„Ereignisse haben sich überschlagen“

Corona-Ausbruch in Krankenhaus: Mehr als 50 Neuinfektionen - auch Personal betroffen

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
    schließen

Seit dem ersten kleineren Corona-Ausbruch Anfang Dezember sind im Krankenhaus Agatharied mehr als 50 weitere Neuinfektionen festgestellt worden. Bei Patienten, aber auch beim Personal.

Agatharied – Immer wieder schwenkten die Kliniken im Rettungsdienstzweckverband Miesbach und Rosenheim in den vergangenen Wochen die weiße Fahne. Glücklicherweise aber stets abwechselnd, erklärt Dr. Steffen Herdtle, Chefarzt Zentrale Notaufnahme und Pandemiebeauftragter des Krankenhauses Agatharied. „So konnten wir uns mit Patientenverlegungen gegenseitig Luft verschaffen.“ Meist habe dafür ein Anruf genügt. „Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend.“ Auch deshalb sei das Krankenhaus Agatharied bislang um einen generellen Aufnahmestopp herumgekommen.

Doch die Lage bleibt angespannt. „Die Ereignisse haben sich in den vergangenen Wochen immer wieder überschlagen“, berichtet Herdtle. Nach dem ersten kleineren Corona-Ausbruch in der Klinik Anfang Dezember wurde das Virus bei 25 Patienten festgestellt, obwohl diese beim Einpassieren erst negativ getestet worden waren. Die Fälle seien über etliche Stationen verstreut gewesen, Infektionsketten habe man dadurch nicht ermitteln können. „Das Geschehen ist genauso diffus wie im gesamten Landkreis“, berichtet Krankenhaus-Pressesprecherin Melanie Speicher.

Dr. Steffen Herdtle Pandemie-Beauftragter am Krankenhaus Agatharied.

Corona-Ausbruch in Krankenhaus Agatharied: 27 positive Schnelltests beim Personal

Auch das Personal blieb vom Virus nicht verschont. Bei den Antigen-Schnelltests, die mittlerweile alle knapp 1100 Mitarbeiter bei Dienstantritt von 7 bis 22 Uhr an jedem Wochentag abgeben müssen, habe man bislang 27 positive Fälle herausgefischt, die sich auch im anschließenden PCR-Test bestätigt hätten, berichtet Herdtle. Bei 3300 Tests ergebe dies eine Quote von 2,6 Prozent.

Was sich gering anhört, stellt die Klinik vor große Herausforderungen. Die betroffenen Mitarbeiter würden umgehend nach Hause geschickt, was immer wieder Löcher in die ohnehin mit heißer Nadel gestrickten Dienstpläne reißt. „Eine auch emotional große Belastung“, weiß Herdtle. Wo sie sich angesteckt haben, könnten die Kollegen meist selbst nicht beantworten. Daher gehe man von Infektionen im privaten Umfeld aus.

Lesen Sie auch: Krankenhaus Agatharied benötigt Millionenzuschuss

Corona-Ausbruch in Krankenhaus Agatharied: Schutzmaßnahmen weiter erhöht

Auch deshalb, weil innerhalb der Klinik die Schutzmaßnahmen nochmals erhöht wurden. Im gesamten Haus seien FFP2-Masken verpflichtend, alle Vier-Bett- seien in Zwei-Bett-Zimmer umgewandelt worden. Im schlimmsten Fall lasse man manche Stationen auch mal „auf Null laufen“, erklärt Herdtle. Bedeutet: Es werden hier so lange keine neuen Patienten mehr aufgenommen, bis alle anderen entlassen sind. Quasi das letzte Mittel, um dem Virus bei unklarer Infektionslage lokal das Wasser abzugraben.

Eine Hygienekontrolle seitens des Gesundheitsamtes habe dem Klinikum vor Weihnachten „saubere Arbeit“ attestiert, berichtet der Pandemie-Beauftragte. Das Fazit: „Mehr geht nicht.“ Obendrein sei geplant, künftig das gesamte Personal ein- bis zwei Mal pro Woche mit der PCR-Methode testen zu lassen. Ein enormer Aufwand mit großem Ressourcenverbrauch, räumt Herdtle ein.

Infektionsgeschehen zu diffus für Eingrenzung

Trotz allem hält der Chefarzt einen klinikweiten Stopp des Infektionsgeschehens aktuell für ausgeschlossen. Zu diffus sei das Auftreten des Virus. Der Vorschlag, nur mehr Einzelzimmer anzubieten, sei nicht umsetzbar. Die dann nur noch 130 verfügbaren Betten wären bei einer Aufnahme von 140 Patienten pro Woche nach vier Tagen voll, erklärt der Pandemie-Beauftragte. Auch die Infektionen der Mitarbeiter seien zu diffus, um sie erklären, geschweige denn vermeiden zu können. Herdtles Fazit klingt bitter: „Wir wissen immer noch viel zu wenig über dieses Virus.“

20 Covid-Patienten werden aktuell im Krankenhaus behandelt, zwei auf der Intensivstation. Weil hier aber auch wieder vermehrt andere Fälle versorgt würden, seien nur noch drei Betten frei. Die Notfallversorgung sei trotz allem weiter gesichert, betont der Chefarzt. Auch, weil sich die Kliniken im Zweckverband so vorbildlich unterstützen würden. sg

Rubriklistenbild: © Thomas Plettenberg

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare