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Reges Interesse rief die Podiumsdiskussion zum Thema Demenz hervor. Das achtköpfige Expertenteam stellte sich geduldig den Fragen der Anwesenden.

Podiumsdiskussion 

Demenz: Das sollten Betroffene und Angehörige wissen

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Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland - runtergerechnet auf den Landkreis rund 1300 Menschen - leiden an Demenz. Im Krankenhaus Agatharied fand dazu eine Podiumsdiskussion statt.

Agatharied – Wie verhalte ich mich einem Demenzpatienten gegenüber? Wo kann ich mich beraten lassen? Wie schaffe ich als Pflegender Entlastung? Fragen, die sowohl denen, die an Demenz erkrankt sind, als auch ihren Angehörigen auf den Nägeln brennen. Jetzt hatten Interessierte die Gelegenheit, sich mit ihren Anliegen an Experten zu wenden. Bei der Podiumsdiskussion „Was geht. Was bleibt. Leben mit Demenz.“ im Restaurant des Krankenhauses Agatharied.

Prävention

In Sachen Vorbeugung verweist Professor Stefan Lorenzl, Chefarzt für Neurologie am Krankenhaus Agatharied, auf die sogenannte Nonnen-Studie. Diese zeigt, dass englische Nonnen oft sehr alt, aber verhältnismäßig selten dement werden. Der Grund: „Sie beschäftigen sich weiterhin geistig und körperlich.“ Die Ernährung, so Lorenzl, spielt in Bezug auf Prävention keine besondere Rolle. Wer sich allerdings vegan ernährt, für den besteht aufgrund eines möglichen Mangels an Vitamin B12 ein erhöhtes Demenzrisiko.

Medikation

Heilbar, so Dr. Monika Singer von der Demenzambulanz an der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Agatharied, sei Demenz leider noch nicht. Mit Medikamenten, sogenannten Antidementiva, ließe sich der Krankheitsverlauf aber bremsen, was oftmals zu einer Verbesserung des Allgemeinzustands führt. Sowohl was das Gedächtnis, als auch was die Sprache angeht. Den Einsatz von sogenannten Acethylcholinesterase-Hemmern, die im frühen und mittleren Krankheitsstadium zugelassen sind, empfiehlt Singer in Pflasterform. „Sie zeigen eine gleichmäßige Wirkung und sind zudem angenehmer und verträglicher als Tabletten.“

Beratung

„Die Angehörigen machen einen Rund-um-die-Uhr-Job“, sagt Monika Bürger von der Fachstelle für pflegende Angehörige beim BRK Miesbach. „Sie bauen ab und nehmen erst kurz vor dem Zusammenbruch Beratung in Anspruch.“ Die Fachstelle würde dann versuchen, eine Versorgung zu Hause zu strukturieren. Bürgers Appell: „Ich würde mir wünschen, dass sich die Angehörigen früher beraten lassen.“

Umgang

Wie verhält man sich, wenn ein Betroffener offensichtlich falsche Behauptungen aufstellt? „Meistens ist der Inhalt nicht so wichtig, dann würde ich nicht widersprechen“, sagt Singer. „Das provoziert nur eine depressive oder aggressive Reaktion.“ Schulungen zum richtigen Umgang bietet das BRK an, das nächste Mal im Oktober.

Betreuung

Eine Möglichkeit, die Angehörigen zu entlasten, ist den Betroffenen in ein Pflegeheim zu geben – oder in ein Wohnstift wie den Rupertihof in Rottach-Egern, wo Sandra Bobrik die Tagesbetreuung leitet: „Wir basteln und singen und machen Gedächtnistraining, zudem gibt es ein gemeinsames Mittagessen.“ Viele Pflegende würden ihre sozialen Netzwerke verlieren und hätten so auch spontan die Möglichkeit, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Ähnliches bietet auch das BRK mit seiner Demenzbetreuung.

Wohnen

Barbara Schwaiger-Schmid vom Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas Miesbach sprach sich für Demenz-Wohngemeinschaften aus. „Das ist die Wohnform der Zukunft. Bei der derzeitigen demographischen Entwicklung werden wir den Bedarf mit Heimen nicht mehr auffangen können.“ Zudem sei eine Demenz-WG sehr familiär, fordere die Bewohner und lasse ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Vollmacht

Ist ein Demenzkranker nicht mehr in der Lage, sich um seine Belange zu kümmern, so muss dies ein Betreuer übernehmen. Das, so Josef Schaftari von der Betreuungsstelle am Landratsamt, komme aber keineswegs dem Überstülpen einer Vollmacht gleich. „Der Betroffene steht im Mittelpunkt. Sein Wille zählt.“ Zunächst werde innerhalb der Familie oder im Freundeskreis nach einer geeigneten Person gesucht. Erst wenn sich dort niemand findet, wird ein Berufsbetreuer eingeschaltet. Ein Grund zur Sorge sei aber auch das nicht: „Das sind Profis“, sagt Schaftari. Da der Ehepartner laut Gesetzeslage nicht automatisch zum Bevollmächtigten bestimmt wird, rät Lorenzl, diesen bereits im Vorfeld mit einer Vorsorgevollmacht auszustatten. „Wenn eine Betreuung notwendig wird, dann tritt die Vollmacht umgehend in Kraft.“

Forschung

In Sachen Forschung berichtete Lorenzl von einem neuen Medikament, das sich allerdings noch in der Testphase befindet. Die darin enthaltenen Antikörper markieren die für die Demenz verantwortlichen Partikel im Gehirn, sodass diese entfernt werden können. Allerdings ist diese Methodik sehr aufwendig und dementsprechend teuer. „Das würde pro Mensch wohl zwischen 150 000 und 200 000 Euro kosten“, sagt Lorenzl.

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