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Aufruf: Mit einem Megaphon ermuntert der Fischbachauer Roland Klebe die Afrikaner, sich testen zu lassen.

Ärzte ohne Grenzen

Dem schleichenden Tod auf der Spur

Fischbachau/Doruma – Sie wird kaum erkannt. Sie ist kaum erforscht. Tests und Behandlungen gibt es nur experimenteller Art. Der Fischbachauer Roland Klebe (64) hat mit Ärzte ohne Grenzen die Afrikanische Schlafkrankheit im Kongo gesucht, gefunden – und hunderte Leben gerettet.

Während in der Heimat von Roland Klebe (64) im Oberland kühles Wetter herrscht, beginnt in der Demokratischen Republik Kongo die Regenzeit. Es ist schwül, feucht und drückend heiß. Mitten in Afrika hat der Fischbachauer in den Herbstmonaten ein mehrköpfiges Team von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen geleitet. Normalerweise organisiert Klebe Notkrankenhäuser und die Verteilung von Hilfsgütern – nach Umweltkatastrophen oder Bürgerkriegen. Diesmal nicht. Diesmal ist Klebe als Detektiv im Zentrum Schwarzafrikas unterwegs: Sein Team soll die mysteriöse Afrikanische Schlafkrankheit aufspüren, die durch einen wenig erforschten, mikroskopisch kleinen Parasiten ausgelöst wird und unbehandelt tödlich endet.

Im Kongo zur Regenzeit: Die Stimmung ist gedrückt. Die Tests an der nordwestlichen Grenze zur Zentralafrikanischen Republik waren so gut wie ergebnislos. Also entscheiden sich die Helfer zum Ortswechsel, in den äußersten Nordosten des Landes – zu dieser Jahreszeit eigentlich keine gute Idee. Straßen verwandeln sich in Flüsse, Steppen in Seen. Selbst mit ihren Geländewagen brauchen die Ehrenamtlichen Wochen für einige hundert Kilometer.

Schließlich erreichen die Forscher Doruma, eine Kleinstadt mit rund 12 000 Einwohnern. Mit Miesbach sei das schwer zu vergleichen, sagt Klebe. Doruma, das sind Rundhütten, teilweise mit Ziegeln, teilweise aus Lehm gebaut, alle längs einer Straße angeordnet. Das „Krankenhaus“, das sie vorfinden, ist eine Ruine mit Löchern in der Wand, statt Fenstern. Nur eine Kirche gibt es aus Kolonialzeiten. Telefon und Strom dagegen nicht. Der Trupp um Roland Klebe ist neben einem komplett eingerichteten mobilen Labor auch mit einem Generator ausgerüstet.

Jetzt brauchen sie Testpersonen. Dafür wird Werbung gemacht. Das sieht dann so aus: Klebe steht mit einem Megafon auf der Straße und erklärt auf Englisch und Französisch, worum es bei der Schlafkrankheit geht, warum sie so gefährlich ist, und dass sein Team mit einer Ärztin, Krankenschwestern und Labortechnikern helfen kann. Die Dolmetscher – bei Ärzte ohne Grenzen heißen sie Sensibilisateure – übersetzen in die regionalen Landessprachen. In Doruma wird hauptsächlich Lungala gesprochen.

Das Helfer-Team testet über Wochen ganze Schulen und Dörfer in der Region. Die Tests sind sehr aufwändig. Die Krankenschwestern nehmen Blut ab. Das wird mit einem speziellen Mittel vermengt, das die Antikörper nachweisen kann. Es muss durchgehend kühl gelagert werden, sonst reagiert es nicht mehr. „Das ist mit die größte Herausforderung“, sagt Klebe. „Die Kühlkette muss aufrechterhalten werden.“ Und das in einem Gebiet ohne Infrastruktur und ohne Strom. Aber das Reagenz reagiert auch auf andere Antikörper. Wenn der Test positiv ausfällt, beobachten die Experten das Blut unter dem Mikroskop. Der Erreger bewegt sich sehr langsam – aber wer Erfahrung mit dem Parasiten hat, erkennt ihn.

Dann müssen die Mediziner und Biologen feststellen, in welcher Phase der Erkrankte ist, also ob der Erreger bereits ins Gehirn vorgedrungen ist. Dafür wird Rückenmarksflüssigkeit entnommen. Ein kompliziertes Prozedere, das in Deutschland nur Ärzte machen dürfen. Im Kongo sind die Krankenschwestern darin mindestens ebenso geübt. Erst wenn dieser letzte Test abgeschlossen ist, herrscht Sicherheit, und die Behandlung kann beginnen.

Das Ärzteteam fängt in Doruma an, dann arbeiten sich Klebe und seine Mitstreiter in die gesamte Region vor. Nach den ersten Testreihen zeigt sich: Der Ortswechsel hat sich gelohnt. Über fünf Prozent der Getesteten sind krank. An einigen Schulen haben bis zu acht Prozent der Kinder die Schlafkrankheit. Neun Monate später wären sie tot gewesen. Mehr noch: Da der Erreger per Fliege von Mensch zu Mensch übertragen wird, reduziert sich durch jeden Geheilten das Ansteckungsrisiko massiv. Wenn die Infektionsrate unter ein halbes Prozent fällt, gilt die Krankheit als besiegt.

„Wir haben voll ins Schwarze getroffen“, freut sich Klebe. Inzwischen ist er zurück in seiner Wohnung in Fischbachau. Er lebt allein. Es ist still. Draußen liegt noch etwas Schnee. Auch Klebe wird zum Ende seiner Geschichte ganz still. „Die Leute hier“, sagt er, „die verstehen oft nicht, was man da unten macht.“ Wirklich über seine Erfahrungen reden, könne er eigentlich nur mit anderen Entwicklungshelfern. Nach dem Lärm, den vielen Menschen und dem feucht-heißen Klima ist es ein komisches Gefühl, auf die schneebedeckten Berge zu schauen. Jetzt muss er wieder in den Alltag finden. Der Mathematiker arbeitet selbstständig als Umweltberater und sitzt für die Grünen im Kreistag. Und im kommenden Jahr? „Mal sehen“, sagt Klebe, vielleicht. Sein Blick schweift dabei schon wieder in weite Ferne.

Klaus-Maria Mehr

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