgroßeltern sind lange tot, aber spätestens seit 2014 bestimmen sie sein Leben. Der Name der Uroma: Maria Bucher. Ihr Beruf: Wirtin. Ihre Spezialität, so steht es im Baedeker aus den 1920er-Jahren: Froschschenkel. Aber auch Schweinsbraten und alles, was ihr Ehemann im Wald so geschossen hat. Ihr Charakter: energisch. Das war sie. Keine Frage. Das musste sie sein.

Albert Jupé sitzt in der Stube des „Zipflwirts“, der früher der Uroma und dem Uropa gehört hat. Vor ihm liegt die uralte Pistole auf dem Holztisch. „Mit der Kurzwaffe“, sagt er, „hat sie manchmal einen kleinen Kehraus gemacht.“ Vor allem, wenn ihr Mann Georg nicht da war, weil er auf der Jagd war, und sie das abgelegene Wirtshaus über Nacht alleine führte. Manchmal saßen düstere, bierdurstige Gesellen am Stammtisch, die einfach nicht heimwollten. „Angeblich“, sagt Albert Jupé, der Urenkel und neue Wirt, „hängen noch Patronen in der Wand.“ Patronen, die die Uroma warnschussmäßig abgefeuert hat.

Die Uroma und der Uropa in der Lederhosn: Maria und Georg Bucher, die den „Zipflwirt“ bis 1955 führten.

Jupé hat sie nie gefunden, aber er kennt die Geschichten von früher. Er kennt jeden Flecken des „Zipflwirts“. Seit 2014 gehört er ihm. Da hat er ihn gekauft – ohne gastronomische Vorbildung. Ohne Erfahrung. Sondern – an dieser Stelle muss ein bisserl Kitsch erlaubt sein – weil er auf sein Herz gehört hat. Eigentlich ist Jupé Szenenbildner. Er hat die Kulissen für mehrere „Tatort“-Krimis gestaltet, für den Film „Asterix und Obelix“ mit Gérard Dépardieu und für viele Folgen von „Der Alte“. Jetzt ist er Wirt. Er ist „Zipflwirt“.

Vor ein paar Jahren, da war er wieder mal im Oberland für einen Kinofilm auf Motivsuche unterwegs. „Ich bin 30 Jahre nicht mehr am Zipflwirt vorbeigefahren“, sagt Albert Jupé. An diesem Tag schon. Er hat sogar angehalten. „Dann habe ich mir das ganze Elend angeschaut.“ Das Wirtshaus stand leer, und es war heruntergekommen. Kein Vergleich zu den alten Fotos vom Uropa, die er noch zu Hause hat.

Ein Blick ins Innere des Wirtshauses: Der Urenkel hat versucht, es möglichst originalgetreu herzurichten.

Georg Bucher hat den Zipflwirt 1912 eigenhändig erbaut – und bis 1955 geführt. Es war eines der schönsten Wirtshäuser in der Gegend. Fuhrknechte kamen her, um den berühmten Gamsbraten zu essen, Jäger, Handwerker, einfache Leute, aber auch hohe Herrschaften wie der Großindustrielle und Geheimrat Ernst Sachs, für den Georg Bucher als Nebenverdienst in den Wäldern rund um Bayrischzell auf die Jagd ging, weil sie dem Geheimrat gehörten.

Der „Zipflwirt“ hatte den ersten privaten Telefonanschluss im Ort, Telefonnummer 2. Die Gemeinde war die Nummer 1. Und zum Wirtshaus gehörte auch die erste Tankstelle im Dorf. Der „Zipflwirt“ war eine Institution in der Gegend. „Es war eine Herzensangelegenheit, die Geschichte zurückzudrehen“, sagt Albert Jupé, während er durch die renovierten Räume geht. Alles hat er wieder so originalgetreu wie möglich hergerichtet. Seine Erfahrung als Szenenbildner kam ihm da natürlich zu Gute. Er hat auf Ebay alte Wirtshausstühle von 1928 besorgt, er hat Geweihe aufgehängt, die er noch vom Uropa hatte. Dieser Georg Bucher ist sowieso überall präsent. Auf der Speisekarte ist ein altes Foto von ihm – mit Pfeife, Lederhose, Jagerhut und Rauschebart. Die Schützenscheibe vom Uropa aus dem Jahr 1930 hängt in einem Raum, in einem anderen ein Foto von 1910. Es entstand in München, nachdem Bucher den ersten Platz im Preisplattln gewonnen hatte.

Der „Zipflwirt“ auf der Speisekarte des „Zipflwirts“.

Und das mit den Fotos, es hört einfach nicht auf. Immer wieder kommen Menschen aus der Gegend vorbei, die alte Aufnahmen von Georg Bucher vorbeibringen. Der „Zipflwirt“ als Soldat, der „Zipflwirt“ im Wald, der „Zipflwirt“ als „Zipflwirt“. Es ist, als hätten viele nur darauf gewartet, dass das Wirtshaus wieder eröffnet. Damit die Erinnerungen und die Andenken, die noch da sind, einen Ort bekommen. Und damit man hier an der Tiroler Straße kurz vor der österreichischen Grenze endlich wieder eine Halbe trinken oder sogar eine Hochzeit feiern kann, nachdem das Wirtshaus zuvor einige Jahre leer stand.

Albert Jupé nimmt ein altes Stück Holz in die Hand, darauf sind die Initialen GB zu lesen. Das Stück Holz war früher ein Holzrechenstiel, GB steht für Georg Bucher. Der Urenkel hat das Teil zufällig im Bach gegenüber gefunden. Der „Zipflwirt“, er ist irgendwie allgegenwärtig in der Gegend.

Der Urenkel: Albert Jupé mit dem Holzrechenstiel und dem Zeugnis des Uropas. Darauf liegt die Pistole der Uroma.

Kürzlich war ein alter Bauer bei Jupé, der selbst fünf war, als sein Uropa mit 85 starb. Der Bauer war über 90 und er kannte Georg Bucher noch. „Dein Uropa hat jedes Werkzeug gehabt“, hat er zum neuen Wirt gesagt. „Das Wirtshaus war ein außergewöhnlicher Musterbetrieb.“ So was passiert immer wieder, wildfremde Menschen kommen und erzählen vom „Zipflwirt“. Eigentlich hat Georg Bucher sein Gasthaus vor über 100 Jahren „Sonnwendjoch“ getauft, aber die Einheimischen haben der Wirtschaft schnell einen neuen Namen verpasst. Georg Bucher war damals Mitte 20, viel Geld hatte der frühere Jagdgehilfe nicht, deswegen konnte er sich für seine Wirtschaft nur ein kleines Stück Land leisten, lediglich „einen Zipfel“, wie die Bayrischzeller spotteten. Der „Zipflwirt“ war geboren.

Ein Jahr ist es jetzt her, dass Albert Jupé das Wirtshaus eröffnet hat. Davor hat er ein Jahr umgebaut – und 13 Monate konnte er nicht umbauen, weil das Landratsamt den Bau im September 2014 vorübergehend einstellte. Es fehlen Unterlagen für den Umbau, sagte die Behörde. Jupé verzweifelte fast, weil sich zehn Fachstellen einschalteten. Er hat schnell gemerkt, dass es nicht einfach ist, ein Haus in Bayern in den Originalzustand zurückzuversetzen – samt Rundbogenfenster und Ziegelaußenfassade.

Aber seine Geduld hat sich gelohnt. Der „Zipflwirt“ lebt wieder. „Dieses Tal ist außergewöhnlich schön“, sagt Albert Jupé. Im Sommer und Herbst kann man Wandern, im Winter gehen die Langlaufloipen direkt am Haus vorbei. Es ist ein Flecken Erde, den man leicht lieben kann. Für seinen alten Beruf als Szenenbildner ist er auf der ganzen Welt rumgekommen. Aber das ist jetzt vorbei. Albert Jupé bleibt hier – als Wirt in einem bayerischen Bergtal. Er ist angekommen. Eine schönere Kulisse hat er nie zuvor gebaut.

Der „Zipflwirt“

hat im Moment von Freitag bis Sonntag geöffnet, 10 bis 18.30 Uhr. In der Wintersaison dann fünf Tage die Woche. Adresse: Tiroler Straße 80, Bayrischzell.

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