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Die Gelbbauchunke gehört zu den schützenswerten Tierarten der FFH-Gebiete.

Fauna-Flora-Habitat-Gebiete im Leitzachtal

Grundbesitzer sehen durch Naturschutz ihre Existenz bedroht

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Gebiete unter Naturschutz machen Landwirten und Waldbesitzern Sorgen. Sie haben Angst um ihre Existenz. Was durch die Maßnahmen des FFH-Gebiets Leitzachtal auf die Grundbesitzer wirklich zukommt, zeigt unser Überblick.

Leitzachtal – Von Bayrischzell über Fischbachau bis Irschenberg und Weyarn erstreckt sich das Naturschutzgebiet Fauna-Flora-Habitat (FFH) Leitzachtal. Im Jahr 2004 wurden die Flächen entlang der Leitzach dem Biotopverbundnetz Natura 2000 der Europäischen Union (EU) gemeldet. Nun soll ein Managementplan erstellt werden, um den Zustand der Natur zu erhalten oder gar zu verbessern. Interessierte und vor allem betroffene Grundbesitzer waren zur Auftaktveranstaltung in den Fischbachauer Klostersaal gekommen – in Sorge um ihre Existenz. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Was ist Natura 2000?

Im Jahr 1992 wurde die Naturschutz-Richtlinie der EU verabschiedet. Eines der wesentlichen Instrumente ist ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieten, das Natura 2000 genannt wird. Dieses Netz setzt sich zusammen aus FFH- und Vogelschutzgebieten. Das Ziel: wild lebende Tierarten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung zu sichern und zu schützen.

Was macht das FFH-Gebiet Leitzachtal aus?

Das Naturschutzgebiet umfasst 2241 Hektar, wovon der Wald mit 1425 Hektar die größte Fläche einnimmt. Die restlichen 734 Hektar sind Offenland. Gebietsbetreuerin Katharina Löw vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen sagt: „Das Netz bei uns ist sehr dicht.“ Dazu gehören unter anderem Quellbereiche, Kalk-Flachmoore, naturnahe Hangwälder und Pflanzenarten wie der Frauenschuh und der Kriechende Sellerie. Bei den Tieren sind vor allem die Gelbbauchunke sowie verschiedene Fledermausarten schützenswert.

Was steht künftig in dem Managementplan?

In dem Plan werden alle Gebiete detailliert in Karten erfasst, die darstellen, welche Lebensraumtypen und welche Tier- und Pflanzenarten dort vorkommen. Bei den Waldgebieten ist Björn Ellner für die Kartierung zuständig, im Offenland übernimmt dies Gabriele Anderlik-Wesinger. „Der Plan wird öffentlich ausgelegt. Jeder kann also schauen, was bei ihm gefunden wurde“, sagt Löw. Bis alles erfasst ist, kann das bis zu zwei Jahre dauern. In dem Plan enthalten sind zudem Maßnahmen, die notwendig oder wünschenswert sind, um den Zustand der Natur zu erhalten oder zu verbessern.

Welche Auswirkungen hat der Plan für Grundeigentümer?

Anders als in anderen Gebieten sind bei den Wäldern im Leitzachtal zu 89 Prozent private Grundeigentümer betroffen. Für sie sind die Maßnahmen lediglich freiwillig. „Der Plan ist nur für Behörden verbindlich“, sagt Löw. Zum Beispiel in Gebieten der Staatsforsten. Die privaten Eigentümer sind jedoch verpflichtet, nichts zu unternehmen, das eine Verschlechterung herbeiführen würde.

Was wäre eine Verschlechterung?

Es geht dabei um die Verschlechterung durch aktives Handeln. Darunter fällt beispielsweise ein Kahlschlag in einem Hainsimsen-Buchenwald. Der Lebensraumtyp wäre dadurch zerstört. Dass eine Verschlechterung verboten ist, ist jedoch nichts Neues. Schon seit der Meldung der Flächen als FFH-Gebiete dürfen solche Maßnahmen nicht vollzogen werden. Löw: „Es ist deswegen immer besser, vorher mit uns Rücksprache zu halten.“

Was hat ein Grundeigentümer zu erwarten, wenn er den Zustand aktiv verschlechtert?

Liegt der Fall einer aktiven Verschlechterung vor, schaltet sich die Naturschutzbehörde ein. Beispielsweise bei einem Kahlschlag muss der Eigentümer den Waldbestand wieder herstellen. „Weil das ja aber so schnell nicht wieder gutzumachen ist“, sagt Löw, „kommt meist noch ein Ersatzgeld dazu.“

Experten in Sachen Naturschutz: Im Klostersaal in Fischbachau stellten (v.l.) Josef Faas, Gabriele Anderlik-Wesinger, Wolfgang Hochhardt, Katharina Löw und Björn Ellner das FFH-Gebiet und das weitere Vorgehen vor. 

Gilt das auch bei Verschlechterung durch Naturkatastrophen?

Nein. Björn Ellner vom Regionalen Kartierteam Oberbayern nimmt das Eschentriebsterben als Beispiel. „Wenn die Esche wegbricht, haben wir ein Problem.“ Das wurde jedoch bereits erkannt; der Ahorn wurde aufgewertet und zählt nun zu den Edellaubbäumen. Dadurch kann der Wald wieder aufgeforstet werden. Ellner rät, sich in solchen Fällen an den Gebietsförster zu wenden. Belangt werden kann der Eigentümer für solche Fälle aber nicht.

Darf ein Waldbesitzer forsten oder ein Landwirt mähen, wenn schützenswerte Pflanzen wachsen?

Die Lebensraumtypen sowie Pflanzen- und Tierarten sind gerade dadurch zum FFH-Gebiet geworden, weil die Flächen bewirtschaftet werden. Josef Faas, Teamleiter der Abteilung Fachlicher Naturschutz am Landratsamt, sagt: „Wir versuchen eher, Landwirte dazu zu bewegen, die Gebiete zu bewirtschaften.“ Wächst beispielsweise eine schützenswerte Pflanze im Wald, soll der Waldbesitzer eben nur nicht direkt darüber fahren, sondern eben einige Meter daran vorbei. Im Grunde gilt aber: So weitermachen wie bisher.

Wie wird mit dem Tourismus in der Region umgegangen, der möglicherweise Natur zerstört?

Die Touristen kommen ins Leitzachtal aufgrund der Natur. Oft verhalten sie sich aber nicht entsprechend. Der Alpenregion Tegernsee Schliersee (ATS) ist das Problem bekannt. „Es muss uns gelingen, die Leute in die richtigen Bahnen zu lenken“, sagt ATS-Geschäftsleiter Thorsten Schär. Beispielsweise durch Planungen in Sachen Naturtourismus soll dies besser gelingen. Mit dem Managementplan des FFH-Gebiets hat das Thema Tourismus aber im Detail nichts zu tun.

Was nützt der Plan, wenn keiner der privaten Grundbesitzer eine Maßnahme durchführt?

Will niemand freiwillig eine Maßnahme durchführen, beispielsweise Totholz im Wald anreichern, wird das Gebiet durch das Verschlechterungsverbot zumindest erhalten. „Außerdem gibt der Plan den Eigentümern eine Sicherheit“, sagt Löw. So wüssten sie zumindest, was sich auf ihren Flächen an schützenswerten Arten befindet. „Die Leute im Leitzachtal haben sich bisher schon super um den Grund gekümmert“, stellt Löw klar. Wichtig wären aber mehr Fördergelder, um einen Anreiz für Maßnahmen zu schaffen. Das sei aber Sache der Regierung. Ellner glaubt, dass die EU das Problem erkannt hat und für Natura 2000 künftig mehr Geld zur Verfügung stellen wird.

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