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Zwei Meister ihrer Z unft: Pianist Wolfgang Leibnitz (l.) und Satiriker Gerhard Polt bei ihren „Jahresendzeitgeschichten mit Musik“ vor vollem Saal. 

Vorweihnachtliche Lesung in Miesbach

So war der Abend mit Kabarettist Gerhard Polt im Waitzinger Keller 

Miesbach - Kabarettist Gerhard Polt aus Neuhaus gab jetzt mal wieder ein kulturelles Heimspiel auf einer Bühne in der Region. Im Miesbacher Waitzinger Keller trug er die „Jahresendzeitgeschichten“ vor. 

Zwei Kerzen brannten schon, aber adventlich rührselige Stimmung kam nicht auf, als das kabarettistische Schwergewicht Gerhard Polt zur vorweihnachtlichen Lesung antrat. Dafür bot er mit seinem kongenialen Partner, dem renommierten Pianisten Wolfgang Leibnitz, in der Matinée „Jahresendzeitgeschichten mit Musik“ tiefe und weiß Gott nicht immer schöne Einblicke in Seele und Köpfe der Menschen. Das Publikum im rappelvollen Waitzinger Keller durfte eine feine Veranstaltung miterleben, die der Nachbarschaftshilfe Miesbach zugute kam.

Polt begrüßte mit einem „Griaß Gott beinand, mir gfrein uns“, und nachdem Leibnitz dann mit Mozarts Variationen des Kinderliedes „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ den Teppich einer erwartungsvollen Grundstimmung ausgerollt hatte, ging der 74-Jährige gleich ans Eingemachte, in die tiefliegenden Schichten der kleinbürgerlichen Seele: Frau Scharf zeigt den Böhms in ihrer Wohnküche einen Katalog. Sie wollen am Heiligen Abend Gutes tun und einen einsamen Menschen bei sich aufnehmen. Den 16-jährigen Vinzenz? Nein, lieber „was Gesetzteres“. Die türkische Reinigungskraft Güldem? Nein, „nix gegen Ausländer, aber...“ Den Kfz-Schlosser Dietz? Hat mal was ausgefressen. „Was hams denn no auf der Speiskartn?“ – „Vielleicht etwas aus dem Seniorenbreich?“ – „Naa, koan Datterer!“ – „Vielleicht Herrn Friedl?“ – „Der raucht ja! Es wird doch no an Deitschen geben, der ned raucht und einsam ist!“ Die Wahl fällt schließlich auf Herrn Kosiek, der war mal bei der Post, also was „Solides“. „Familie Böhm, ich gratuliere zu so viel menschlicher Wärme und Großzügigkeit!“

Gerhard Polt über Nikolaus und Krampus

Dabei besticht Polt mit seiner enormen Bühnenpräsenz, der Kraft seiner Stimme, seinem Talent, Dialekte zu imitieren, seinem schauspielerischen Vermögen – und den Besonderheiten, die eben nur einen Polt und sonst keinen auszeichnen.

Er philosophiert über den Menschen an sich, nennt ihn einen „Gesinnungsgrattler“, einen „Okkasionsparasiten“ und einen „Zwischenwirt, ein Biotop für Parasiten aller Art, Waffenhändler, Immobilienmakler...“. Er doziert über die Psychologie im Allgemeinen – weiblich sei sie, a „Ziefern“ halt – und die „Deppen“ im Besonderen, den Löschwinter Kare, der zwar ein Depp, aber wenigstens keine Drecksau ist. So geht es weiter, Schlag auf Schlag. Heftig, deftig, auf den ersten Blick grobschlächtig, auf den zweiten nachdenklich und tiefschürfend, das Innere nach außen kehrend.

Das feine Spiel am Flügel, mit dem Wolfgang Leibnitz Beethoven, Gershwin, Grieg und Débussy interpretierte, trennte die Geschichten musikalisch voneinander ab – Verschnaufpausen, um sich geistig auf die nächste Herausforderung „aus dem richtigen Leben“ vorzubereiten. Wie etwa die Geschichte „Meine erste Revolution“, in der sich – bedingt durch den Umzug vom Land in die Großstadt – der kindliche Blick auf Nikolaus und Krampus grundlegend ändert und in einer Verfolgungsjagd mit „Bart anzünden“ endet. Die Zugabe „Radio 5050“ – ein Brüller: Eine dümmliche, talentfreie Moderatorin hat nicht viel mehr zu bieten als ihr langgezogenes „Okay“, als sie einen „Alkoholsportler“ interviewt. Sie setzte den Schlusspunkt unter eine heftig beklatschte und umjubelte „Adventslesung – einmal anders“.

Reinhold Schmid

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