+
Bereit für neue Häuser: Das Luftbild des früheren Campingplatzes am Wolfsee gibt einen Überblick über das geplante Neubaugebiet. 18 der insgesamt 26 Grundstücke hat die Gemeinde vergeben – 16 gingen an Einheimische.

Analyse zur Kommunalwahl 2020

Dahoam im Paradies? Wie es Fischbachau schafft, Einheimische im Ort zu halten

  • schließen

Um seine Heimat beneidet werden: eine Erfahrung, die viele Fischbachauer schon gemacht haben. Doch wie schafft es eine Gemeinde, dauerhaft für Einheimische attraktiv zu bleiben?

Fischbachau – Um seine Heimat beneidet werden: eine Erfahrung, die viele Fischbachauer schon gemacht haben. Vor allem, wenn sie mit Urlaubern ins Gespräch kommen. Sätze wie „Sie leben doch im Paradies hier“ oder „Wenn man hier wohnt, kann man doch nur glücklich sein“ gehören da zum Standardrepertoire. Was die meisten Gäste nicht sehen: Auch die Einheimischen müssen sich diesen Luxus verdienen. In Zeiten von Zuzug und Tagestourismus möchte man fast das Wort „verteidigen“ bemühen.

Doch sie sind nicht allein: Auch die Kommunalpolitik ist daran interessiert, ihre Bürger am Ort zu halten. Nicht nur als Steuerzahler und Arbeitskräfte, sondern auch als Grundstein für ein gesundes soziales Gefüge. Und eigentlich ist das alles gar nicht so schwer, sagt einer, der diese Aufgabe 13 Jahre lang als übergeordnetes Ziel seines Tuns verstanden hat: Fischbachaus Bürgermeister Josef Lechner (CSU). „Niemand will seine Heimat verlassen“, sagt Lechner. Schon gar nicht, wenn diese so „lebens- und liebenswert“ wie das Leitzachtal sei. Es sei Sache der Politik, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass dieser Zustand nicht gefährdet wird. „Dann wird die Schmerzgrenze, wegzugehen, sehr hoch.“

Das bestätigt der Geschäftsführer der Standortmarketinggesellschaft (SMG) Landkreis Miesbach, Alexander Schmid. Fischbachau sei noch nicht ganz so sehr mit Touristen überlaufen und daher auch meist vom an Schliersee und Tegernsee üblichen Verkehrschaos verschont. „Die Gemeinde liegt ein bisschen abseits“, sagt Schmid. „Und genau mit diesem Nischendasein kann sie punkten.“ Vor allem eben bei den Einheimischen.

Wohnen

Ganz oben auf der Prioritätenliste steht – klar – bezahlbarer Wohnraum. Angesichts steigender Grundstückspreise durch die hohe Nachfrage und den Druck, den Fischbachau beispielsweise auch durch Interessenten aus noch teureren Regionen wie dem Großraum München oder dem Tegernseer Tal erfährt, eine große Herausforderung. Doch eine lösbare, betont der Rathauschef, der bei der Kommunalwahl am 15. März nicht wieder antritt.

Mit der Ausweisung von Neubaugebieten (Beispiel Wolfsee) zum Marktpreis oder im Einheimischenmodell sowie durch Nachverdichtung könne man für nahezu jeden Geldbeutel ein passendes Angebot schaffen und damit zumindest etwas Druck aus dem überhitzten Kessel nehmen. Auch die Gemeinde selbst könne Flächen oder Gebäude kaufen und sie beispielsweise günstig vermieten (Beispiel Caritas-Siedlung Hundham).

Entscheidend sei dabei, vorausschauend zu denken und früh in die teils über Jahre dauernden Verhandlungen einzusteigen. Den Zeitpunkt verpassen könne man eigentlich nicht, meint Lechner. „Als Bürgermeister bekommt man jeden Vorgang auf den Schreibtisch.“ Vielmehr brauche es den Mut und die Rückendeckung des Gemeinderats, diese Gelegenheiten beim Schopf zu packen. „Da muss man in die Bütt gehen und was draus machen, bevor es andere tun.“ Ein privater Investor etwa.

Arbeiten

Attraktiver Arbeitgeber: die Firma Herbaria im Ortsteil Hammer/Aurach.

Das Leben kostet Geld, und das will erst verdient werden. Umso besser, wenn man sich dafür nicht mit den vielen anderen Pendlern in den Stau oder überfüllten Zug stellen muss. Doch dafür braucht es Firmen, die Arbeitsplätze im Ort anbieten. In Fischbachau sind dies in erster Linie kleine bis mittelständische Betriebe, vor allem im Handwerk. „Wir sind kein Industriestandort“, sagt Lechner.

Dennoch müsse man sich um die ansässigen Unternehmen kümmern, ihnen eine ansprechende Infrastruktur mit schnellem Internet etc. anbieten und bei Bedarf ein Wachstum ermöglichen. Auf Teufel komm raus neue Firmen ansiedeln, davon hält der Rathauschef aber nichts. Sein Credo: „Klasse statt Masse.“ Nicht zuletzt deshalb habe man bei Sixtus damals doch die Notbremse gezogen.

Kinder und Senioren

Ohne Nachwuchs stirbt ein Ort aus. Damit das in Fischbachau nicht passiert, hat die Gemeinde in den vergangenen Jahren viel in die Kinderbetreuung investiert. Projekte wie die neue Krippe in Hundham oder die innovative Großtagespflege in Birkenstein schaffen ein flexibles Umfeld, das Familien in der heutigen Zeit brauchen, ist Lechner überzeugt. Denn nur wenn es genug Kinder gibt, sind die Grundschule Elbach und die Mittelschule Fischbachau gesichert.

Innovatives Betreuungsangebot: die neue Großtagespflege in Birkenstein.

Lesen Sie auch: Umfrage: Was ist für Sie das wichtigste Thema für die Kommunalwahl im Landkreis Miesbach?

Damit es auch im Alter keinen Grund gibt, die Gemeinde zu verlassen, soll an der Fischeralm ein Seniorenheim mit betreutem Wohnen entstehen. Charmanter Nebeneffekt: Ältere Mitbürger hätten die Chance, ihre für eine Person oft zu großen und damit arbeitsintensiven Häuser zu verlassen und so wieder Wohnraum für Familien freizumachen.

Einkaufen und Freizeit

Kramerläden halten sich nicht mehr, große Supermärkte zieht es eher in die Zentren: Wohnortnahes Einkaufen klingt in einer ländlichen Flächengemeinde wie Fischbachau wie die sprichwörtliche Quadratur des Kreises. Und doch ist in jedem der fünf Ortsteile die Nahversorgung sichergestellt. In Elbach, Wörnsmühl und Aurach über Edeka-/Nah&Gut--Märkte, in Fischbachau über den Dorfladen und in Hundham über den Wochenmarkt. „Das ist die Klaviatur, auf der man spielen muss“, sagt Lechner.

In Sachen Freizeit wiederum habe man mit dem Tourismus ein großes „Rad“ in Schwung gebracht, von dem auch die Einheimischen profitieren könnten. Dies gelte es, durch spezielle Aktionen wie den kostenlosen Skibus oder das analog zur Gästekarte erhältliche Gratis-Busticket für Senioren noch weiter auszubauen.

Zukunftstrends

Richtet man den Blick noch weiter nach vorne, könnte sich die Mischung aus hoher Lebensqualität und sanftem Tourismus als große Chance für Fischbachau erweisen, ist SMG-Chef Schmid überzeugt. Da die Digitalisierung neue Arbeitsformen wie Coworking oder Coworkation (Urlaub und Arbeit an einem Ort) hervorbringe, seien genau solche Orte sehr gefragt. Um wirklich von überall aus arbeiten zu können, brauche es aber schnelles Internet bis zum letzten Hof. Das helfe nicht nur, Pendelverkehr zu vermeiden, sondern verschaffe jungen Fischbachauern auch die Möglichkeit, sich zu Hause selbstständig zu machen und ihre eigene Firma aufzubauen. Dann könnten sie stolz von sich behaupten, nicht nur im Paradies zu wohnen, sondern sogar hier zu arbeiten.

Zu dieser Serie

Bis zur Kommunalwahl am 15. März 2020 sind wir in jeder der 17 Städte und Gemeinden im Landkreis zu Gast, um die Bedeutung kommunalpolitischer Themen an praktischen Beispielen zu erläutern.

Lesen Sie auch: Bürgermeisterwahl 2020: Alle Namen aktuell im Überblick

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Miesbachs Bürgermeisterkandidaten stellen sich
Die Kreisstadt bekommt ein neues Oberhaupt. Nachdem Rathauschefin Ingrid Pongratz (CSU) nach 17 Jahren im Amt nicht mehr antreten wird, steht ein Führungswechsel in …
Miesbachs Bürgermeisterkandidaten stellen sich
Bürgermeisterkandidatur: Albert Jupé will Regie im Rathaus übernehmen
In Film und Fernsehen hat Albert Jupé im In- und Ausland die Strippen gezogen, jetzt will er im Bayrischzeller Rathaus die Regie übernehmen. Er kandidiert als …
Bürgermeisterkandidatur: Albert Jupé will Regie im Rathaus übernehmen
Acht Kandidaten wollen am 15. März Landrat werden - Wir holen alle auf eine Bühne
So viele Kandidaten wie noch nie wollen Landrat werden. Auf der Podiumsdiskussion unserer Zeitung treten die sieben Neuen und Amtsinhaber Rzehak gegeneinander an.
Acht Kandidaten wollen am 15. März Landrat werden - Wir holen alle auf eine Bühne
Umfrage: Was ist für Sie das wichtigste Thema für die Kommunalwahl im Landkreis Miesbach?
Im alten Jahr haben wir die für Sie wichtigsten Themen für die Kommunalwahl am 15. März im Landkreis Miesbach gesammelt. Nun gibt es ein erstes Ergebnis und eine neue …
Umfrage: Was ist für Sie das wichtigste Thema für die Kommunalwahl im Landkreis Miesbach?

Kommentare