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Ein Bild, das Millionen Menschen kennen: Pierre Brice als Apachen-Häuptling Winnetou und Lex Barker als sein Blutsbruder Old Shatterhand. Den Wilden Westen hat Karl May nie mit eigenen Augen gesehen.

Interview zum 175. Geburtstag von Karl May

„Ich begegne seinem Werk mit Respekt“

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Am 25. Februar wäre der Schriftsteller Karl May 175 Jahre alt geworden. Der Literatur- und Buchwissenschaftler Reinhard Wittmann hat sich mit dem Werk des Fantasierers auseinandergesetzt.

Fischbachau – Im Interview spricht der Professor aus Fischbachau über die Macht der Fantasie, Abstrusitäten, drittrangige Massaker-Spiele und erklärt, warum es ihm fernliegt, Karl Mays Werk als Schund abzutun.

Herr Professor Wittmann, Karl May wird häufig als mittelmäßiger Trivialautor abgetan. Welcher Ansicht sind Sie?

Wittmann: So einfach sollte man es sich nicht machen. Schließlich hat eine Reihe nicht unerheblicher Autoren Karl May gelesen, darunter etwa Hermann Hesse oder Carl Zuckmayer. Vor allem gibt es keinen deutschen Autor, der vergleichbar erfolgreich war. Man spricht von einer weltweiten Auflage von rund 200 Millionen Exemplaren, wovon rund 100 Millionen in Deutschland verkauft wurden. Das ist eine Dimension, in die vielleicht bald die Schriftstellerin Joanne K. Rowling vorstoßen könnte, die für die damalige Zeit aber völlig einmalig ist. Es muss also etwas dahinterstecken.

Was meinen Sie?

Wittmann: Etwas, das die Menschen in ihrem Innersten berührt. Eine gewisse Faszination lässt sich einfach nicht leugnen. May hat versucht, sich aus niedrigsten Verhältnissen, aus einem trostlosen Elend mit der Macht der Fantasie emporzuarbeiten, was ihm über das Schreiben gelungen ist. In der Literaturgeschichte ist das mit solchem Ergebnis einzigartig. In der Wilhelminischen Ära mit ihrer absoluten Trennung der Schichten war eine solche Lektüre für viele überaus wichtig und hatte gewissermaßen einen therapeutischen Effekt.

Haben Sie seine Bücher als Kind gelesen?

Wittmann: Ja, das habe ich. Allerdings hatte ich früh das Glück, mit großer Literatur etwa von Kafka oder Mann in Berührung zu kommen. Das kann und sollte man aber nicht vergleichen. Es sind völlig andere Welten. Bemerkenswert ist auch, dass bei seinem letzten Auftritt in Wien unter anderen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner und Adolf Hitler im Publikum saßen. Das ist schon eine faszinierende Spannweite. In der DDR wurde ihm ja auch vorgehalten, der Lieblingsautor von Hitler zu sein. Er wurde deshalb nicht gedruckt.

Reinhard Wittmann: Literaturwissenschaftler

Welchen Einfluss hat Karl Mays Werk aus Ihrer Sicht?

Wittmann: Dieser Mann hat mehrere junge Generationen in Deutschland und darüber hinaus bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs beeinflusst und das Bild fremder Völker bei viele jungen Männern geprägt. Freilich gab es damals noch keine Konkurrenz anderer Medien. Angefangen hat May ja mit seinen Kolportageromanen. Weil da jede Woche ein Heft erschien, konnte seine wuchernde Fantasie sich austoben. In jedem Fall war es eine ungeheure Leistung, von Woche zu Woche die Spannung aufrecht zu erhalten und so die Leserschaft zu binden. Ein Höhepunkt jagt da den anderen. Karl May hat das fast bis an sein Lebensende beherrscht und seine Leser gebannt.

Inzwischen hat er aber stark an Popularität eingebüßt. Geben Sie ihm eine Zukunft?

Wittmann: Ich bin begrenzt optimistisch. Die Figuren werden wohl in beschränktem Maße und auf einem begrenzten Sektor bleiben. Etwa als Quelle für Serien und vielleicht als Buben-Lektüre. Bei Mädchen hat er keine Chance. Außerdem fände ich einen Film über den Menschen Karl May äußerst spannend.

Sind Winnetou und Co. aus Ihrer Sicht sinnvolle Jugendbücher?

Wittmann: Die Aufmerksamkeitsspanne heutiger Jugendlicher wird ja immer kürzer. Sie bekommen alles digital vorgekaut und eingespeichelt. Ich denke, dass Karl May zur Entwicklung der Fantasie von Elf- bis 15-Jährigen durchaus beitragen und neben drittrangigen Massaker-Spielen bestehen kann.

Karl May identifizierte sich zunehmend mit seinen Figuren Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi und gab sich als sie aus. In einem Vortrag behauptete er auch, 1200 Sprachen zu beherrschen. Wieso nahmen ihm die Menschen diese Abstrusitäten ab?

Wittmann: Er hat sich da im Rausche des Erfolges hineingesteigert und wohl das Pathologische gestreift. Die Menschen wiederum wollten die Geschichte vom edlen deutschen Supermann im Wilden Westen glauben, dem tapferen Kämpfer für das Gute, der eben nicht obrigkeitsfrommer Kommisskopf war, sondern freiheitsliebender Rächer der Enterbten. Insofern bot er ein Fluchtmodell aus dem militärisch-großspurigen Wilhelminischen Kaiserreich. Allerdings war auch Kaiser Wilhelm II Karl May-Fan. Dass Old Shatterhand eigentlich kaum das zartgliedrige Manderl von 1,66 Metern Körpergröße sein konnte, haben seine Fans ausgeblendet.

Wie schätzen Sie den literarischen Wert ein?

Wittmann: Nach allem, was wir wissen, hat May beim Schreiben nicht kalkuliert, es sprudelte vielmehr förmlich aus ihm heraus. Seine Geschichten sind authentisch, und der Leser hat nie das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Seine Werke bieten sicherlich keine sprachlichen Höchstleistungen, es sind auch keine Kunstwerke im streng ästhetischen Sinn. Es war aber auch nicht seine Absicht, kunstvoll zu schreiben. Er wollte mit der Kraft der Fantasie aus dem Gefängnis seiner realen Existenz ausbrechen. Seine Schriften waren Therapie für ihn selbst, und damit hat er zugleich ein elementares Bedürfnis seiner jugendlichen Leser gestillt. Es liegt mir fern, seine Romane als Schund abzutun oder gar herablassend zu beurteilen. Ich begegne seinem Werk mit Respekt.

ah

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