Auf dem Grundstück von Thomas Burnhauser (r.) haben dessen Tochter Rachel Burnhauser und Marco Kraft Artefakte aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Nun kämpfen sie darum, diese auch behalten zu dürfen.
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Auf dem Grundstück von Thomas Burnhauser (r.) haben dessen Tochter Rachel Burnhauser und Marco Kraft Artefakte aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Nun kämpfen sie darum, diese auch behalten zu dürfen.

Helm, Pistolen, Feldtelefon

Alter Wirt in Hundham: Schatzsucher finden Artefakte aus Zweiten Weltkrieg - Behörden stellen sich quer

  • Sebastian Grauvogl
    VonSebastian Grauvogl
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Artefakte aus dem Zweiten Weltkrieg sind beim Alten Wirt in Hundham aufgetaucht. Weil sich darunter auch verrostete Waffen befinden, beschäftigt der Fund nun auch die Behörden.

Hundham – Von Flammen zerfressen, von Erde verschluckt – und auf ewig vergessen: Das war wohl das Ziel der Unbekannten, die einige Gegenstände des Zweiten Weltkriegs hinter dem Alten Wirt in Hundham in eine Grube geschmissen, mit Kraftstoff übergossen und angezündet haben, um sie anschließend für immer zu vergraben und so vor der Nachwelt zu verstecken. Doch daraus wurde nichts. Im Frühsommer vergangenen Jahres gingen die beiden Hobbyschatzsucher Rachel Burnhauser und Marco Kraft mit ihrem Metalldetektor auf dem Anwesen von Rachels Vater und Eigentümer des Alten Wirts in Hundham, Thomas Burnhauser, auf Pirsch. Während sie bei ihren bisherigen Aktionen vor allem Münzen oder alte Leonhardiabzeichen gefunden hatten, stießen sie diesmal auf besagte Überreste von vor 75 Jahren.

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Alter Wirt in Hundham: Schatzsucher finden Artefakte aus dem Zweiten Weltkrieg - Behörden schalten sich ein

Tatsächlich lassen die Fundstücke jeden Hobbyhistoriker und Heimatinteressierten mit der Zunge schnalzen: ein Feldtelefon der Wehrmacht, ein wohl amerikanischer Soldatenhelm, ein Ortsschild von Elbach, eine deutsche Pistole sowie zwei Revolver der Alliierten und ein Karabinerschloss. Der Zustand der Objekte habe in den langen Jahren unter der Erde allerdings arg gelitten, berichtet Burnhauser. Die Waffen seien komplett verrostet, die Holzteile der Griffschalen verschwunden, keines der Einzelteile lasse sich noch bewegen. „Man erkennt die Form, von der Funktion ist nichts mehr übrig“, sagt Burnhauser. Im Klartext: Von Pistole und Revolver geht keine Gefahr mehr aus.

Dennoch stellte sie der Eigentümer des Alten Wirts nicht in einfach in einem Schaukasten in seinem Gasthof aus, sondern informierte „gesetzeskonform“ die Polizei. Die übergab die Zeitzeugnisse an die Abteilung Waffenrecht im Landratsamt Miesbach. Und damit begann etwas, das Burnhauser nur noch kopfschüttelnd als „mit kafkaesken Zügen versehene Geschichte“ beschreibt.

So habe er das Landratsamt gebeten, die Waffen entsprechend ihres Zustands als funktionsuntüchtig einzustufen und ihm zurückzugeben, „um sie einer weiteren geschichtlichen Zuordnung und gegebenenfalls Ausstellung zuzuführen“. Doch die Behörde winkte ab. Zuerst müsse das Beschussamt München die Pistole und die beiden Revolver deaktivieren und dem Landratsamt eine entsprechende Bescheinigung ausstellen.

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Diese verrosteten Waffen waren unter den Fundstücken.

Also wandte sich Burnhauser mit seiner mit Fotos versehenen Bitte an das Beschussamt. Dort teilte man ihm mit, die vorgeschriebene Deaktivierung und Dokumentation durch einen Büchsenmacher aufgrund des „offensichtlich verrosteten und funktionsuntüchtigen Zustands“ der Waffen nicht möglich sei. Letztlich also ein Paradoxon, meint Burnhauser: Die Deaktivierung ist nicht möglich, weil die Funktionstüchtigkeit nicht mehr gegeben ist. Die Vorgaben würden auf die EU-Kommission zurückgehen, teilte das Beschussamt mit. Man sei verpflichtet, diese auch umzusetzen. Also wurde der Eigentümer des Alten Wirts erneut weiterverwiesen, diesmal ans Bundeskriminalamt in Wiesbaden. „Das hat eindeutig Buchbinder Wanninger-Qualität“, seufzt Burnhauser. Und das BKA fügte gleich das nächste Kapitel hinzu. Tenor: Die Gesetzeslage lasse keinen Spielraum, man könne nichts tun.

So sieht es im Moment danach aus, als müsse Burnhauser in Kürze Lagergebühr für die historischen Relikte ans Landratsamt bezahlen muss. Und, noch viel schlimmer: „Aufgrund der deutschen und europäischen Rechtslage können die Artefakte eigentlich nur der Vernichtung zugeführt werden“, berichtet Burnhauser. Auf Nachfrage unserer Zeitung teilt die Behörde mit, dass sie nicht befähigt sei, den Zustand von Fundwaffen festzustellen oder eine Deaktivierungsbescheinigung auszustellen. Seit der Änderung des Waffengesetzes 2020 seien die Beschussämter für unbrauchbar gewordene Schusswaffen zuständig. „Ausnahmetatbestände existieren vorliegend nicht“, teilt das Landratsamt mit. Lagergebühren würden derzeit keine erhoben. Allerdings dürfe man die Waffen bis zur Freigabe auch nicht wieder aushändigen. weil es sich laut Gesetz um eine „Überlassung an Unberechtigte“ handeln würde.

Das will Burnhauser nicht hinnehmen. Er sei selbst geschichtlich interessiert, vor allem auch an der Historie seines Anwesens in Hundham. „Vom Speicher bis unter die Erde“, betont der Eigentümer. Auch der Fischbachauer Heimatforscher Andreas Estner ist überzeugt, dass die Fundstücke „in ihrer heimatgeschichtlichen Bedeutung von höchstem Rang sind“. Auf dem sogenannten Kapellenfeld rund um die Leonhardi-Kapelle in Hundham habe die US-Armee bei ihrem Einmarsch ins Leitzachtal im Mai 1945 ein Camp und eine Feldküche betrieben. „Mit größter Wahrscheinlichkeit stammen die Funde aus dieser Zeit“, sagt Estner.

Diesen Teil der Zeitgeschichte wie vor 75 Jahren erneut verschwinden zu lassen, geht für Burnhauser gar nicht: „Wer keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft.“

sg

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