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Das war’s: Gestern fand der letzte Kälbermarkt in der Miesbacher Oberlandhalle statt. Versteigerer Florian Maier dirigiert die Angebote.

Letzter Zuchtviehmarkt in der Oberlandhalle

„Ein historischer Moment“

Miesbach - Zum letzten Mal wurden am Donnerstag in der Miesbacher Oberlandhalle Kälber versteigert. Schon nächste Woche findet die erste Versteigerung im Neubau in Straß statt. Beim letzten Markt wollten so viele Menschen dabei sein, wie schon lange nicht mehr.

Balthasar Biechl muss in seinem Beruf als Vorsitzender des Zuchtverbands Miesbach stets einen kühlen Kopf bewahren, geht es auf den Märkten doch mitunter heiß her. Aber die Versteigerung am Donnerstag ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, war es doch die letzte in der alten Oberlandhalle. Die nächste Versteigerung kommenden Mittwoch findet bereits am neuen Standort des Zuchtverbands in Straß statt. „Es ist ein historischer Moment“, sagt Biechl. „Es ist nicht so, dass einem das nicht nahe geht.“

Nicht nur dem Verbandsvorsitzenden geht es wohl so, auf der Tribüne ist schon eine Viertelstunde vor Versteigerungsbeginn kein Platz mehr frei. Sogar vor dem Ring, in dem die Kälber aufgetrieben werden, stehen die Menschen dicht gedrängt, der kleine Versteigerungsraum in den Stallungen platzt aus allen Nähten. „Seit über 100 Jahren sind hier Märkte“, sagt Züchter Sepp Thalhammer aus Erlach bei Otterfing. „Und heute ist’s das letzte Mal. Deshalb sind auch so viele Leute da.“ Da noch Schulferien sind, haben einige ihre Kinder und Enkelkinder mitgebracht. Thalhammer hat seinen Neffen dabei. Manche machen Fotos. Biechl schmunzelt. „Das hat’s noch nie gegeben.“

Versteigerer Florian Maier lässt sich davon nicht beirren. Mit einer Sprechgeschwindigkeit, die selbst Karl Lagerfeld in den Schatten stellt, ruft er Nummer um Nummer auf. Wie ein Verkehrspolizist dirigiert er die Interessenten, die sich mit ihren runden Tafeln jeweils um zehn Euro überbieten. Es dauert keine 20 Sekunden, bis ein Kalb verkauft ist. Über 820 sind es am Ende.

Im Verwaltungsgebäude nebenan stehen derweil noch ein paar Umzugskisten in den Gängen, die meisten Büros sind leergeräumt, nur in der Küche liegt noch die Decke auf dem Tisch, und die geschnitzte Hausapotheke hängt in der Ecke. „Die Kaffeemaschine ist das Einzige, was noch geht“, sagt Sekretärin Marianne Dialler und lacht. 38 Jahre lang hat sie hier für den Zuchtverband gearbeitet, nun geht es zum ersten Mal in ein anderes Büro. „Erst gibt’s eine Menge Tränen, und dann geht’s rüber“, beschreibt sie den Freitag.

Ihrem Chef bleiben dann vor allem die Märkte mit Rekordergebnissen in Erinnerung. Oder der 12. Juni 2008, als das einmillionste Kalb versteigert wurde. Zuchtleiter Franz Gasteiger blickt noch weiter zurück. Mit 17, 18 Jahre war er bereits als Markthelfer dabei und hat Kälber aufgetrieben. Anfangs wurden diese noch im Freien versteigert. Die  Halle gibt es seit 1969, 30 000 Kälber kommen jedes Jahr unter den Hammer.

Aber nicht nicht nur Rindviecher wurden hier versteigert. Es gab Musical-Aufführungen, Abi-Partys, Geflügelschauen, Schafprämierungen, die Jungzüchter haben ihr Weinfest gefeiert. Unvergessen sind die Frühjahrssingen des Trachtenvereins. Der Weltfleckviehkongress war für Gaststeiger ein Höhepunkt.

Für den Zuchtleiter ist dieser Donnerstag eine Mischung aus Wehmut und Vorfreude. „In der alten Halle bröckelt’s und bröselt’s jetzt schon ziemlich“, sagt er. „Wir haben uns das mit dem Umzug nicht leicht gemacht“, schiebt Biechl hinterher. „Aber es war der einzig richtige Weg, um die Zukunft des Verbands langfristig sichern“, sagt er, wie um es sich selbst nochmal zu versichern. Der Brandschutz wurde immer mehr zum Problem, durch die verschärften Sicherheitsvorschriften für öffentliche Gebäude war der Versteigerungsbetrieb nur noch bis Jahresende zugelassen (wir berichteten). „Auch die Veterinärvorschriften haben sich geändert“, sagt Gasteiger. In Straß werden die Kälber nun nicht mal mehr zum Auftrieb angehängt. „Wir freuen uns auf die neue Halle“, sagt auch Züchter Thalhammer. „Ob die Preise dann besser sind, das glaub ich nicht“, sagt er scherzhaft. Die Oberlandhalle wird nun in den nächsten Monaten abgerissen, an ihre Stelle kommt ein Supermarkt. Der Edeka-Alpengroßmarkt wird sich dort ansiedeln (wir berichteten).

Julia Pawlovsky

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