Große Veränderung steht bevor

G9 durch die Hintertür: "Mittelstufe plus" ab Herbst

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Miesbach - G9 durch die Hintertür: Das Gymnasium Miesbach ist eine von 47 Schulen, die ab September die um ein Jahr verlängerte "Mittelstufe plus" ausprobieren dürfen. Ein Sprung ins kalte Wasser.

Rainer Dlugosch hat schon wieder neue Pläne. Er will eine Klettergrotte, eine Art Höhle für kletternde Schüler, an seiner Schule. 150.000 Euro kostet das, das Geld spendiert der Vater eines Schulkindes. Wenn’s gut läuft, entsteht auch noch ein zwölf Meter hoher Kletterturm. Schule ist nichts Statisches, sie ist dauernd in Bewegung. So sieht das der Schuldirektor.

Dabei steht die größte Veränderung am Gymnasium Miesbach unmittelbar bevor. Ab dem neuen Schuljahr gehen drei der vier achten Klassen in die Mittelstufe plus. Nur 32 Kinder, eine Klasse also, bleiben im G8. Für die anderen 76 Kinder des Jahrgangs aber dauert die Mittelstufe nicht drei, sondern vier Jahre. Zwischen der neunten und zehnten Jahrgangsstufe ist eine „9+“ eingeschoben. Wenn sie ihr Abitur machen, haben sie also 13 Jahre Schule hinter sich – wie früher die G9-Schüler. Eine Entschleunigung des Lernens, auf die sich die bayerische Staatsregierung erst nach Protesten und dem gescheiterten G9-Volksbegehren der Freien Wähler einließ. 71 Gymnasien in Bayern bewarben sich für den Versuch, 47 bekamen den Zuschlag. Manche Gymnasien, wie das in Kronach, sind heute noch ganz unglücklich, dass sie nicht dabei sind – ihr Antrag wurde just am Mittwoch im Landtag endgültig abgelehnt.

Miesbach ist dabei, aber leicht fiel die Entscheidung nicht. Zu dritt, mit seinem Stellvertreter Markus Gamperling und Direktorats-Mitarbeiter Georg Gröbmeyer, überlegte Dlugosch hin und her. „Der Herausforderung stellen wir uns“, entschied das Trio. Eltern, Schüler und der Landkreis als Schulträger waren dafür, schließlich auch das Lehrerkollegium – und das ohne Gegenstimme.

Dann ging es an die Konzeption. Mit der Mittelstufe plus hat Bayern wieder mal einen Sonderweg ersonnen. Diese Schulform gibt es sonst nirgendwo – was die Vorbereitung nicht gerade erleichtert.

Knackpunkt der neuen Mittelstufe ist eine Stundenreduzierung. Die Schüler haben nur 30 Schulstunden in der Woche – Nachmittagsunterricht gibt es nicht. Das ist den Schülern wichtig, wie eine interne Umfrage ergab. 57 der 72 Schüler erklärten, „Zeit für sonstige Interessen“ wie Vereine, Freunde, Musik oder Sport seien ein Grund, warum sie in die neue Mittelstufe wechseln wollten.

Wo Zeit wegfällt, muss auf Stoff verzichtet werden. Besser gesagt: „Der Stoff wird gedehnt“, betont Dlugosch. Beispiel Deutsch: Das Fachgebiet „Dramatische Texte“ wandert von der 8. in die Klasse 9+, auch mündliche Formen wie Diskussion/Debatte wechseln in die neunte Jahrgangsstufe. In Englisch wird das letzte Kapitel („Unit“) des Übungsbuches „Green Line“ von der 8. in die 9. Klasse verlagert, in Mathematik das Thema „Strahlensatz und Ähnlichkeit“ ebenso verschoben.

Ohne neue Stundentafel sind diese Änderungen nicht möglich. Die Frage aber, in welcher Jahrgangsstufe die Schüler welche Fächer haben, bleibt dem Geschick des Direktorats überlassen. Lehrer Gamperling zeigt dicht bedruckte Tabellen. „Planungsgrundlage“, hat er mit Kugelschreiber darauf geschrieben. Geplant ist zum Beispiel, in der 9+ zwei Stunden Geschichte anzusetzen. Dafür gibt’s in der 10. Klasse zwei Stunden Sozialkunde – de facto eine Verdoppelung gegenüber dem G8. In der 8. Klasse fallen Musik und Kunst weg, Intensivierungsstunden gibt es nur für die, die das wirklich wollen. Da die Mittelstufe plus insgesamt ein Jahr länger dauert, gibt es aber über die vier Jahre gesehen Schulstunden im Übermaß. Vor allem die 9+ sollen die Schüler zum Verdichten und Üben nutzen.

Am G8 bleiben, so der Eindruck der Lehrer, viele gute und sehr gute Schüler. Es müsse nun verhindert werden, dass eine „Zwei Klassen-Gesellschaft“ an der Schule entsteht. Das ist aber nur eine der offenen Fragen. Ungeklärt ist auch, wann Mittelstufe-plus-Schüler an FOS/BOS übertreten dürfen und ob sie nach einer besonderen Prüfung schon nach der 9+ die Mittlere Reife erhalten.

Klar ist schon, dass das nachträgliche Wechseln vom G8 an die neue Mittelstufe problemlos möglich sein wird. Der umgekehrte Weg ist schwieriger. „Das ist, als wenn der Schüler von der BOB in den ICE wechselt.“

Auch wenn die Lehrer am Gymnasium Miesbach den alten Leistungskursen nachtrauern, für eine pure Rückkehr zum G9 wäre Dlugosch nicht zu begeistern. Das Experiment „Mittelstufe plus“ aber freut ihn. „Wir haben jetzt ein Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten – das gefällt mir.“

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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