Haben vieles in Bewegung gesetzt: (v.l.) vl Nicole von Stackelberg, Johannes Zehetmeier, Regina Steinberger, Christina Waldschütz und Ernst Völker.
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Haben vieles in Bewegung gesetzt: (v.l.) vl Nicole von Stackelberg, Johannes Zehetmeier, Regina Steinberger, Christina Waldschütz und Ernst Völker.

Hilfsangebote bestehen weiter

„Leitzachtaler helfen zam“: Wie aus dem Corona-Netzwerk Freundschaften wurden

  • vonHeidi Siefert
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Funktionierendes Dorfleben. So könnte man überschreiben, was Corona im Frühling im Leitzachtal in Gang gebracht hat. Und das nicht nur an einem Ort, sondern im ganzen Tal.

Leitzachtal – Funktionierendes Dorfleben. So könnte man überschreiben, was Corona im Frühling im Leitzachtal in Gang gebracht hat. Und das nicht nur an einem Ort, sondern im ganzen Tal und bis hinein nach Bayrischzell. Kaum war der erste Lockdown ausgesprochen, begannen sich verschiedene Rädchen zu drehen, die innerhalb kürzester Zeit wie ein Uhrwerk ineinandergriffen. Unter anderem etablierte sich unter dem Hashtag „#leitzachtalerhelfenzam“ eine umfangreiche Plattform, die nicht nur Hilfesuchende und Hilfsbereite zusammenbringt, sondern auch viel Wissenswertes zum Leben unter der Pandemie sammelt und schon über die Zeit hinausschaut, in der diese den Alltag prägt. Aus der anfänglichen Corona-Hilfe ist längst eine Dorf- oder Gemeindehilfe geworden, deren treibende Kräfte ihre Mitbürger animieren, sich zu trauen, um Unterstützung zu fragen.

SC Wörnsmühl erledigt Einkäufe

„Wir sind kein Partyservice, aber bei allen Problemen des Alltags helfen wir gern“, sagt Johannes Zehetmeier vom SC Wörnsmühl und erzählt, wie er und seine Fußballerkollegen gleich zu Beginn der Corona-Einschränkungen im März mit allen verfügbaren Vereinsfahrzeugen einen Fahrdienst für Einkaufsfahrten und Erledigungen auf die Beine stellten; unterstützt von der Gemeinde Fischbachau, deren Bürgermeister Josef Lechner in seinen letzten Amtstagen Logistik, ein weiteres Fahrzeug und das offizielle Dach der Gemeinde beisteuerte. Mit Flyern joggte Zehetmeier in Wörnsmühl und Hundham von Haus zu Haus, um auch bei jenen den Service bekannt zu machen, die nicht aus den sozialen Medien davon wussten.

Zeitgleich, aber noch unabhängig voneinander, wurde Regina Steinberger aktiv. Sie stellte einen „Helferkreis Corona Leitzachtal“ auf die Beine und strickte mit heißer Nadel den Facebook-Auftritt #leitzachtalerhelfenzam, um jene miteinander zu vernetzen, die Unterstützung brauchen oder sich engagieren wollen. Im allgemeinen Durcheinander von Kommunalwahlen und Herabfahren des öffentlichen Lebens mit allen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten durch das kaum bekannte Virus kam die Hilfe im Leitzachtal schnell ins Rollen. Tatkräftig unterstützt von Nicole von Stackelberg, Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds Fischbachau, Marga Mariutti von der Nachbarschaftshilfe und Ernst Völker vom Verein „Herz und Verstand“.

Über Hausarztpraxen, Apotheken und Pflegedienste machten sie ihr Angebot zusätzlich publik. „Recht schnell hatten wir um die 20 Helfer aus dem kompletten Gemeindebereich“, erinnert sich Zehetmeier und Steinberger skizziert die angebotenen Tätigkeiten: von Einkaufen und Botengängen, über Wäsche waschen und Kindern bei Schularbeiten und Hausaufgaben helfen bis zum Tiere versorgen und Plaudern am Telefon. Wobei sie das als Anregungen verstehen, nicht als starres Angebot. Sie versuchen, das möglich zu machen, was gebraucht wird.

Aus Helfern wurden Freunde

Da war etwa die alte Dame, die alle paar Wochen jemanden sucht, der sie zum Supermarkt fährt und später hilft, die Einkäufe in die Wohnung zu tragen. Oder jene, die gerade aus der Reha kam und Mühe mit dem Staubsaugen hatte. Es fand sich eine Helferin, mit der die Chemie so gut stimmte, dass eine Freundschaft daraus wurde. „Sie sind bis heute verbandelt“, freut sich Steinberger, die von einigen Fällen weiß, in denen der Kontakt auch über den Sommer nie abgerissen ist. Fünf solcher Konstellationen haben dauerhaft zueinander gefunden und auch Zehetmeier hat beobachtet, dass vieles inzwischen ohne Vermittlung auf direktem Weg arrangiert wird.

Trotzdem ist es den Initiatoren wichtig, auch weiterhin ihre Dienste anzubieten und ihren Mitbürgern das Gefühl zu geben, dass da jemand ist, an den sie sich wenden können: „Wir sind in Hab-Acht-Stellung.“ Oft sind es einmalige Gesuche, für die es in der Regel schnell eine Lösung gibt. Manchmal ist etwas mehr Vorlauf gefragt, aber mit Steinbergers Organisationstalent und Netzwerk, das sie seit dem Hochwasser 2013 für unterschiedlichste Hilfsprojekte aufgebaut hat, konnten sie allen helfen.

Den Kindern, die in der Schweiz leben und in Sorge waren um die betagten Eltern im Leitzachtal. Oder dem älteren Ehepaar, das im Frühling schwer erkrankt war und ausgerechnet mit beginnendem Lockdown immer mehr mit Demenz zu kämpfen hatte. Bis die in Mühldorf wohnende Tochter zunächst einen 24-Stunden-Pflegedienst organisieren konnte, sprang der Helferkreis ein. Der Frauenbund kümmerte sich um warmes Essen und jede Woche einen selbst gebackenen Kuchen. So entstünden immer wieder „nette, intensive Bekanntschaften“, sagen die Helfer.

Unterstützung macht Freude

Dazu das Vergnügen, das sie untereinander empfinden, weil es Spaß mache, „wenn man Leute um sich hat, die auch über den Tellerrand schauen“, gemeinsam etwas bewegen und denen allen eins wichtig ist: „Anderen die Hand reichen und nicht mit dem Finger auf sie zeigen.“ Nicht nur in Zeiten von Corona. Denn, „es gibt auch andere Gründe zu helfen“, beteuern Steinberger und Zehetmeier, die trotz aller Einschränkungen optimistisch sind: „Miteinander geht es schon irgendwie weiter.“

Die Aktion

„Leser helfen Lesern“ unserer Zeitung läuft noch bis Ende des Monats. Einzahlungen sind bei der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee unter IBAN DE 04 7115 2570 0000 0133 00 möglich. In diesem Jahr profitieren Organisationen, die den Menschen im Landkreis durch die Corona-Pandemie helfen.

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