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Andreas Estner über sein Buch „Talgeschichte(n)“ und tausende Stunden Recherche

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Von: Christian Masengarb

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Aus Liebe zur Heimat: Für das Fischbachauer Gemeindeblatt schreibt Andreas Estner seit 2009 Talgeschichte(n). Drei Jahre lang hat er nun intensiv recherchiert und tausende alte Zeitungsartikel gelesen. Daraus ist ein Buch entstanden.
Aus Liebe zur Heimat: Für das Fischbachauer Gemeindeblatt schreibt Andreas Estner seit 2009 Talgeschichte(n). Drei Jahre lang hat er nun intensiv recherchiert und tausende alte Zeitungsartikel gelesen. Daraus ist ein Buch entstanden. © Thomas Plettenberg

Wie hat es in Bayrischzell und Fischbachau vor 200 Jahren ausgesehen? Warum wurde die Leitzach begradigt? Diese und weitere Fragen beantwortet der Fischbachauer BR-Rundfunkjournalist Andreas Estner in seinem Buch „Talgeschichte(n)“.

Fischbachau – Wie hat es in Bayrischzell und Fischbachau vor 200 Jahren ausgesehen? Warum wurde die Leitzach begradigt? Diese und weitere Fragen beantwortet der Fischbachauer BR-Rundfunkjournalist Andreas Estner (46) in seinem Buch „Talgeschichte(n)“ – der ersten Kulturgeschichte des oberen Leitzachtals seit 1928. In unserem Gespräch erklärt er, was er in tausenden Stunden Recherchearbeit über seine Heimat herausgefunden hat und wieso sein Buch für Alteingesessene und Zugezogene gleichermaßen interessant ist.

Herr Estner, Sie haben viel über das obere Leitzachtal recherchiert. Was haben Sie herausgefunden, dass selbst Alteingesessene nicht über ihre Heimat wissen?

Über das Kriegende in Fischbachau wurde noch nie geschrieben. Ich habe mit Zeitzeugen gesprochen, Tagebücher gesichtet, Unterlagen gelesen. Dadurch ist ein eindrucksvolles Bild entstanden. Die SS wollte im Frühjahr 1945, als die Amerikaner schon im Anmarsch waren, das Ortsgebiet verteidigen. Eine kleine, beherzte Widerstandsgruppe der Freiheitsaktion Bayern (FAB) hatte sich auf einer Almhütte am Breitenstein verschanzt und hat mit den Amerikanern verhandelt. Nur so kam es zur friedlichen Kapitulation. Das ist es etwas, das weiß keiner.

Haben Sie bei der Recherche jemals gedacht: „Was ich gerade gelesen habe, weiß außer mir niemand auf der Welt über meine Heimat. Wahnsinn!“

Ich hatte oft regelrecht Herzklopfen! Eine Familie hat mir das Tagebuch einer Hebamme zur Verfügung gestellt, die um die Zeit des Zweiten Weltkriegs über 5000 Kindern im Leitzachtal auf die Welt verholfen hat. In einem Fall hat eine Frau ein Kind geboren und am gleichen Tag die Nachricht bekommen, dass der Vater gefallen ist. Da sind mir die Tränen gekommen. Was die Menschen früher aushalten mussten!

Klingt nach einer aufwendigen Recherche.

Intensiv habe ich am Buch drei Jahre gearbeitet. Es waren ohne Übertreibung tausende Stunden, die mich sehr berührt haben und die ich nicht missen möchte.

Im Buch geht es um viel mehr als das Kriegsende.

Stimmt. Das Buch ist unterteilt in Bauerngeschichten, Almgeschichten und Forstgeschichten. Es beginnt mit der Klostergründung in Bayrischzell im Hochmittelalter durch die Gräfin Haziga. Es zeigt die früheren Arbeits- und Lebenswelten von Holzknechten, Bergbauern und Dienstboten, die ältesten Bauernhäuser und Almen, die Kunstwerke von Möbel- und Lüftlmalern, aber auch seltene und vergessene Bräuche wie den Kuchlwagentag oder das Haberfeldtreiben, das im Leitzachtal beliebt und gefürchtet war. Besonders interessant ist die Rückschau ins Jahr 1817, in dem der erste Tourist und die hiesigen Pfarrer die Dörfer, Kirchwege und Lebensumstände beschrieben haben.

Stichwort Tourismus: Hier spielt der Wendelstein eine zentrale Rolle.

Die Wendelsteinbahn, die erste Bergbahn Bayerns, sollte 1912 eigentlich vom Leitzachtal aus gebaut werden. Es gab einen schwindelerregenden Wettlauf mit Feilnbach und Brannenburg, den das Inntal gewonnen hat. Auch das ist eine spannende Geschichte.

Sie erklären auch, warum die Leitzach begradigt wurde.

Kaum jemand weiß noch, dass es auf der Leitzach eine intensive Holzdrift gab. Nach der Säkularisierung der Klosterwälder, hat der Staat Anfang des 19. Jahrhunderts in Rosenheim die Saline gebaut. Die hatte einen unglaublichen Energiebedarf. Daher wurde Holz aus den Bayrischzeller und Fischbachauer Wäldern auf der Leitzach und Mangfall bis nach Rosenheim transportiert. Dazu musste die Leitzach begradigt werden. Drum ist sie heute auf weiten Strecken schnurgerade. Bis 1850, 1860 zeigen alte Karten sie noch in Schlangenlinie. Die Protokolle habe ich im Bayerischen Staatsarchiv ausgegraben. Das war spannend. Ich denke, dass weiß auch kaum einer.

Hat das obere Leitzachtal eine aktualisierte Kulturgeschichte gebraucht?

Ich denke, ja. Mir ist wichtig, dass sich Menschen mit Geschichte beschäftigen. Ich will, dass mit dem Leitzachtal behutsam umgegangen wird. Dazu braucht es ein Bewusstsein. Nur was man kennt, liebt man. Nur was man liebt, schützt man.

Gutscheine

Zu kaufen gibt es „Talgeschichte(n)“ von Andreas Estner noch nicht. Die Papierknappheit hat den Druck verzögert. Damit Liebhaber des Leitzachtals das Buch dennoch unter den Weihnachtsbaum legen können, hat Estner Gutscheine drucken lassen. Diese gibt es ab Ende der Woche bei den Touristinfos Bayrischzell und Fischbachau. Das 552 Seiten starke Buch kostet 54 Euro. Auf www.andreasestner.de veröffentlicht Estner Neues zum Drucktermin des fertigen Buchs.

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