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Corona und mehr: Krankenhaus vor „riesengroßen finanziellen Herausforderungen“

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Von: Stephen Hank

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Arbeitet an einem Zukunftskonzept fürs Krankenhaus Agatharied: Michael Kelbel, Vorstand des Kommunalunternehmens. Im April soll es dem Verwaltungsrat vorgestellt werden.
Arbeitet an einem Zukunftskonzept fürs Krankenhaus Agatharied: Michael Kelbel, Vorstand des Kommunalunternehmens. Im April soll es dem Verwaltungsrat vorgestellt werden. © Thomas Plettenberg

„Wir stehen vor riesengroßen finanziellen Herausforderungen.“ Das sagt Michael Kelbel (57), Vorstand des Krankenhauses Agatharied. Das liegt an der Pandemie, aber nicht nur. Warum, verrät er im Interview.

Herr Kelbel, gerade ist allerorts von einem Kollaps der Kliniken die Rede. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Michael Kelbel: (stockt) Ganz ehrlich: Wir können nicht mehr. Die Lage ändert sich stündlich, unsere Intensivstation ist am Limit. Mehr Patienten dürfen es nicht mehr werden. Momentan ist das Kleeblatt-System ausgesetzt, aber zuvor musste schon eine Covid-Patientin nach Kiel, ein anderer Patient nach Karlsruhe ausgeflogen werden. Gerade schaffen wir es glücklicherweise, uns bei den Verlegungen innerhalb des Rettungszweckverbands zu helfen.

Fehlt es an Intensivpflegeplätzen?

Kelbel: Die Betten sind nicht das Problem. Wir haben im Keller sogar noch Beatmungsmaschinen stehen. Aber es geht nicht ohne speziell ausgebildetes Personal. Wir schulen und begleiten derzeit schon andere Pflegekräfte, um die Situation zu bewältigen.

Müssen sich Landkreisbürger jetzt Sorgen über ihre medizinische Versorgung machen, wenn sie also beispielsweise einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden?

Kelbel: Die Versorgung steht, wir haben bislang alle Notfälle operieren und behandeln können. Uns stehen drei reguläre OPs und ein Notfall-Saal zur Verfügung. Aber sechs unserer 14 Intensivbetten sind nun mal für Covid-Patienten reserviert, die fehlen uns einfach. Von diesen sechs Betten sind aktuell acht belegt. Zusätzlich haben wir noch sechs Betten für die sogenannte nicht invasive Beatmung aufgebaut. Hier liegen im Moment auch schon drei Covid-Patienten.

Bereitet Ihnen die an diesem Samstag startende Skisaison im Landkreis Sorge?

Kelbel: Der Schnee macht mir Sorge. Trotz der Schließung der Skigebiete hatten wir im vergangenen Jahr nicht weniger Fälle. Die Leute stürzen oder verletzen sich beim Schlittenfahren. Ich kann nur jeden Einzelnen bitten, durch umsichtiges Verhalten dazu beizutragen, Unfälle zu vermeiden.

Theoretisch könnten Sie knapp 340 Betten betreiben, derzeit sind es wegen der Corona-Auflagen und abgesagter Eingriffe gerade mal 200. Was macht das finanziell mit dem Krankenhaus?

Kelbel: Das Geld geht gerade raus wie nix. Allein durch Corona haben wir Zusatzaufwendungen von rund zwei Millionen Euro, die nicht refinanziert werden. 2019 haben wir noch mal kräftig in unsere Strukturen investiert und neues Personal eingestellt. Denn das Finanzierungssystem zwingt Krankenhäuser zur Umsatzsteigerung. Nur wenn sie ihre Fallzahlen erhöhen, haben sie überhaupt die Chance, sich über Wasser zu halten. Dann kam Corona. Jetzt haben wir die Kosten, aber keine Einnahmen.

Die Corona-Hilfsmaßnahmen durch den Bund haben das Defizit im vergangenen Jahr aber doch ganz gut aufgefangen.

Kelbel: Der Ausgleichsmechanismus mit 560 Euro pro Tag und freigehaltenem Bett war mehr als auskömmlich, das stimmt. Einem Krankenhaus mit unserer Struktur hat das sehr geholfen und die Bilanz deutlich verbessert. Für heuer wird es allerdings einen Ganzjahresausgleich geben, der sich preislich am Leistungsspektrum von 2019 bemisst. Das wirkt sich für uns katastrophal aus – auch, weil sich die Zusammensetzung der Leistungen gegenüber 2019 deutlich verändert hat.

Sie müssen also Ihre Strukturen überdenken?

Kelbel: Wir sind gefordert, uns als Krankenhaus völlig neu zu erfinden. Das machen wir auch, mit sachkundiger Begleitung von außen. Voraussichtlich im April werden wir dem Verwaltungsrat einen Maßnahmenkatalog und ein Zukunftskonzept vorlegen können. Wenn wir das wirklich beängstigende Defizit, das uns in den nächsten Jahren erwartet, wegkriegen wollen, müssen wir auch weit reichende Maßnahmen ergreifen, die gut überlegt sein wollen. Sparen und investieren zugleich, das ist das Gebot der Stunde.

In welche Richtung gehen Ihre Überlegungen? Kooperationen mit anderen Krankenhäusern? Ein Ausbau der Kapazitäten?

Kelbel: Wir werden auf Kooperationen angewiesen sein, wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sein wollen. Die einzelnen Einheiten in den Krankenhäusern müssen jeweils so groß sein, dass sie eigenständig funktionieren. Aber es geht auch um die Gesundheitsversorgungsstruktur der Zukunft generell. Ziel muss es sein, die künstliche Grenze zwischen stationärer und ambulanter Versorgung abzuschmelzen. Wir hätten schon heute genügend Möglichkeiten für ambulante Eingriffe, wenn es sich für uns auch rechnen würde.

Der Weg führt also weg vom stationären Aufenthalt hin zu mehr ambulanten Behandlungen?

Kelbel: Wir wissen nicht, wie es nach Corona weitergeht. Manche Experten gehen aber davon aus, dass die Zahl der stationären Behandlungen dauerhaft ohnehin um zehn bis 15 Prozent zurückgeht. Darauf müssen wir uns einstellen. Die aktuellen Strukturen sind langfristig nicht tragfähig, weil auch der Fachkräftemangel in der Pflege ein Teil der Rechnung ist. Er wird sich nicht entschärfen. Also müssen wir nachdenken, wie es anders gehen könnte.

Ließe sich das Problem mit einer besseren Bezahlung der Pflegekräfte lösen?

Kelbel: Die Bezahlung ist ein gewisser Anreiz und insbesondere in den hoch belasteten Bereichen ein Lösungsansatz. Die Bezahlung allein sorgt aber nicht für den durchschlagenden Erfolg. Denn der Pflegeberuf steht mit anderen Berufsbildern im Wettbewerb, da geht es auch um Familie und Freizeit. Für den, der’s kann, ist es ein toller Beruf und eine Erfüllung. Doch viele andere stellen fest, dass sie dafür schlichtweg nicht geeignet sind.

Im Umkreis haben in jüngerer Vergangenheit zwei Geburtshilfeabteilungen geschlossen. Inwiefern setzt das Agatharied zusätzlich unter Druck?

Kelbel: Unsere Abteilung war mal für 700 Geburten konzipiert, nun sind es knapp 1500 pro Jahr. Die Abteilung ist nach der Erweiterung der Kreißsäle – auf deren Kosten wir übrigens komplett sitzen geblieben sind – nicht mehr ganz so weitläufig, aber wir haben ein tolles Team, und die Zahl ist händelbar. Würden wir unsere Kinderabteilung aufgeben müssen, würde sich die Zahl der Geburten wohl automatisch drastisch reduzieren.

Steht die Schließung im Raum?

Kelbel: Nein, auch wenn wir auch hier ein jährliches Defizit von einer Million Euro einfahren. Der Freistaat sagt uns, dass wir keine Kinderstation brauchen, und verweigert uns deshalb die Anerkennung. Aber die Kinderabteilung gibt vielen Eltern Sicherheit. Wir wollen deshalb daran festhalten.

Lesen Sie auch: Warum das Krankenhaus eine Corona-Impflicht befürwortet.

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