Ohne Fell und ohne Trollschwanz: Beim Berghofer Filmfest trat Matthias Brandstäter (l.) erstmals vor erwachsenen Zuschauern auf. Die amüsierten sich prächtig. Foto: Thomas Plettenberg
+
Ohne Fell und ohne Trollschwanz: Beim Berghofer Filmfest trat Matthias Brandstäter (l.) erstmals vor erwachsenen Zuschauern auf. Die amüsierten sich prächtig.

„Wurliz“ Matthias Brandstäter überzeugt auch mit Erwachsenen-Programm

Alles andere als Kinderkram

  • vonHeidi Siefert
    schließen

Eigentlich ist Matthias Brandstäter für sein Kinderprogramm bekannt. Doch in Agatharied zeigte er nun, dass er auch Erwachsene in seinen Bann ziehen kann.

Agatharied – Premiere gelungen. Während er als Troll Wurliz seit fast 20 Jahren vornehmlich junges Publikum in seinen Bann zieht und dessen Eltern mit Texten und Melodien jenseits massentauglicher Kinderbespaßung begeistert, trat Matthias Brandstäter am Freitagabend erstmals mit einem Soloprogramm für Erwachsene auf. Im Vorprogramm des Filmfests am Berghof in Agatharied erfüllte sich der „Teilzeitmitarbeiter in der Trollhöhle“ einen lang gehegten Wunsch: „Der Wurliz darf einfach den Kasperl machen. Ich will das auch mal.“ Und so stand er auf der kleinen Bühne mit dem sensationellen Blick über das Voralpenland, um eine respektable Zuschauerschar vorzüglich zu unterhalten.

Zunächst steckte trotz gekämmter Haare und Shorts statt Fell noch eine ordentliche Portion Troll in Brandstäter, der bisweilen so engagiert hüpfte, dass man seinen wippenden Trollschwanz förmlich vor Augen hatte. Vielleicht war es auch das Kinder-Thema des Auftaktliedes „Mama tschüs und gib mir Geld“, mit dem das Zottelwesen noch etwas in den Vordergrund trat. Kinderkram war es aber keineswegs. Stattdessen beinhaltete der Auftritt von Anfang an fein pointierte Gesellschaftskritik, die ganz elegant daherkam und doch – oder gerade deswegen – mit voller Wucht traf.

„Kinder wissen, dass man gern in sie hinein investiert“, schickte der Kunstlehrer mit der Leidenschaft fürs Kabarett voraus und sinnierte, ob das kindgerechte Haltung sei: Kleinkindertage in der Krippe, die magische 2,33 in der vierten Klasse, das Hineinpressen einer dritten Fremdsprache ins Hirn pubertär verwirrter Achtklässler und das notwendige Sabbatical Heranwachsender, „um sich vom Burnout nach dem G8 zu kurieren“. Auch überlegte er, ob es ökologisch nicht viel sinnvoller gewesen wäre, die nicht ausgetragenen Anzeigenblätter der eigenen Kinder direkt zum Wertstoffhof zu bringen, bevor sie zum Kauf höchst bedenkenswerter Produkte animieren.

Brandstäter spielt zwei Zugaben

So spannte Brandstäter den Bogen vom Sterben kleiner Bauern in Zeiten zunehmender Industrialisierung der Landwirtschaft, über Optimierungsfallen in allen Lebensphasen bis zu den Abhängigkeiten vom Smartphone, das er im Tonfall des indischen Microsoft-Hotline-Mitarbeiters als „my four cornerd friend“ betitelte. „Wie hat der Bauer ohne Wetter-App nur gewusst, dass er sein Heu einfahren muss?“ Andererseits fühle man sich mit dem kleinen viereckigen Freund auch rundum beschützt und traue sich viel mehr zu – etwa gefährliche Gletscherüberquerungen.

So wird es mit inbrünstig hinaus gebrülltem „my English is not understandable“, der Gründung der PegeBa – Patrioten gegen die Ballermannisierung des Alpenraums – oder der Beschreibung technisch höchst aufgerüsteter Radfahrer als „Insektenesler“ ein höchst kurzweiliger Abend, den der kritische Betrachter unserer Zeit durchaus mit einigen hoffnungsvollen Aspekten wie den engagierten Aktivisten der Fridays for Future oder dem wachsenden Bewusstsein für Qualität abrundet.

Mit der zweiten Zugabe Brandstäters versank die Sonne kitschig schön als glutroter Ball hinter dem Giglberg. Ins Trollkostüm schlüpfte Brandstäter dann doch noch. Am Samstagnachmittag hüpfte er als Wurliz noch einmal über die Wiesen am Berghof.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Verkehrschaos: Kontrolliert bald der Zweckverband in Schliersee?
Verkehrschaos: Kontrolliert bald der Zweckverband in Schliersee?
Freibad: Sanierung und Umbau kostet mindestens 2,1 Millionen
Freibad: Sanierung und Umbau kostet mindestens 2,1 Millionen
Friseursalon geschlossen: Kein Haarschnitt mehr im Krankenhaus Agatharied?
Friseursalon geschlossen: Kein Haarschnitt mehr im Krankenhaus Agatharied?
A8: Seit anderthalb Jahren ohne Führerschein? Polizei stoppt Italiener
A8: Seit anderthalb Jahren ohne Führerschein? Polizei stoppt Italiener

Kommentare