+
Sieht so aus, aber friert nicht: Ein Kalb sucht auf der Weide von Siegfried Steinberger im Schnee nach frischem Gras.

Landwirt setzt auf neuartige Methode

Besorgte Anrufer: Müssen diese Kälber frieren?

  • schließen

Kühe stehen im Schnee auf der Weide stehen und ernten mitleidige Blicke. Landwirt Siegfried Steinberger aus Wörnsmühl erhält deshalb regelmäßig besorgte Anrufe. Zurecht?

Wörnsmühl – Sobald seine Kühe im Schnee stehen, klingelt bei Siegfried Steinberger das Telefon. Und wenn er abnimmt, klingeln ihm schnell die Ohren. Mal besorgt, mal aufgebracht fragen ihn die Anrufer, ob er denn kein Mitleid mit seinen Tieren habe. Statt sie in den warmen Stall zu holen, lasse er sie in der Kälte zittern und im nassen Schnee nach Grashalmen scharren. Auch beim jüngsten Spätwintereinbruch kochten die Emotionen wieder hoch, berichtet der Landwirt aus Effenstätt bei Wörnsmühl.

Anfang April hat er heuer das Jungvieh auf seine Weide getrieben. Da bleiben die 25 Pensionsrinder bis in den Spätherbst. Bei Wind und Wetter – und damit eben auch bei Schnee. Das, sagt Steinberger, der beim Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) für den Bereich Weideuntersuchung zuständig ist, mache den Tieren aber gar nichts aus. Ihr Besitzer halte sie im Winter in einem sogenannten Außenklimastall. Damit seien sie auch kältere Temperaturen gewohnt. „Die grasen selbst bei Schnee wie die Büffel in Nordamerika“, erklärt Steinberger. Über ihren Stoffwechsel würden die Jungkühe ihre Körpertemperatur konstant halten – sogar bei unter minus zehn Grad. Dabei sei das Krankheitsrisiko sogar geringer als in einem feuchtwarmen Stall. „Da kommen die Kühe viel schneller in Hitzestress“, erklärt Steinberger.

Er setzt auf die sogenannte Kurzrasenweide. Eine Bewirtschaftungsform, die ihren Ursprung auf den Almen hat. Durch den frühen Auftrieb haben die Kühe hier immer hochwertiges, junges Gras zu fressen – eine ausreichend große Fläche vorausgesetzt. „Bei heranwachsenden Kälbern reicht das Futter auf der Weide aber eigentlich immer aus“, sagt Prof. Hubert Spiekers, Leiter des Instituts für Tierernährung und Futterwirtschaft am LfL. Der Landwirt müsse die Intensität der Beweidung dem Graszuwachs anpassen. Unkraut und Verbuschung hätten somit keine Chance, ergänzt Steinberger. Trotz dieser Vorteile habe sich das Prinzip im Oberland aber bislang nicht durchgesetzt. „Wir sind da oft noch auf dem Stand der 80er-Jahre.“

Am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen ist man in Sachen Kurzrasenweide etwas vorsichtiger. „Manche Betriebe kommen wegen des geringeren Arbeitsaufwands gut damit zurecht, andere weniger“, sagt Zuchtleiter Dr. Franz Gasteiger. Der „allein selig machende Weg“ sei das Verfahren aber nicht. Und auch wenn Rinder Kälte viel besser aushalten würden als Menschen, müsse man dafür Sorge tragen, dass sie sich bei extremem Wetter in einen trockenen und windgeschützten Unterstand zurückziehen können.

Den hat nun auch Steinberger in Form eines überdachten Ladewagens kurzfristig errichtet. Weil sich die Anrufer auch an das Veterinäramt gewendet hatten, schauten Vertreter der Behörde bei einem Ortstermin auf der Weide vorbei. Gemeinsam habe man sich dann auf diese Vorgehensweise geeinigt, teilt Gerhard Brandl, Stellvertretender Pressesprecher am Landratsamt, auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Ein behördliches Einschreiten sei damit nicht mehr angesagt gewesen. Grundsätzlich möglich sei dies immer dann, „wenn eine erhebliche Vernachlässigung der Tiere hinsichtlich Haltung und Pflege festgestellt wird“, so Brandl. „Im Extremfall können diese Tiere dann wenigstens vorübergehend an einen anderen Standort verbracht werden.“

Damit es bei ihm erst gar nicht so weit kommt, hat Steinberger stets ein Auge auf sein Vieh. Drei Mal pro Woche sehe er nach dem Rechten und überprüfe, ob seine Weide genug Futter hergibt, betont er. Dank mehrerer Holzstöße und einem benachbarten Hag hätten seine Tiere auch einen natürlichen Windschutz zur Verfügung. Der künstlich gebaute Unterstand bleibe hingegen meist leer, meint Steinberger. „Den nehmen sie gar nicht an.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Regierung: „Einsturzgefahr ist eine Ersteinschätzung“
106 Jahre nach seiner Schließung im Jahr 1911 ist das Miesbacher Bergwerk wieder in den öffentlichen Fokus gerückt. Vergangene Woche hat die Immobilien Freistaat Bayern …
Regierung: „Einsturzgefahr ist eine Ersteinschätzung“
Erneut Grabstätte verwüstet
Auf dem Miesbacher Friedhof hat ein unbekannter Täter erneut eine Grabstätte verwüstet.
Erneut Grabstätte verwüstet
Der „Komödienstadel“übernimmt die Regie
Der Klassiker aus dem Bayerischen Fernsehen ist in der Kreisstadt angekommen: Der „Komödienstadel“ belagert den Waitzinger Keller.
Der „Komödienstadel“übernimmt die Regie
Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen gegen AfD-Kandidat ein
Die Staatsanwaltschaft München II hat die Ermittlungen gegen den AfD-Direktkandidaten Constantin Leopold Prinz von Anhalt eingestellt.
Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen gegen AfD-Kandidat ein

Kommentare