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Der Beginn einer langen Rückfahrt: Florian Schmid (41) steigt in Agatharied in die BOB. Seit fünf Jahren pendelt er jeden Tag mit dem Zug von seinem Wohnort Augsburg zum Krankenhaus Agatharied.

„Das klingt krasser als es ist“

Berufspendler erzählt: Darum fahre ich jeden Tag von Augsburg nach Agatharied

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Jeden Tag Augsburg-Agatharied – hin und zurück: Florian Schmid pendelt seit fünf Jahren mit dem Zug. Für seinen Arbeitgeber ist ihm (kaum) ein Weg zu weit. Warum, erklärt er hier.

Landkreis – 80 Bücher hat Florian Schmid (41) in den vergangenen fünf Jahren gelesen. Nicht zu Hause auf dem Sofa, sondern auf der Schiene. Genaugenommen zwischen Agatharied und Holzkirchen und zwischen München und Augsburg. „Zwischendrin schlafe ich“, sagt Schmid. Die Haltestellen haben sich quasi in seinen Biorhythmus eingeschlichen.

Der 41-Jährige ist Pendler. Jeden Tag fährt er mit dem Zug von seiner Heimatstadt Augsburg zum Krankenhaus Agatharied. Morgens hin, spätnachmittags zurück. Eineinhalb Stunden braucht er für die einfache Fahrt. „Das klingt krasser als es ist“, sagt Schmid. Zumindest dann, wenn alles glatt geht.

Grund für Schmids Pendelei ist die Liebe. Die Liebe zu seiner Frau Sandra, aber auch die Liebe zu seinem Arbeitgeber. Seit 1999 arbeitet er als Krankentransporter im Kreisklinikum. Seine Aufgabe ist es, die Behandlungsabläufe der Patienten so zu planen, dass diese möglichst stressfrei von einer Untersuchung zur nächsten kommen. Interne Logistik gewissermaßen. Den Verkehrsströmen draußen ist Schmid seit 2004 ausgeliefert. Als seine Frau zum Studium nach Augsburg zog, wurde er zuerst ein Teilzeitpendler. Unter der Woche wohnte er bei seiner Oma in Agatharied, die Wochenenden verbrachte er in Augsburg. Oft stieg er dafür ins Auto – Stress inklusive. „Das wollte ich irgendwann nicht mehr“, sagt Schmid.

2013 ging der 41-Jährige dann in die Vollen. Er zog zu seiner Frau und bestellte sich eine Bahncard 100. Der Vorteil: „Damit darf ich ICE fahren.“ So dauert die Reise zwischen Augsburg und München Hauptbahnhof nur noch überschaubare 23 Minuten. Die Fahrt nach Agatharied legt Schmid mit der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) zurück. Das „schwächste Glied in der Kette“, wie er es formuliert. Tatsächlich ist die Rückfahrt für ihn meist problematischer. Denn wenn die BOB Verspätung hat, verpasst er auch seinen Wunsch-ICE nach Augsburg.

Ein Ärgernis, das Schmid als erfahrener Pendler meist ganz gut ausblenden kann. „Wie sehr ich mich drüber aufrege, ist tagesformabhängig“, meint er. Schlimmer sei es, wenn die BOB außerplanmäßig in Holzkirchen abgestellt werde und er S-Bahn fahren müsse. „Das kostet dann richtig Zeit.“ Lobend hebt Schmid aber das Engagement der Zugbegleiter hervor. „Die sind echt bemüht.“ Die extremen Erlebnisse würden sich aber ohnehin glücklicherweise in Grenzen halten. Schmid erinnert sich an ein Schneechaos, durch das er seinen Arbeitsweg in München vorzeitig abbrechen musste.

Im Krankenhaus Agatharied hat man Verständnis für Schmids Pendlerleben. Mehr noch: Dank einer individuell vereinbarten Arbeitszeit von 8 bis 16 Uhr kann der 41-Jährige seine Wunschzüge nehmen. Nicht das erste Zugeständnis, das ihm sein Arbeitgeber macht. Bis Ende vergangenen Jahres war Schmid als Schlagzeuger mit seiner Metalband Tenside auf Tournee, spielte auf allen großen Festivals inklusive Wacken. Zuvor, bis 2010, war er bei der Holzkirchner Formation Silent Decay aktiv. Für die Konzertreisen in aller Herren Länder konnte er immer problemlos freinehmen. Auch deshalb wisse er seinen Job sehr zu schätzen.

Mit der Band-Karriere ist es mittlerweile vorbei. „Die Energie war bei mir nicht mehr zu 100 Prozent da“, erklärt Schmid. Die berufliche Pendelei nimmt er hingegen weiterhin auf sich. Zum einen ist da die Bahncard. Die nutze er auch privat, sagt Schmid. Das würde die Kosten – sein Arbeitsweg schlägt jeden Monat mit 390 Euro zu Buche – erträglicher gestalten. „Und über den Lohnsteuerjahresausgleich hole ich mir einiges wieder zurück“, sagt der 41-Jährige.

Bleibt noch der Zeitfaktor. Doch Schmid hat einen Weg gefunden, sich die täglich dreistündige Fahrt so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Ablauf ist immer gleich. Morgens liest er zwischen Augsburg und München zuerst Nachrichten auf seinem Smartphone. Die BOB verschläft er – bis die ersten Schüler einsteigen. Auf der Rückfahrt wird Schmid dann zum Bücherwurm. Gespräche mit anderen Fahrgästen führt er übrigens nie. „Ich sitze am liebsten allein“, sagt Schmid. Er hat seinen Rhythmus gefunden.

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