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Noch hat Michael Seelbach Hilfe. Doch seine Pflegerinnen kommen nur noch bis Ende März zu ihm. Für die Zeit danach muss sich der 51-jährige ALS-Patient einen neuen Pflegedienst suchen. Am liebsten wäre ihm eine persönliche Ganztagsbetreuung.

Pflegedienst kündigt ALS-Patient 

Todkrank und keine Hilfe: Wie dieser Fischbachauer täglich leidet

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Fischbachau - 0,001 bis 0,003 Prozent. So gering ist die Wahrscheinlichkeit, an Amyotropher Lateralsklerose zu erkranken. Michael Seelbach hat es trotzdem getroffen. Keine vier Jahre nach der Diagnose kann er sich kaum mehr bewegen. Nun hat ihm sein Pflegedienst gekündigt.

Der alte Michael Seelbach lehnt am Terrassenfenster. Ein austrainierter Mittvierziger auf dem Mountainbike. Das weiß-blaue Trikot voll Matsch, die muskulösen Oberschenkel angespannt, der Blick nach vorne gerichtet – aufs Ziel. Es ist ein Bild von der 12-Stunden-Mountainbike-Weltmeisterschaft 2009 in Fischbachau. Seelbach hat als Solo-Fahrer in der Masterklasse den fünften Platz belegt. „Bei den Verrückten“, wie der heute 51-Jährige sagt. Keine sieben Jahre später kostet ihn dieser Blick auf sein altes Ich fast so viel Kraft wie früher ein Marathon – weil er seinen Kopf nach rechts drehen muss.

Seelbach sitzt auf der grauen Couch im Wohnzimmer. Dort sitzt er, seit ihm eine Pflegerin um 9.30 Uhr aus dem Bett geholfen hat. Vier Stunden später wird er immer noch dort sitzen. Bis die Pflegerin um 14 Uhr die Tür aufsperrt und ihn für zwei Stunden ins Bett legt. Seine Lebensgefährtin kommt erst am Abend von der Arbeit nach Hause. So geht das jeden Tag. Solange Seelbach noch sitzen kann. Und solange er einen Pflegedienst hat. Das ist vorerst nur noch bis Ende März der Fall. Seelbach wurde gekündigt – wegen Personalmangel. „Und weil sich mein Zustand immer weiter verschlechtert hat“, sagt er. Ein Satz, der den Sportler schwer getroffen hat. Als wüsste er selbst nicht gut genug, wie es um ihn steht.

Der selbstständige Unternehmensberater leidet an Amyotropher Lateralsklerose – kurz ALS (siehe Kasten). Eine unheilbare Krankheit, die seine Nerven lahmlegt – bis zum Tod. Nicht schubweise, sondern stetig und unaufhaltsam – und dennoch rasend schnell. „Alle paar Tage fällt eine weitere Bewegung weg“, sagt Seelbach. Seit einem halben Jahr sitzt er im Rollstuhl. Arme und Hände kann er kaum mehr bewegen. Geblieben sind ihm noch Daumen und Mittelfinger der linken Hand. Vorerst.

Angefangen hat alles 2011, als Seelbach Probleme mit der Feinmotorik bekam. „Ich dachte erst, dass ich mir einen Nerv eingeklemmt habe“, erzählt er. Es folgte eine Odyssee von Arzt zu Arzt. Mitte 2012 – nach einer Reihe von Nerventests im Klinikum Großhadern – hatte er Gewissheit. „Die Ärzte haben mir gesagt, dass sie nichts für mich tun können“, sagt Seelbach. Sie empfahlen ihm Psychopharmaka, um mit seiner Situation leichter klarzukommen. Sich aufs Sterben vorzubereiten. Seelbach lehnte ab. „Wenn ich ein sensibler Mensch wäre, wäre ich bei der Heimfahrt von der Mangfallbrücke gesprungen.“

Doch Seelbach nahm den Kampf an. Wenige Tage vorher hatte er noch einen Mountainbike-Marathon gefahren. Weil irgendwann seine Nackenmuskeln schlapp machten, quälte er sich mit dem Kopf auf der Brust ins Ziel. Es war sein letztes Rennen, aber nicht seine letzte Radtour. Solange es ging, setzte er sich in den Sattel.

Heute sind schon zwei Schritte am Rollator die reinste Qual für ihn. Mehrmals täglich zwingt er sich so über seine Belastungsgrenze. „Es fühlt sich an, als ob mir bei 40 Grad Fieber jemand auf den Schultern sitzt. Ich vergewaltige meinen Körper. Kein Sportler würde so trainieren.“ Anders als früher nehmen seinen Muskeln Schaden, wenn er sich anstrengt. Zum Beispiel, wenn er sich beim Essen über den Teller beugt. Das muss er, weil die linke Hand mit der Gabel nicht mehr zum Mund will. Auch Trinken geht nur mit Strohhalm. Seelbach überlegt sich jeden Schluck genau. Er kann erst auf die Toilette, wenn sein Pflegedienst da ist. Die Urinflasche kann er nicht halten.

Es ist ein Martyrium, das sich kein gesunder Mensch vorstellen kann. „Andere Leute wachen aus einem Alptraum auf. Meiner beginnt, wenn ich die Augen aufmache.“ Trotzdem jammert er nicht. Natürlich hat Seelbach nach Ursachen geforscht. Mittlerweile geht er davon aus, dass sein Körper durch Zahnfüllungen aus Amalgam mit Quecksilber vergiftet ist. Auch eine verschleppte Borreliose hat er im Verdacht. Das alles macht die Situation nicht leichter, aber es hilft ihm, damit umgehen.

Von der Schulmedizin hat sich der 51-Jährige längst verabschiedet. Sie kann ihm ohnehin nicht helfen. Stattdessen vertraut er auf Heilpraktiker und seinen Mentaltrainer. „Ich will den Schalter in meinem Körper umlegen, um den Prozess umzukehren.“ Das ist es, was ihn noch am Leben hält. Sein Umfeld trägt das nicht immer mit. Freunde haben sich abgewandt. Selbst seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter fällt das Hoffen schwer. Doch Seelbach kämpft.

Das oberste Ziel: Er braucht ab 1. April eine Ganztagsbetreuung. Jemand, der rund um die Uhr für ihn da ist. Der ihn nicht nur versorgt, sondern auch mit ihm spricht und ihn mit nach draußen nimmt. „Einen liebevollen, positiven Menschen, der mir hilft, aus dieser Situation herauszukommen.“ Ins Heim will er auf keinen Fall. „Da würde ich vor die Hunde gehen.“ Dafür hat er noch zu viel vor. Er will ein Buch schreiben, um anderen Betroffenen Mut zu machen.

Und er will zurück aufs Mountainbike. Seinen Traum von Bergen und Natur weiterleben, der vor 25 Jahren mit dem Umzug ins Leitzachtal begann. Wenn Seelbach davon spricht, dreht sich sein Kopf wie von selbst zu seinem Bild am Fenster. Dann ist er wieder da: der Sportler, der Verrückte. Er mag in seinem Körper eingesperrt sein – verschwunden ist er nicht.

Kontakt aufnehmen

kann man mit Michael Seelbach per E-Mail an m.seelbach@fuhrpark-beratung.de . 

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