+
Willkommen in der Bauecke: Seit 13 Jahren stehen Bernhard Padeller (l.) und Nicolas Henckel von Donnersmarck an der Spitze des Kindergartenvereins Hundham. Mit der neuen Krippe kommt noch mehr Arbeit auf sie zu.

“Wir sind Überzeugungstäter“

Interview: Warum die Hundhamer ihren Kindergarten selber machen

  • schließen

28 Mitarbeiter, 900.000 Euro Jahresumsatz: Der Kindergartenverein Hundham erinnert fast an ein mittelständisches Unternehmen. Im Interview erklären die Chefs, wie das funktioniert.

Hundham – Drei Gebäude, 28 Mitarbeiter, 900 000 Euro Jahresumsatz: Zahlen, die eher an ein mittelständisches Unternehmen erinnern als an den Kindergartenverein Hundham. Seit 1970 kümmern sich die Ehrenamtlichen um die Betreuungsangebote der „Wilden Wiese“ im Ort. Mittlerweile ist die Zahl der Mitglieder auf 300 angewachsen, und mit dem Neubau der Krippe stehen dem Nachwuchs voraussichtlich ab Oktober insgesamt sieben Gruppen zur Verfügung. Im Interview erklären Vorsitzender Bernhard Padeller (47), gelernter Ingenieur und Inhaber einer Versicherungsagentur, und sein Stellvertreter Nicolas Henckel von Donnersmarck (48), hauptberuflich als Kaufmann tätig, wie sie das Wachstum verkraften können und was den Verein im Vergleich zu kirchlichen oder gemeindlichen Trägern auszeichnet.

Herr Padeller, Herr Henckel von Donnersmarck, Sie führen ehrenamtlich einen Kindergarten mit bald 130 Plätzen. Wie gelingt Ihnen das, was schon so manchen großen Träger an seine Grenzen bringt?

Padeller: In erster Linie, weil wir Überzeugungstäter sind. Wir haben Ideen, und die setzen wir um. Mithilfe der Gemeinde, die uns die Gebäude pachtfrei zur Verfügung stellt, und unseren pädagogisch top ausgebildeten Mitarbeitern gelingt uns das sehr gut. Als Verein tun wir uns sogar oft leichter als ein kirchlicher oder gemeindlicher Träger.

Warum?

Henckel von Donnersmarck: Weil wir an keine Ideologie gebunden sind. Ob Montessori-, Waldorf- oder Waldpädagogik: Wir können uns überall das in unseren Augen Beste herauspicken.

Padeller: Und wir trauen uns auch, Dinge auszuprobieren. Mir fällt da die polnische Lehrerin ein, die wir zur Erzieherin ausbilden. Sie ist mittlerweile im dritten Jahr bei uns und hat den Kindergarten mit einer neuen Mentalität bereichert. Es zahlt sich immer wieder aus, dass wir mit unseren Ideen in Vorleistung gehen.

Keine Selbstverständlichkeit in Zeiten von Kostendruck, strenger Auflagen und Personalmangel.

Padeller: Stimmt. Und es ist ja nicht so, dass das bei uns nie ein Thema war. Als wir vor 13 Jahren als neue Vorsitzende des Kindergartenvereins gestartet sind, waren die Bedingungen alles andere als einfach. Das pädagogische Konzept war zwar gut, aber die Strukturen in der Verwaltung haben den Anforderungen nicht mehr genügt.

Henckel: Der Hilferuf war damals nicht zu überhören. Da haben wir uns auf das Wagnis eingelassen.

Einfach so? Es gibt doch sicher leichtere Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren...

Henckel: Das mag sein. Aber weil unsere Kinder selbst hier betreut wurden, waren wir da einfach sehr nah dran. Und wir wussten, dass wir den Rückhalt der Gemeinde und eine sehr kompetente Leiterin an unserer Seite hatten. Also konnten wir uns zuerst darauf konzentrieren, den finanziellen Druck abzubauen und so wieder Luft für andere Themen zu schaffen. Wir haben da einiges umgekrempelt.

Die Eltern und das Personal haben das alles brav mitgetragen?

Padeller: Die ersten beiden Jahre waren schon hart. Wir mussten uns ja erst in die Thematik einarbeiten. Als Selbstständiger war ich zwar in kaufmännischen Dingen fit, aber die Personalführung war komplett neu für mich. Mit der Zeit haben die Mitarbeiter aber erkannt, dass wir sie nicht nur fordern, sondern auch fördern. Nicht umsonst haben wir heute bei den Erziehern einen so guten Ruf.

Henckel: Deswegen gelingt es uns auch heute noch, kompetentes Personal zu finden. Es hat sich herumgesprochen, dass bei uns ein gutes Arbeitsklima herrscht, und dass der Ton stimmt. Es war von Anfang an unser Ziel, uns mit Qualität von anderen Einrichtungen abzuheben. Darauf baut unser Wertekonzept für den Kindergarten auf.

Aber sind die Standards in der Kinderbetreuung heutzutage nicht von Haus aus hoch?

Henckel: Doch. Aber damit geben wir uns eben nicht zufrieden. Wir haben früh erkannt, dass wir uns spezialisieren und neue Wege gehen müssen. Das reicht von einer eigenen Köchin, die regionale und saisonale Lebensmittel verarbeitet, bis hin zur Zertifizierung als Integrationskindergarten vor zehn Jahren. Vor allem Letzteres war ein wichtiger Meilenstein.

Padeller: Deshalb haben wir auch drei Erzieherinnen pro Gruppe und eine Heilpädagogin, die regelmäßig mit den Kindern arbeitet. Mit der Pacht einer Schutzhütte für den Waldkindergarten und dem Aufbau der Krippe vor vier Jahren haben wir unser Angebot weiter ausgebaut. Und aktuell hält uns ja der Neubau gut in Atem.

Womit sich auch der Verwaltungsaufwand weiter erhöht. Haben Sie irgendwann mal überlegt, die Krippe an einen anderen Träger abzugeben?

Henckel: Nein, das ist für uns nie in Frage gekommen. Ich denke, aufgrund der räumlichen Nähe wären wir uns ins Gehege gekommen. Und auch für die Eltern ist es einfacher, wenn sie nur einen Ansprechpartner haben. Mit dem Kauf des Caritas-Grundstücks für die Erweiterung der Krippe hat die Gemeinde einen großen Schritt gemacht, da wollten wir auch unseren Beitrag leisten.

Padeller: Die hohe Nachfrage nach Betreuungsplätzen haben wir ja selbst gespürt. Obwohl wir als Träger nicht für den gemeindlichen Rechtsanspruch einstehen müssen, sind am Ende wir es, die den Eltern absagen.

Kein angenehmes Gefühl, oder?

Padeller: Ganz und gar nicht. Da kommt es dann schon mal vor, dass man am Sonntagnachmittag einen Beschwerdeanruf bekommt. Das ist nicht schön, aber man braucht einen klaren Standpunkt. Deshalb haben wir zusammen mit dem Elternbeirat einen einheitlichen und transparenten Katalog mit Aufnahmekriterien erarbeitet. Das erleichtert uns die Argumentation.

Henckel:Trotzdem müssen wir nach wie vor darauf hinweisen, dass wir ein Verein sind und damit auf Mithilfe und Spenden angewiesen sind. Das geht in der Öffentlichkeit gerne etwas unter.

Wieso?

Padeller: Weil wir im Grunde wie ein mittelständisches Unternehmen arbeiten. Mit dem Unterschied, dass wir kein Geld bunkern, sondern jeden Überschuss wieder in den Kindergarten stecken.

Das geht aber auch nur, solange Sie keinen Geschäftsführer einstellen. Wäre das eine Option für den Verein?

Padeller: Klar denkt man darüber nach, alleine schon aus Zeitgründen. Wenn man den Aufwand zusammenrechnet, geht ein Arbeitstag pro Woche für den Kindergarten drauf. Lieber wäre es uns aber, wenn sich ein Nachfolger aus dem Verein heraus finden würde. Momentan sind wir jedoch noch sehr glücklich mit unseren Aufgaben.

Henckel: Man bekommt ja auch viel zurück. Es ist immer wieder eine Freude zu sehen, wie sich die Kinder bei uns entwickeln. Durch die individuelle Förderung können sie ihre Fähigkeiten ausleben und reifen zu richtigen Charakteren heran. Eine schöne Bestätigung für unsere Arbeit – und die des Teams.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Lkw zerquetscht Wohnwagen - eine Person stirbt - A8 gesperrt - weitere Unfälle und Stau
Auf der A8 bei Irschenberg hat‘s ist ein Lkw in ein Wohnwagengespann gefahren. Es gibt einen Toten, wahrscheinlich zwei. Währenddessen kracht es ein zweites Mal am …
Lkw zerquetscht Wohnwagen - eine Person stirbt - A8 gesperrt - weitere Unfälle und Stau
Polizeigroßeinsatz in Asylbewerberunterkunft - das war passiert
Sechs Mannschaftstransporter und zahlreiche Polizisten standen heute Morgen an der Waitzinger Wiese vor der Unterkunft für Asylbewerber. Jetzt klärt die Polizei über die …
Polizeigroßeinsatz in Asylbewerberunterkunft - das war passiert
Nach geplatztem Empfang: Hitzige Diskussion um Olympiasiegerin Geisenberger in Miesbach
Der geplatzte Empfang für Doppel-Olympiasiegerin Natalie Geisenberger sorgt weiter für Knatsch. Nun wehrt sich die Sportlerin gegen die Darstellung der Bürgermeisterin.
Nach geplatztem Empfang: Hitzige Diskussion um Olympiasiegerin Geisenberger in Miesbach
Bahnstrecke zwischen Holzkirchen und Deisenhofen nach doppelter Sperrung wieder frei
Die BOB- und S-Bahnstrecke zwischen Holzkirchen und Deisenhofen ist aufgrund eines Polizeieinsatzes erneut komplett gesperrt. Zum zweiten Mal an diesem Montag.
Bahnstrecke zwischen Holzkirchen und Deisenhofen nach doppelter Sperrung wieder frei

Kommentare