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Fünf Monate im Irak: Fischbachauer (71) berichtet über seine Arbeit für Ärzte ohne Grenzen

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Von: Sebastian Grauvogl

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Feierabend am Tigris: Roland Klebe (vorne 3.v.l.) im Kreise seiner irakischen und internationalen Kollegen.
Feierabend am Tigris: Roland Klebe (vorne 3.v.l.) im Kreise seiner irakischen und internationalen Kollegen. © Privat

Nur vier Jahre ist es her, dass der Irak noch im Krieg gegen den IS steckte. Epidemiologe Roland Klebe aus Fischbachau war nun für Ärzte ohne Grenzen fünf Monate lang in Mossul.

Fischbachau – Spätere Anreise, anderer Stützpunkt: Der Einsatz von Roland Klebe für Ärzte ohne Grenzen im Irak verlangte dem Fischbachauer einiges an Flexibilität ab. Erst ließ sein Visum auf sich warten, dann wurde er in Mossul anstatt in der Hauptstadt Bagdad stationiert. Doch der Mathematiker und Epidemiologe, der schon in vielen Ländern für die Organisation tätig war, nahm’s wie gewohnt gelassen. Denn auch viele positive Überraschungen erlebte er in einem Land, das noch bis vor vier Jahren im Kampf mit dem Islamischen Staat (IS) steckte. Im Gespräch blickt der 71-Jährige auf seine fünfmonatige Tätigkeit zurück.

Herr Klebe, wie viel vom Krieg ist noch im Irak zu spüren?

Roland Klebe: Viel weniger, als man meint. Klar sind noch Kampfspuren an Gebäuden zu sehen, der Wiederaufbau schreitet oft nur langsam voran. Vor allem West-Mossul mit dem alten Stadtzentrum und der Geburtsklinik, in der ich gearbeitet habe, ist noch stark zerstört. Im Osten der Stadt, in der sich das von Ärzte ohne Grenzen gebaute orthopädische Krankenhaus, mein Haupteinsatzort, befindet, gibt es deutlich weniger Kriegsruinen. Das alltägliche Leben und das individuelle Sicherheitsempfinden beeinträchtigt das zwar nicht. In unserer Projektarbeit haben sich die Folgen des Kampfes gegen den IS aber noch mehr ausgewirkt.

Inwiefern?

Roland Klebe: Weil auch die Kliniken in Mossul teilweise zerstört wurden, erfährt unsere Geburtsstation mit bis zu 1000 Geburten pro Monat großen Andrang. In der orthopädischen Chirurgie bekommt man viele Frakturen zu sehen, die auf Schussverletzungen oder andere Kampfwunden zurückgehen. Da die meist nur erstversorgt wurden und wegen Infektionen mit multiresistenten Keimen lange nicht heilen, kümmert sich Ärzte ohne Grenzen um die Nachbehandlung – übrigens auch von psychischen Traumata durch den Krieg.

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Welche Rolle haben Sie dabei gespielt?

Roland Klebe: Außer zu Besuchen war ich nicht direkt bei den Patienten, sondern meist am Schreibtisch und in Besprechungen. Als Epidemiologe habe ich mich um die Erhebung, Aufbereitung und Auswertung von Daten rund um das medizinische Geschehen gekümmert.

Und damit sicher auch um Corona. Wie erlebt der Irak die Pandemie?

Roland Klebe: Auch dort verändert sich das Infektionsgeschehen laufend. Die Impfmoral ist aber deutlich schlechter, als ich erwartet hatte. Ich dachte erst, der Irak braucht mehr Impfstoff. Vor Ort habe ich dann aber wahrgenommen, dass davon ausreichend vorhanden ist. Es liegt vielmehr an den Vorbehalten – und an der Logistik, die Impfung auch zu den Menschen auf dem Land zu bringen. Die pandemische Lage insgesamt hat sich aber gebessert. 2020 war unser Krankenhaus zehn Monate lang ein Notfallklinikum für Covid-19-Patienten, jetzt arbeitet es aber wieder im Normalbetrieb.

Wie viel irakische Normalität außerhalb des Krankenhauses haben Sie bei Ihrem Aufenthalt mitbekommen?

Roland Klebe: Überraschend viel. Das liegt aber auch daran, dass ich immer mit offenen Augen unterwegs bin und Gelegenheiten und Kontakte nutze, die sich ergeben. So bin ich nicht nur in der recht komfortablen Unterkunft mit schönem Garten, Billardtisch und Tischtennisplatte für mich und bis zu 14 internationalen Kolleginnen und Kollegen geblieben, sondern auch mal in ein Restaurant am Tigris gegangen. Unser Haus lag im Osten Mossuls, wo man sich freier bewegen kann als im Westen der Stadt. Es gab aber auch Ausflüge. Sogar eine geführte Bergwanderung mit Einkehr bei einem Almbauern habe ich gemacht.

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Tatsächlich?

Roland Klebe: Ja. Das war bei Erbil im kurdischen Teil des Iraks, der vom Krieg verschont wurde. Hier ist das Leben deutlich freier, deshalb haben wir hier öfters unsere freien Wochenenden verbracht – wie viele Iraker auch.

Was verstehen Sie unter freier?

Roland Klebe: Na ja, die Frauen mussten sich in der Öffentlichkeit nicht verschleiern und man konnte zum Essen auch mal ein Glas Wein bestellen. In Mossul hingegen ist man schon immer in Begleitung unterwegs. Sogar, wenn man zum Supermarkt oder Bäcker um die Ecke geht.

Aus Sicherheitsgründen?

Roland Klebe: Ja. Die Wachleute tragen zwar grundsätzlich keine Waffen, hätten aber im Notfall schnell Unterstützung anfordern können. Tatsächlich haben sie mir aber auch viel bei der Kommunikation mit Einheimischen geholfen, die kein Englisch konnten.

Gab es denn mal eine potenziell gefährliche Situation?

Roland Klebe: Eigentlich nicht. Nur einmal konnten wir nicht gleich losfahren, weil von Schüssen in der Stadt die Rede war. Unglücklicherweise war das ausgerechnet vor dem Abschiedsessen, das ich für meine irakischen Kolleginnen und Kollegen geben wollte. Aber unsere Fahrer haben dann eine andere Route genommen und wir sind doch noch angekommen.

Stichwort Abschied: Planen Sie noch mal einen Einsatz für Ärzte ohne Grenzen?

Roland Klebe: Ich schließe es nicht aus. Allerdings sind Epidemiologen oft länger im Einsatz, teils sogar ein Jahr. Das wäre mir dann doch zu viel.

Weil Sie auch gern daheim sind?

Roland Klebe: Selbstverständlich. Und, weil ich auch hier als Epidemiologe etwas zu tun habe. So arbeite ich aktuell im Gesundheitsamt und helfe bei der Kontaktverfolgung von Corona-Fällen in Schulen, Kitas und anderen Einrichtungen.

sg

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