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Experten auf dem Podium und im Publikum: (v.l.) Kreisheimatpfleger Benno Bauer, Architekt Christian Boiger sowie die Bürgermeister Hans-Jörg Birner (Kirchanschöring), Georg Kittenrainer (Bayrischzell) und Josef Lechner (Fischbachau) bei der Diskussionsrunde des Architekturforums Miesbacher Kreis im Sitzungssaal des Fischbachauer Rathauses. 

„Wir handeln, wenn sich die Chance ergibt“

Architekturforum: Josef Lechner über Gemeinwohl-Ökonomie und hiesige Ortsentwicklung

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Bei einer Diskussionsveranstaltung des Architekturforums Miesbacher Kreis waren vor Kurzem etliche Kommunalpolitiker und Architekten zu Gast im Fischbachauer Rathaus. 

Fischbachau – Wer nicht nur in der eigenen Suppe löffeln will, muss bisweilen über den Tellerrand hinausschauen. Das haben jetzt die rund 50 Zuhörer, darunter etliche Kommunalpolitiker und Architekten aus dem gesamten Landkreis, bei einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung des Architekturforums Miesbacher Kreis im Sitzungssaal des Fischbachauer Rathauses getan. Hans-Jörg Birner, Bürgermeister von Kirchanschöring in der Nähe des Waginger Sees im Landkreis Traunstein, berichtete über die Errungenschaften und Erfahrungen der bundesweit ersten zertifizierten „Gemeinwohl-Gemeinde“. Mit auf dem Podium saß auch der Gastgeber, Fischbachaus Rathauschef Josef Lechner. Wir haben ihn im Interview gefragt, was er von dem Ansatz Kirchanschörings hält und ob sich Teile davon auch im Landkreis umsetzen lassen.

Herr Lechner, wie weit ist Kirchanschöring den Gemeinden in unserem Landkreis voraus?

Ich würde da nicht von einem Vorsprung sprechen, sondern eher von einem anderen Ansatz. In Kirchanschöring ist alles dem Gesamtkonzept der Gemeinwohlökonomie untergeordnet. So haben der Bürgermeister und sein Gemeinderat bei der Ortsentwicklung darauf geachtet, den Kern mit Innenverdichtung und dem Bau eines Hauses der Begegnung zu beleben. Das ist sehr gelungen. Es war aber auch nur möglich, weil bestimmte Voraussetzungen erfüllt waren.

Nämlich?

Die Gemeinde besitzt einfach selbst sehr viele Flächen – auch im Innenbereich. Damit konnte sie einerseits die künftige Nutzung bestimmen, andererseits durch den Verkauf von Grundstücken auch ihre Finanzen aufbessern und sich so Handlungsspielraum für Investitionen verschaffen. Die haben echt eine tolle Schatulle.

Bei uns scheitert es also am Tafelsilber?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Jede Gemeinde hat Instrumente zur Hand, um ihre Zukunft zu steuern. Ich denke da zum Beispiel an das Baurecht. Mit Bebauungsplänen hat man selbst im Innenbereich die Möglichkeit, bei Vorhaben mitzureden und auch eine bestimmte Richtung vorzugeben. Und wenn es hart auf hart kommt, bleibt immer noch die Option einer Veränderungssperre. Vorausschauendes kommunales Handeln bedeutet aber auch, selbst über den Kauf von Grundstücken nachzudenken, wenn die auf den Markt kommen. Kirchanschöring arbeitet hier sehr erfolgreich mit einer „Vorkaufssatzung“.

Wäre das auch für Sie eine Option?

Ausschließen würde ich es nicht. Ich sehe aber keine dringende Notwendigkeit. Als Flächengemeinde werden wir einfach punktuell tätig, wenn sich die Chance ergibt. So haben wir uns beispielsweise das Wolfseeareal gesichert, und Bayrischzell hat damals am Bahnhofsumfeld zugeschlagen. Eine wertvolle Anregung haben wir dafür aber für den Verkauf der Baugrundstücke mitgenommen. Da hat Kirchanschöring ein interessantes Modell der Bürgerbeteiligung entwickelt: das Baugruppenbauen.

Und das funktioniert wie?

Eigentlich ganz einfach. Die Kaufinteressenten – egal ob ein Single-Haushalt, eine alleinerziehende Mutter, eine Familie oder ein älteres Ehepaar – gründen eine Bau GbR. Gemeinsam mit einem Architekten planen sie ihr Wohneigentum – auf Basis des baurechtlichen Rahmens – ganz nach ihren individuellen Bedürfnissen. Die Grundstückskosten werden anteilig berechnet. Weil das alles ohne Bauträger geht, wird es am Ende sogar günstiger. Und das Beste daran: Für die Architektenleistungen gibt es sogar Fördergelder.

Musik in Ihren Ohren, oder?

(lacht) Klar. Tatsächlich kann ich mir gut vorstellen, dies beim Verkauf der Wolfsee-Grundstücke anzubieten. Damit könnten wir den Wünschen der Interessenten – insbesondere der Fischbachauer – noch besser Rechnung tragen. Zuerst muss ich aber meinen Gemeinderat von dieser Form des „bürgerbeteiligten Bauens“ überzeugen.

sg

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