Kehrtwende nach Scheuers Bußgeld-Verschärfung: Neue Regeln vorerst wieder ausgesetzt

Kehrtwende nach Scheuers Bußgeld-Verschärfung: Neue Regeln vorerst wieder ausgesetzt
Professor Dr. Michael Landgrebe
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Chefarzt und Experte: Ab Montag lockert die Staatsregierung die Auflagen für Seniorenheime. Professor Dr. Michael Landgrebe kennt das Dilemma der Betreiber – und hat Empfehlungen für Angehörige.

Professor Dr. Michael Landgrebe im Interview

Corona-Folgen für Pflegebedürftige: Chefarzt gibt Angehörigen Tipps

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Besuchsverbot für Angehörige, Behandlungsstopp für ambulante Patienten: Die Corona-Pandemie hat auch die kbo Lech-Mangfall-Klinik in Agatharied schwer getroffen.

Agatharied – Die Staatsregierung lockert ab heute, Montag, die Besuchsverbote in Seniorenheimen. Die Menschen dort haben ihre Angehörigen lange erst gar nicht gesehen, später nur durch Plexiglasscheiben. Professor Dr. Michael Landgrebe, Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Agatharied, weiß, wie sehr sie das belastet hat. In seiner Klinik musste auch er entscheiden, wie lange er Patienten die Sondersituation zumuten will. Im Gespräch erklärt er, wie er das Dilemma gemeistert hat und was Angehörige jetzt tun sollten.

Professor Dr. Landgrebe, wie haben Sie Corona in Ihrer Klinik gemeistert?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Als Mitte März die Auflagen kamen, mussten wir die Klinik auf Notversorgung herunterfahren. Von 98 Prozent Belegung sind wir wie praktisch alle Kliniken auf 70 Prozent zurück. Das war eine Belastung für die Patienten, die hier geblieben sind: Die Klinik hat sich in eine Schutzburg verwandelt, um das Haus standen Schutzzäune. Eine Belastung war es auch für die Patienten, die plötzlich nicht mehr kommen durften: Sie waren nicht mehr versorgt.

Kann das gefährlicher werden als Corona?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Das kann man fast so sagen. Ich stehe zu 150 Prozent hinter den Schutzmaßnahmen. Man muss aber auch die andere Seite sehen: Es gibt unbehandelte psychisch Kranke im Landkreis, zum Beispiel viele Depressive. Wegen Corona sind ja nicht plötzlich alle psychisch kranken Menschen gesund. Vielmehr konnten wir diese Menschen nicht mehr versorgen oder sie haben sich aus Angst vor einer Ansteckung nicht mehr zum Arzt getraut. Neben dem hohen Leidensdruck, den eine Depression verursacht, kann sie aber auch zum Suizid führen. Auch dies kann man dann als Corona-Folge sehen. Gleiches gilt für Patienten mit Schlaganfall oder Herzinfarkt.

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Nun verlangt die Staatsregierung individuelle Schutzkonzepte. Wie gehen Sie mit dem Zwiespalt Schutz/Betreuung um?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Man muss Kompromisse machen. Wir kehren nun langsam zur Normalität zurück. Wir tragen Schutzmasken, halten Abstand und befolgen strenge Hygieneregeln. Aber wir erlauben wieder Treffen mit der Familie. Schön wäre es, wenn wir bald auf die Masken wieder verzichten könnten, aber das erscheint leider eher unwahrscheinlich.

Haben Sie Angst, zum Buhmann zu werden, falls Corona in Ihrer Einrichtung ausbricht?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Zum Buhmann werde ich nur, wenn ich Fehler mache oder fahrlässig handele. Wir machen uns aber sehr viele Gedanken, welche Maßnahmen wir ergreifen und lassen große Vorsicht walten. Ein Restrisiko wird es aber immer geben. Durch die Hochphase sind wir aber gut durchgekommen. Beim Personal hatten wir keine Corona-Fälle, bei den Patienten nur wenige. Wir haben also vieles richtig gemacht.

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Sollte es dennoch konkretere Vorgaben geben?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Ja. Gerade bei Altenheimen und Pflegeeinrichtungen haben wir das Problem, dass der schwarze Peter ein wenig bei den Heimen liegt. Die Staatsregierung hat in der Hochphase der Infektionen Besuchsverbote erlassen und strenge Hygiene-Auflagen bei Verlegungen in die Heime erstellt, zum Beispiel 14-tägige Quarantäne. Aus Angst vor Infektionen halten viele Heime an diesen Schutzmaßnahmen fest. Bei 14 Tagen Zimmerisolation wird aber ein normaler Mensch schon krank. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist das nicht zumutbar.

Weil die Chancen gut stehen, dass sich ihre Erkrankungen verschlechtern?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Richtig. Leider bleiben die Vorgaben der Staatsregierung hier teils sehr vage, sodass viele Heime nicht wissen, wie sie die Auflagen umsetzen können. Das hat landesweit dazu geführt, dass viele Kliniken Probleme haben, Patienten wieder in die Heime zurück verlegen zu können. Hier wäre es wünschenswert, wenn sich etwas ändern würde und die Staatsregierung konkretere Maßnahmen vorgibt. Betreiber müssen wissen: Wenn ich das mache, stehe ich hinterher nicht am Pranger. Ein Restrisiko wird es immer geben.

Was fühlen demente Senioren, die Angehörige nur durch Scheiben sehen?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Katastrophe! Ganz schlimm. Je mehr geistige Fähigkeiten ausfallen, umso wichtiger werden Routine und feste Strukturen. Angehörige wirken zusätzlich sehr beruhigend. Wenn die Schutzmaßnahmen das durcheinander bringen, kann das zu Aggressionen führen, die unter Umständen sogar mit Tabletten behandelt werden müssen oder zu Klinikeinweisungen führen können.

Wie können Familien ihren Großeltern helfen?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Es ist keine Lösung, die Generation 70+ abzuschotten, bis es einen Impfstoff gibt. Für Senioren sind Enkel wichtige Jungbrunnen. Mit ihnen reden sie nicht über Krankheiten, sondern spielen. Auch die Enkel brauchen die Nähe – bei Oma und Opa auf dem Schoß sitzen, sie umarmen. Für sie fallen durch die Einschränkungen ohnehin viele Kontakte weg. Die Ausnahmesituation bedeutet Stress und eine höhere Chance für psychische Erkrankungen. Es belastet schon beide, dass sie sich im Umgang miteinander überhaupt Gedanken über Corona machen müssen, statt unbeschwert zu sein.

Was können Angehörige tun?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Wichtig ist, den Kontakt herzustellen, so viel wie irgend möglich. Im Alter nehmen depressive Zustände zu. Sogar die Selbstmordrate kann steigen. Die Kinder sind aus dem Haus, die Menschen werden einsamer, fragen sich: „Wie lange lebe ich noch?“ Wenn ich alleine bin, ist das Risiko höher.

Deswegen ist der Kontakt zur Familie so wichtig?

Professor Dr. Michael Landgrebe: Ja. Dafür, wie man den hält, gibt es aber kein Patentrezept: Bei manchen Menschen helfen schon Telefonate. Andere verwirren sie nur: eine bekannte Stimme, aber kein Besuch. Jede Familie muss im Einzelfall entscheiden, was am besten ist und wie viel persönlichen Kontakt man wagen darf – auch vor dem Hintergrund der aktuellen Fallzahlen im jeweiligen Landkreis. Ein Restrisiko bleibt immer, aber Isolation kann keine Lösung sein!

mas

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