1. Startseite
  2. Lokales
  3. Miesbach
  4. DasGelbeBlatt

Miesbacher Lehrerverband übt harte Kritik am Bildungssystem

Erstellt:

Von: Sandra Hefft

Kommentare

BLLV-Kreisgruppe Miesbach
Die BLLV-Kreisgruppe mit (v.l.) Stefanie Lechner, Jochen Fischer, Vorsitzendem Markus Schäffner, Markus Rewitzer, Barbara Unsinn und Birgit Kowolik weist auf massiven Lehrermangel hin. © Selina Benda

Landkreis – Laut der Miesbacher Kreisgruppe des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) ist die Lage an den Grund- und Mittelschulen dramatisch – auch im Landkreis Miesbach.

„Wie die Bildung unserer Kinder abläuft, wird immer mehr zur Glückssache.“ Mit diesen Worten will Markus Schäffner, Vorsitzender der Miesbacher Kreisgruppe des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), wachrütteln. Denn laut Verband ist die Lage an den Grund- und Mittelschulen dramatisch.

Zu Beginn des Schuljahres zeichnete das Bayerische Kultusministerium trotz Schwierigkeiten ein positives Bild, was den Schulstart an den Grund- und Mittelschulen im Freistaat betrifft. Alles Schönmalerei, wie der BLLV kritisiert. Die Kreisgruppe Miesbach lud deshalb zu einem Pressegespräch ein, „um die Realität, die an den Schulen vorherrscht, deutlich zu machen“, wie Vorsitzender Markus Schäffner sagt.

Insgesamt 4586 Grund- und Mittelschüler starteten im Landkreis im September ins neue Schuljahr, 883 davon als ABC-Schützen. Der Regelunterricht mit Fächern wie Mathe und Deutsch ist laut BLLV in den meisten Fällen abgedeckt. Doch bereits zum Schulstart wurden sogenannte Förderstunden gekürzt – im Landkreis etwa die zweite Musikstunde an allen Grundschulen – um diesen zu gewährleisten. „Auch Fächer wie Informatik, Kunst, Werken, Hauswirtschaft und AGs können teilweise nicht abgehalten werden“, erklärt Schäffner. Grund dafür sei der massive Lehrermangel in den Grund- und Mittelschulen.

Mit sogenannten Substitutionskräften und der Mobilen Reserve sollen die Schulen solche Lücken füllen. „Von den 200 zur Verfügung stehenden Wochenstunden der Einsatzlehrer in der Mobilen Reserve für die Grundschulen waren im Oktober noch 30 Stunden für alle knapp 20 Schulen im gesamten Landkreis Miesbach übrig“, macht Schäffner deutlich. Die Substitutionskräfte würden im Schulalltag den meisten Lehrern zudem zur Last fallen, „weil sie den Ablauf in einer Schule und im Unterricht einfach nicht kennen“, erklärt Markus Rewitzer (Fachgruppe Schulleitung). Von qualitativem Unterricht könne teilweise nicht mehr gesprochen werden. Fällt ein Lehrer etwa wegen Krankheit spontan aus, sind Doppelführungen an der Tagesordnung. „Dann wird der einen Klasse ein Film eingelegt und die andere bearbeitet ein Arbeitsblatt“, sagt Rewitzer. Dies gilt im Übrigen nicht als Unterrichtsausfall.

Jochen Fischer (Fachgruppe Förderlehrer) machte den Personalmangel deutlich: Für die insgesamt 23 Schulen im Landkreis Miesbach stehen derzeit sieben Förderlehrer zur Verfügung. Bedeutet auf 650 Schüler kommt genau ein Förderlehrer. Die sind eigentlich als Unterstützungspersonal zur regulären Klassenlehrkraft vorgesehen, um bestimmten Schülern bei der Defizit- und Stärkenförderung zu helfen. Gerade in Zeiten von Lernrückständen durch die Corona-Pandemie und durch den Ukraine-Krieg mit vielen Integrationskindern, wäre die zusätzliche Förderung enorm wichtig, erklärt Fischer. Die Realität sieht jedoch so aus, dass dieses Personal als Lehrer im Regelunterricht eingesetzt wird, um den Mangel auszugleichen. Zehn Prozent der Lehrkräfte im Landkreis sind laut BLLV nicht adäquat für ihre Schulart ausgebildet.

„Was ist das für ein Berufsbild, wo so etwas einfach geht?“, fragt Stefanie Lechner, die beim BLLV die Fachgruppe Junglehrer leitet. Reguläre Referendare, welche sich durch beide Staatsexamina gequält hätten, hospitieren bei den Klassenlehrern, haben eine Betreuung und Seminare. „Die Substitutionskräfte halten teilweise zwölf Stunden Unterricht in der Woche selbstständig.“ Immer mehr Jungkräfte würden laut Lechner keine Vollzeitstellen mehr antreten „weil sie die Anforderungen und Belastung nicht mehr schaffen“. Leistungsdruck und fehlende Work-Life-Balance machen den Beruf Lehrer immer unattraktiver.

Markus Rewitzer: „Wir stehen vor dramatischen Jahren.“

„Der Gipfel wäre auch ohne Corona und den Ukraine-Krieg erreicht worden. Die Schulen sind ein sinkendes Schiff“, findet Fischer klare Worte. Hinzu würde der stetig steigende Verwaltungsaufwand für die Rektoren kommen, sagt Markus Rewitzer. „Die bürokratischen Hürden arten in monatelange Sisyphusarbeit aus“, sagt Rewitzer. Dies hat zur Folge, dass immer weniger Rektorenstellen besetzt werden. Bayernweit hätten laut BLLV innerhalb eines Jahres 60 Schulleiter ihr Amt freiwillig aufgrund der großen Belastung niedergelegt. „Wir stehen vor dramatischen Jahren“, prophezeit er.

„Wir sehen uns auch als Vertreter der Schüler und denen wird eine gute, fundierte Ausbildung genommen“, sagt Schäffner. Die Lehrer würden alles für ihre Schüler tun, aber dadurch seien die Probleme seit Jahren verdeckt worden. Durch das Homeschooling während der Pandemie sei der Fokus wieder auf die Schulen gerichtet worden. Diese Aufmerksamkeit müsse nun genutzt werden, um jahrelange Versäumnisse aufzuholen. Neben einer angemessenen Bezahlung, mehr Flexibilität und Wertschätzung für den Beruf des Lehrers, fordert der BLLV von der Politik, mehr Gelder in das Bildungssystem zu stecken. „Schule hat leider keinen Wirtschaftsfaktor, aber wer in sie investiert, wird langfristig Erfolg haben“, sagt Fischer. sb

Auch interessant

Kommentare