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„Ich bin hier zufrieden. Aber der Eskimo beispielsweise findet es bei sich daheim im Iglu am schönsten.“ Gerhard Polt, 73, erzählt am Schliersee über seine Liebe zum Schliersee.

Großes Sommerinterview

Gerhard Polt: "Eigentlich wollt’ ich Bootsverleiher werden"

Schliersee - Wer glaubt, Gerhard Polt sei privat ähnlich wie viele seiner legendären Figuren – also grantig und verschlossen – hat sich geschnitten. Polt ist ein großartiger Gesprächspartner; gewitzt, immer redegewandt. Den Beweis erbringt er im Interview.

Als unser Autor vor einigen Jahren mal den großen Dieter Hildebrandt bei einem gemeinsamen Glas Wein fragte, welchen Kollegen er mit auf eine einsame Insel mitnehmen würde – da antwortete dieser wie aus der Pistole geschossen: „Den Gerhard Polt. Der ist ein Genie!“ Auf einer einsamen Insel waren wir nicht mit Gerhard Polt – aber am herrlichen Schliersee. tz-Redakteur Armin Geier besuchte den wohl beliebtesten Humoristen Bayerns in seiner Heimat. Ja, seine Satire-Klassiker wie „Man spricht deutsh“ oder „Kehraus“ kennt jeder.

Grüß Gott Herr Polt, haben Sie heute schon Ihr Bad im Schliersee genommen?

Na, heut ned. Weil es ja geregnet hat. Aber es stimmt: Die letzten Wochen bin ich jeden Tag in aller Früh im Schliersee geschwommen. Herrlich.

Sie leben ja schon seit Ihrer Kindheit hier…

Ja, ich hab gleich da vorne neben dem Bootshaus das Schwimmen gelernt.

Ist der Schliersee das schönste Fleckerl der Welt?

Schönheit ist für mich da, wo man sich wohlfühlt. Also ned so sehr eine optische Sache. Logisch – ich bin hier zufrieden. Aber der Eskimo beispielsweise findet es bei sich daheim im Iglu am schönsten. Der möcht mit mir wahrscheinlich ned tauschen.

Bei dem Traumsommer sind noch mehr Touristen hier. Stören die?

Na, ned wirklich. Ich verstehe die ja. Die arbeiten die ganze Woche in der Großstadt. Des hältst ja kaum aus. Dann wollen sie raus. Die Berge, der See – ich würd auch nach Schliersee fahren. Aber mit dem Zug.

Die A 8 ist heute wieder rappeldicht.

Ja, eben. Und die BOB fährt halbleer neben der Autobahn vorbei. Narrisch, oder?

Sie brauchen die Touristen als Humorist ja auch zum Beobachten…

Ja, aber ich schau mir alle Leute gern genau an – auch die Einheimischen. Und hör dann genau zu. Letztens ist mir was Lustiges passiert.

Bitte erzählen…

Ich stand beim Bäcker. Und dann kam da ein junger Bursch’ rein. Der hatte eine Mütze auf, und die Kapuze seiner Jacke hatte er auch noch über den Kopf gezogen. Die Verkäuferin grinste und fragte: „Ja, is dir denn so koid?“ Daraufhin antwortet der junge Kerl: „Naa, i wohn ja glei in der Nähe.“

Großartig. Perfektes, sinnfreies Aneinandervorbeireden.

Schon, oder? Eine geniale Antwort, die irgendwie passt, aber doch keinen Sinn macht. Aber die Gschicht ist ja noch nicht vorbei: Die Verkäuferin musste daraufhin schallend lachen. Als der Bub weg war, erzählte sie einer Kollegin, was gerade passiert war. Die fragte nur entgeistert: „Ja, was gibt’s denn da zum Lachen?“

Fast wia im richtigen Leben.

Genau.

Übrigens: Als ich Student in Passau war, hatten wir nur eine Videokassette in unserer WG. Da waren alle Folgen von „Fast wia im richtigen Leben“ drauf.

Freut mich zu hören.

Wir konnten die Nummern schon nach dem ersten Semester alle mitsprechen.

Ehrlich?

Ja, wir haben das Bausparerlied gesungen.

Haha, des hab ich ganz vergessen.

Ich glaube, ich erzähle das gerade, weil ich Sie überreden will, eine „Fast wia im richtigen Leben Staffel 2“ zu machen.

Nein, das wird’s ned geben.

Aber Sie haben doch gefühlte tausend Geschichten auf Lager.

Vielleicht, aber das Fernsehen hat sich verändert. Loriot sagte mal zu mir: „Die Sorgfalt fehlt.“ Und damit lag er völlig richtig. Es muss heute alles schnell gehen, günstig sein.

Und Quote bringen.

Richtig. Ein gutes Projekt braucht aber Zeit. Eine kleine Mini-Szene, wie die gerade beim Bäcker, funktioniert nur, wenn jedes Detail passt. Und du brauchst gute Schauspieler. Und dann stellt sich die Frage: Will das überhaupt noch einer sehen?

Das glaube ich schon.

Naja, heutzutage kommen die guten Sachen, gute Filme doch im Fernsehen nicht mal mehr um 23 Uhr – wie früher. Die kommen gar nicht mehr. Und um 20.15 Uhr kannst du gar nicht mehr einschalten.

Außer Sie mögen Quiz-Shows.

Genau! Quiz, Kochen und Talken – das wird dir rund um die Uhr serviert. Warum? Weil es in der Produktion so gut wie nix kostet. Der Geschmack wird dir im TV vordefiniert. Da wäre eine neue Serie von mir ein echter Kampf.

Schade! Also doch lieber die Bühne im Theater?

Ja, da spürst du auch das Publikum direkt. Das ist wie im Zirkus. Der funktioniert auch nur richtig, wenn du den Tiger riechen kannst, neben dem Käfig hockst – und Angst hast, dass der Dompteur jetzt gleich vor deiner Nase weggefressen wird.

Also werden heute keine echten Geschichten mehr erzählt?

Naja, es werden eher keine eigenen Geschichten mehr erzählt. Durch die vielen Medien lassen sich viele nur noch berieseln – und dann wird etwas Vorgekautes nachgekaut. Fad.

Früher war das anders.

Gerhard Polt mit tz-Redakteur Armin Geier.

Natürlich. Als ich ein Bub war, gab es im Wirtshaus die irrsten Erzählungen zu hören. Phänomenal. Da waren ja viele Kriegsveteranen und Kriegsinvaliden – und da wollte jeder das Erlebte vom anderen übertreffen. Da zeigte der eine seinen Beinstumpf und erzählte, wie’s ihm den Fuß weggefetzt hat. Wenig später stand einer auf und sagte: „Das ist ja gar nix. Schau mal meine Granatwunden am Buckel an!“ Grausig, aber großartig. Da war immer was los.

Sie sehen sich also als Geschichtenerzähler.

Ja, voll und ganz. Und als Chronist. Ich will das alte Bayern am Leben erhalten. Ich stehe nicht auf der Bühne, weil ich diese brauche. Oder weil ich den Applaus spüren muss.

Sie ist Mittel zum Zweck?

So kann man es sagen. Meine Lausbubengeschichten in „Hundskrüppel“ aus meiner Jugend hab ich nur aufgeschrieben, weil ich festhalten wollte, wie es damals beim Metzger war. Oder wie’s beim Bauern zuging.

Sie waren mal mit den Toten Hosen auf Tour und standen dann plötzlich im Olympiastadion vor zigtausend Zuschauern.

Ein gutes Beispiel. Das war gespenstisch. Wahnsinnig anonym – und mir sehr unangenehm. Obwohl Campino und die Buam feine Künstler sind. Aber da hatte ich Angst. Das war zuviel.

Wollten Sie immer Autor werden, Bayerns Chronist?

Nein, eigentlich wollt ich Bootsverleiher werden.

Warum denn das?

Weil ich da als Kind einen kannte und der war bewundernswert. Der saß oft nur rum und nicht mal, wenn jemand kam und nach einem Boot fragte, sagte er was: Er stand dann nur langsam auf und ging zum Steg, löste langsam das Tau. Grandios.

Wegen dieser Ruhe?

Ja, dieses Stoische. Dieses Abwägen der Situation – das war beeindruckend. Ein Vorbild. Und du sitzt auch noch immer am See und kannst Zeitung lesen. Das ist doch perfekt.

Irgendwie scheinen Sie das ja auch verinnerlicht zu haben – dieses Stoische.

Das hoffe ich. Das macht uns Bayern doch irgendwie aus.

Aber Sie lieben auch Italien. Haben dort zwischen Neapel und Rom ein Haus. Die sind doch ganz anders als wir?

Wahrscheinlich genau deswegen. Die Italiener sprechen theatralisch laut, machen aus allem eine Schau. Da bin ich wahnsinnig gern Zuschauer. Das gefällt mir. Nächste Woche fahr ich mit meiner Frau wieder hin, nach Terracina. Die wissen auch gleich, wann sie wie zuschnappen müssen.

Das heißt genau?

Ich hab mal eine wunderbare Geschichte auf einer Fähre erlebt: Da waren ganz viel Italiener und Schweden auf dem Schiff. Für die Passagiere war ein langes Buffet hergerichtet – das war aber mit einem Band abgesperrt. Erst zur vollen Stunde wurde es eröffnet. Und was haben jetzt die Italiener gemacht?

Was?

Sie haben ihre Kinder unter dem Band nach vorne geschickt, um herauszufinden, wo genau welche Schmankerl an den Tischen liegen. Die Kinder kamen dann zurück und erstatteten Bericht. Als das Buffet eröffnet wurde, rasten die Italiener zielgerecht zu den feinsten Sachen. Schwupp, war alles weg! Die Schweden standen geschockt mit offenem Mund da.

Sehr frech.

Ja, aber doch auch wunderbar menschlich. Sei immer bereit, lautet das Motto. Deswegen sag ich ja auch meistens „Pronto“, wenn ich mich am Telefon melde.

Als Hommage an die Italiener?

Sozusagen. Und ich liebe ihre Künstler: die Komiker, Dichter, Filmemacher. Alte Filme mit Sophia Loren sind zum Beispiel so eine Leidenschaft von mir.

Oh ja, die war unglaublich schön.

Aber die war auch eine fabelhafte Schauspielerin. In „Das Gold von Neapel“ ist sie wunderbar. Diese Schwarz-Weiß- Filme mit ihr sind echte Klassiker. Später hat sie auch viel Schmarrn gemacht – aber wurscht.

Und die Filme schauen Sie dann abends nach einer Radltour rund um den Schliersee an?

Manchmal schon.

Klingt gut.

Ist es auch. So, jetzt zahlen wir und gehen noch ein bisserl spazieren, oder?

Klar, ich zahle.

Nein, das übernehme ich.

Nein, nein, ich bestehe drauf die Rechnung zu übernehmen.

Das ist mir wurscht (grinst). Hier bist Du in meinem Reich, das ist mein Daheim – hier zahl’ ich.

Verstanden. Merci.

Gerne. Also pack mas.

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