Intensiver Austausch: (v.l.) Die Rektoren Sabine Bösl, Claudia Horstmann, Holger Kraus und Markus Rewitzer machen auf die besondere Situation der Grundschulen in der Pandemie aufmerksam.
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Intensiver Austausch: (v.l.) Die Rektoren Sabine Bösl, Claudia Horstmann, Holger Kraus und Markus Rewitzer machen auf die besondere Situation der Grundschulen in der Pandemie aufmerksam.

Mehr Eigenverantwortlichkeit als Ziel

Corona-Krise: Grundschulrektoren im Landkreis Miesbach wünschen sich mehr Vertrauen

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Die Corona-Pandemie hält die Grundschulen im Landkreis weiter in Atem. Jetzt melden sich vier Rektoren zu Wort. Sie wünschen sich mehr Eigenverantwortlichkeit - und mehr Vertrauen.

Landkreis – Komplexe Dinge verständlich zu erklären ist die Kernkompetenz eines jeden Lehrers. Was sich normalerweise auf den Unterricht im Klassenzimmer beschränkt, hat sich in Zeiten der Corona-Pandemie auch auf Telefonate und E-Mails mit den Eltern ausgeweitet. „Wir sind der Erklärbär für Entscheidungen, die wir vor Ort nicht immer nachvollziehen können“, seufzt Markus Rewitzer, Schulleiter der Grund- und Mittelschule Hausham.

Meist läuft es wie folgt ab: Der Kultusminister wendet sich in einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit oder schreibt die Eltern direkt an. Die rufen dann bei der Schule an und wollen wissen, wie diese die neuen Regeln umsetzen will. Das Problem: „Wir haben meist noch gar keine Kenntnis über die notwendigen Details und Handlungsspielräume, weil die entsprechenden Schreiben auf sich warten lassen“, sagt Rewitzer.

Der Rektor ist mit seiner Kritik nicht allein. Auch seine Kollegen von anderen Grundschulen im Landkreis Miesbach sehen sich diesem Spannungsfeld ausgesetzt. Bei einem Pressegespräch in Hausham haben Rewitzer, Sabine Bösl (Quirin-Regler-Grundschule Holzkirchen), Claudia Horstmann (Grundschule Tegernsee) und Holger Kraus (Grundschule Waakirchen) ihren Unmut, aber auch ihre Sorgen zum Ausdruck gebracht – und einen eindringlichen Wunsch formuliert: mehr Vertrauen. Von der Politik und von den Eltern.

Nicht überall Präsenz

Nicht jedes vom Kultusministerium empfohlene Angebot lasse sich in jeder Schule realisieren. „Hier werden oft Äpfel mit Birnen verglichen“, sagt Rewitzer. Was früher niemand groß mitbekommen habe, trete durch die Corona-Pandemie verstärkt hervor. Als Beispiel nennen die Rektoren den Präsenzunterricht. „Wir haben kleine Klassen und große Räume“, berichtet Horstmann. Bedeutet: Alle Schüler könnten vor Ort unterrichtet werden. Bei Bösl in Holzkirchen ist es umgekehrt. „Wir sind noch immer vollständig im Wechselmodell.“ Einfach, weil es die örtlichen Gegebenheiten nicht anders zulassen würden.

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Das Problem: Die Eltern seien heutzutage gut vernetzt. Die mit am meisten gestellte Frage: „Wieso geht es hier nicht, wenn es woanders auch geht?“ Der daraus resultierende Rechtfertigungsdruck sei teils enorm, berichten die Rektoren.

Online ist kein Ersatz

Die Grundschulen hätten sich im vergangenen Jahr neu erfunden, betont Rewitzer. Der jetzige Grad der Digitalisierung gleiche einem Quantensprung. Gepaart mit einem hohen Engagement der Klassenlehrer habe Distanzunterricht in vielen Fällen gut funktioniert. Dennoch sind die technischen Alternativen zur Präsenz – beispielsweise der vom Kultusministerium empfohlene Hybridunterricht mit Livestream aus dem Klassenzimmer – nur bedingt sinnvoll. Man könne Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren nicht mehrere Stunden pro Tag „vor dem Bildschirm parken“.

„Das ist pädagogisch in keiner Weise ein Ersatz für die sehr individuelle Betreuung im Klassenzimmer“, erklärt Kraus. Nur hier könne man den Kindern den notwendigen Wechsel aus Lernen, Bewegung und Interaktion anbieten. Ganz zu schweigen vom oft sehr unterschiedlichen Förderbedarf. „Die Grundschulen decken das maximal mögliche Spektrum ab“, betont Bösl.

Übertritt macht Sorgen

Fakt sei also, dass man derzeit je nach Schule in drei verschiedenen Geschwindigkeiten (Präsenz-, Wechsel- und Distanzunterricht) voranschreite. Das mache sich spätestens beim Übertritt bemerkbar. „In der öffentlichen Diskussion reden alle immer nur vom Abitur“, kritisiert Rewitzer. Bei der Frage, ob ein Kind nach der vierten Klasse auf die Mittel-, Realschule oder aufs Gymnasium wechseln soll, seien die Eltern aktuell noch mehr verunsichert als sonst. Dabei gehe es längst nicht nur um den Notenschnitt. „Hier hat man als Lehrer durchaus Handlungsspielraum“, sagt Kraus. Weitaus entscheidender seien aber die individuellen Fähigkeiten der Kinder, deren Entwicklung durch die coronabedingten Einschränkungen oft gelitten hätte.

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Rewitzer erhofft sich hier eine größere Sensibilität und Rücksichtnahme bei den weiterführenden Schulen. Wenn ein Kind nicht sofort mithalten könne, bedeute dies nicht, dass es generell nicht für die jeweilige Schulform geeignet sei. „Sie haben einfach einen Rückstand, den man nicht von heute auf morgen aufholen kann.“ Horstmann spricht gar von einer „neuen Wirklichkeit“, der sich das gesamte Schulsystem stellen müsse.

Der Weg aus der Krise

Ob Schnelltests oder Impfungen für die Lehrkräfte: „Alles, was uns zu sicherem Präsenzunterricht verhilft, ist gut“, findet Horstmann. Man erlebe dabei ein hohes Maß an Zusammenhalt, betonen die Schulleiter. Viele Lehrkräfte würden weit über ihrem normalen Pensum arbeiten – nicht zuletzt auch wegen der an Grundschulen parallel zu schulternden Notbetreuung. Für die kommende Zeit wünschen sie sich vor allem eins: weniger Polarisierung. „Wir versuchen alle gemeinsam, das Beste für die Kinder herauszuholen“, sagt Rewitzer. Dies gelinge am besten, ergänzt Bösl, wenn den Schulen zwei Dinge entgegengebracht werden: „Eigenverantwortung und Vertrauen.“

sg

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