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Schwester Eresta kam mit 22 Jahren nach Birkenstein und lebt seither dort. 

Ein Leben nach dem Glauben

Ein Besuch bei Schwester Eresta am Wallfahrtsort Birkenstein

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Schwester Eresta lebt seit über 50 Jahren am Wallfahrtsort Birkenstein. Abertausende Pilger sind ihr dort schon begegnet. Die 80-Jährige erlebt dabei ihre ganz eigene Liebesgeschichte.

Fischbachau – Schwester Eresta steht vor dem Uhrenkasten im Turm der Kapelle. Sie zieht fest an dem Seil, es quietscht leise, dann bewegt sich das Gewicht der 120 Jahre alten Uhr nach oben. Nun wird das mechanische Uhrwerk, das einst Johann Mannhardt aus Gmund hergestellt hat, wieder einen ganzen Tag laufen. Am nächsten Morgen – um 6 Uhr ist es ihre erste Tätigkeit – wird Schwester Eresta wieder die steilen Stufen nach oben steigen und damit den Tag am Wallfahrtsort Birkenstein beginnen.

Die heilige Stätte im Fischbachauer Ortsteil Birkenstein wird jährlich von hunderten Pilgern und Touristen aufgesucht. Fünf Schwestern leben dort, am längsten von allen Schwester Eresta. Seit über 50 Jahren betreut sie den Wallfahrtsort. Heuer feierte sie 80. Geburtstag und erhielt von der Gemeinde Fischbachau die Ehrenmedaille für ihre Verdienste. Höchste Zeit für einen Besuch.

Flink hüpft Schwester Eresta – schwarz-weiße Ordenstracht, Brille und graue Locken, die unter dem Kopftuch herausspitzen – die Stufen von der Turmuhr nach unten. „Solange ich die Treppen noch hochkomme, ziehe ich die Uhr auch auf.“ Es macht nicht den Eindruck, als falle ihr das Treppensteigen schwer. Sie sagt, es sei der regelmäßige Tagesablauf, der ihren Körper fit halte. Jeden Tag um die gleiche Zeit aufstehen, immer zur gleichen Zeit essen und zu Bett gehen. Ein Leben nach Plan.

Mit 16 Jahren hat sich Schwester Eresta im Kloster angemeldet

Der Plan trug bereits vor knapp 80 Jahren erste Knospen. Am Auerberg geboren, war die Kapelle seit jeher der Wallfahrtsort ihrer Familie, erzählt die Ordensfrau. „Eine Wallfahrt pro Jahr war immer drin“, sagt sie und lächelt. An ihre erste Wallfahrt kann sich Schwester Eresta nicht erinnern, nur an das, was ihr erzählt wurde. „Die Messe war im Freien und ich habe gequengelt“, erzählt Schwester Eresta und streicht gedankenverloren über die Tischdecke. „Meine Mutter hat mich dann auf den Boden gesetzt, ich habe im Sand gespielt und war das bravste Kind.“

Heute steht Schwester Eresta selbst am Freialtar und hält die Lesung. „Um mich herum sehe ich immer ein paar Kinder am Boden sitzen und im Sand spielen.“ So wie sie selbst vor langer Zeit. Ihre Wangen leuchten rosa, die Augen blitzen beim Erzählen vor Lebensfreude. Als Kind las sie Heiligenlegenden, kannte das Ordensleben nur aus Büchern. Mit 16 Jahren meldete sie sich im Kloster an, sechs Jahre später kehrte sie als Schwester nach Birkenstein zurück. Vor 31 Jahren hat sie die Leitung übernommen.

„Seither sind mindestens zehn Fußwallfahrten dazugekommen“, sagt Schwester Eresta und blättert in ihren Unterlagen. Am Computer hat sie alle Wallfahrtsgruppen erfasst, die regelmäßig nach Birkenstein kommen: 42 Fußwallfahrten sind es nun insgesamt, wohl die älteste kommt aus Fischbachau, und das seit 1673. Nicht nur Gruppen, auch einzelne Pilger und Neugierige zieht es in die im Jahr 1710 erbaute Kapelle. Für sie und viele andere hält Schwester Eresta bis zu 800 Messen im Jahr und bietet rund 100 Führungen.

In die Geschichte der Kapelle muss man sich „reinbeten“

Die Geschichte des Bauwerks habe sie immer schon interessiert. Über den barocken Innenraum gab es jedoch kaum Literatur. „Jahrelang habe ich mir das angeschaut“, sagt Schwester Eresta. „Irgendwann hat es mir die Mutter Gottes selbst erklärt.“ Schwester Eresta schrieb auf, was es mit den 92 Engeln, den Gemälden und dem Gnadenbild Marias mit dem Jesuskind auf sich hat. Viele Seiten sind es geworden. Sie erinnert sich an einen Mann, der sagte, man könne alles über die Kapelle nachlesen. „Nein“, hat sie ihm erklärt. „Da muss man sich reinbeten.“

Ruhig und klar erzählt Schwester Eresta bei ihren Führungen, was es zu der Kapelle zu sagen gibt. Sie deutet auf die Figuren, über die sie spricht. Jeder kann ihr folgen, mit ihren Worten nimmt sie auch unerfahrene Besucher an die Hand. Sitzen Wallfahrer in den Stuhlreihen, schaut die Schwester ihnen auf die Schuhe. „Ich sehe, ob sie mit dem Auto oder zu Fuß gekommen sind.“

Einfach anreden würde die Schwester die Besucher nicht. „Wenn sie mich brauchen, kommen sie zu mir.“ Dass der Wallfahrtsort betreut sei, sei das Besondere an ihm. Deshalb zieht er so viele Gläubige an, Menschen, die hier heiraten wollen, ihre Kinder taufen lassen, beichten oder einfach zu Gott sprechen. Zeit, um selbst zu beten, haben die Schwestern zwischen all den Terminen trotzdem. „Wir teilen uns die Zeit ein, meine ist am Vormittag.“ Wenn Schwester Eresta in der Kapelle sitzt, spürt sie die Gebete von Jahrhunderten.

Schwester Eresta ist sicher, nichts im Leben verpasst zu haben

Der Tag endet für Schwester Eresta um 20 Uhr, wenn sie die Kapelle verschließt. Manchmal macht sie dann noch Büroarbeiten, schaut Nachrichten oder sieht fern. Am liebsten Naturfilme. „Mich fasziniert die Geduld der Filmemacher.“ Nach Kino oder Ausgehen habe sie überhaupt kein Verlangen. „Da gehe ich lieber spazieren, raus in die Natur.“

Ob sie ihren Lebensweg jemals bereut hat? Schwester Eresta schließt kurz die Augen, lehnt sich zurück und faltet die Hände. „Natürlich gibt es auch Tiefs“, sagt sie ruhig. Die brauche man aber, um die Höhen zu sehen. „Ich habe im Leben nichts versäumt, kein Ansehen, Reichtum oder irgendwelche Erlebnisse.“ Schwester Eresta kennt viele Zitate, auch jetzt fällt ihr wieder eines ein. Der russische Autor Leo Tolstoi schrieb einst: „Liebe deine Geschichte! Es ist der Weg, den Gott mit dir gegangen ist.“ Schwester Eresta formuliert es so: „Liebe dein Leben. Es ist die Liebesgeschichte deines Gottes mit dir.“

So geht‘s mit dem Wallfahrtsort Birkenstein weiter

Wie geht es weiter mit und rund um den Wallfahrtsort? In seiner Sitzung vor der Sommerpause hat der Gemeinderat Fischbachau einstimmig beschlossen, einen Bebauungsplan für den Ortsteil Birkenstein aufzustellen. Warum ist das nötig und was hat das nun zu bedeuten? Bürgermeister Josef Lechner (CSU) beruhigt: „Handlungsbedarf besteht derzeit keiner, der Bebauungsplan ist lediglich ein Vorausdenken.“ Darin soll festgelegt werden, welche Flächen definitiv nicht bebaut werden dürfen. Lechner denkt da beispielsweise an den Kalvarienberg. „Birkenstein ist ein sensibler Ort“, sagt er. Mit dem Bebauungsplan will er langfristige Änderungen ermöglichen – wenn es denn irgendwann einmal erwünscht ist. Das Irgendwann liegt etwa fünf bis zehn Jahre in der Zukunft. 

Die Gemeinde will aber jenen, die am Birkenstein etwas planen könnten, Möglichkeiten an die Hand geben. Beispielsweise dem Gasthof Oberwirt. Einige Pächterwechsel in der Vergangenheit lassen vermuten, dass ein Antrag auf Umnutzung erfolgen könnte, so der Bürgermeister. Ein weiteres Gebäude: Das Haus Hildegard. Es steht seit Jahren leer. Das gehört dem Erzbischöflichen Ordinariat München. Auf Nachfrage heißt es von dort, man überlege gerade, wie es mit dem Haus weitergehen könnte. Etwas Spruchreifes gebe es aber nicht. 

Auch das Café Seidl am Fuße der Wallfahrtskapelle spielt mit in die Überlegungen der Gemeinde hinein. Das Gebäude ist denkmalgeschützt. Bei einem Eigentümerwechsel wäre der Bestandsschutz, was beispielsweise den Brandschutz angeht, weg. „Mit dem Bebauungsplan geben wir den Leuten die Möglichkeit, etwas zu verändern.“ Um ein besonders heikles Thema will sich die Gemeinde selbst kümmern: die Parksituation. „Das müssen wir in den Griff bekommen“, sagt Lechner. Konkret habe die Gemeinde noch nichts vor, sie sammelt gerade Themen und Pläne für Birkenstein. Lechner sagt: „Betroffene können sich bei uns melden, wenn sie dort etwas vorhaben.“

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