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Blättert in Erinnerungen: Veronika Gmeiner sichtet und sortiert im Haushamer Rathaus die Feldpostkarten, die der spätere Haushamer Bürgermeister Josef Estner im Alter von 19 Jahren aus dem Ersten Weltkrieg geschickt hat.

Josef Estner kämpfte im Ersten Weltkrieg

Die Feldpost eines Bürgermeisters: Einmalige Zeitdokumente in Hausham aufgetaucht

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Unzählige Briefe hat der frühere Haushamer Bürgermeister Josef Estner vor gut 100 Jahren aus dem Ersten Weltkrieg in seine Heimat geschickt. Jetzt sind sie wieder aufgetaucht.

Hausham – In wenigen Worten versuchte Josef Estner seiner Mutter zu schildern, wie es ihm an der Front ergeht. Mehr als ein paar kurze Sätze hatte auf den Feldpostkarten nicht Platz. Eng gedrungen wie im Schützengraben, stehen die Buchstaben auf dem gelblichen Papier. Trotz ihres Alters von mehr als 100 Jahren ist die Bleistiftschrift noch gut zu erkennen. Die Botschaften, die der spätere Haushamer Bürgermeister im Alter von 19 Jahren 1917 aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause geschickt hat, lassen nur erahnen, wie hart und entbehrungsvoll sein Alltag gewesen sein muss.

Mehr als 100 Jahre später stapeln sich Estners Postkarten auf einem Schreibtisch im Haushamer Rathaus. Veronika Gmeiner hat sie hier ausgebreitet, sichtet und sortiert sie. Die 64-Jährige hat früher bei der Gemeinde gearbeitet und kümmert sich jetzt um die historischen Dokumente und Schätze. Wobei diese Aufgabe eher einem Puzzlespiel gleicht. Ein richtiges Archiv gibt es im Haushamer Rathaus nämlich nicht. Dafür viele Kisten in Keller und Speicher. „Das ist im Grunde eine Raritätensammlung“, sagt Gmeiner schmunzelnd. Auch die Unterlagen der früheren Bürgermeister würden hier lagern.

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Josef Estner war von 1946 bis 1955 Bürgermeister in Hausham.

Die Feldpost Estners gehörte bislang nicht dazu. Bis vor Kurzem wusste niemand im Rathaus von ihrer Existenz. Erst durch einen Zufall sind die Schriftstücke aufgetaucht. Weil der verstorbene Sohn des ehemaligen Bürgermeisters in einer Gemeindewohnung lebte, durfte Gmeiner einen Blick auf seinen Nachlass werfen – und stieß dabei auf die Briefe seines Vaters aus dem Ersten Weltkrieg. „Da sind wir hellhörig geworden“, erzählt Gmeiner. Der historische Kontext, in dem die Schriften entstanden sind, lässt sich allerdings nur schwer rekonstruieren. Nicht alle Postkarten sind mit Ortsangabe oder Datum versehen, eine zeitliche Reihenfolge ist kaum auszumachen.

Über die Biografie Estners ist dafür deutlich mehr bekannt. Er wurde am Nikolaustag 1898 als viertes Kind des Bergmanns und Musikers Johann Estner und seiner Frau Leopoldine in Hausham geboren. Mit nur 18 Jahren begann für Estner dann der Erste Weltkrieg. Von 1916 bis 1918 diente er bei der Bayerischen Pionier-Kompanie an der Westfront und wurde laut Chronik mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

In Estners Feldpost offenbart sich hingegen das wahre Gesicht des Krieges. Immer wieder schreibt er seiner „lieben Mutter“ von seinem entbehrungsvollen Alltag. Er dankt ihr für die „Pakl“ mit Milch, Käse und anderen Lebensmitteln. „Jetzt hab ich wieder für acht Tage was zu beißen.“ Er erzählt vom stundenlangen Trommelfeuer der Geschütze in den Abendstunden, weil „die Franzmänner“ hier den Durchbruch schaffen wollen. Und er berichtet mit Schrecken von den Geschichten einiger Infanteristen, wonach „schwarze Truppen“ in einen deutschen Graben eingedrungen seien und dort „acht Mann den Kopf abgeschnitten“ hätten.

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Bei all der Dramatik hatte Estner sich aber eine Portion Humor bewahrt. So schreibt er von Fliegern, die vom Himmel „purzeln“, und von brennenden Fesselballons. „So was solltest Du mal sehen, Mutter, ist interessant. Für die Insassen allerdings nicht.“ Auch wenn ihm selbst so ein Schicksal erspart blieb: Estner spürte sehr wohl die Gefahren des Kriegs am eigenen Leib. Etliche Karten enden mit den Worten „es pressiert“. Er müsse wieder in die Stellung. „Jetzt geht’s dahin“, fürchtete Estner einmal gar.

Doch er kam – anders als 161 gefallene oder vermisste Haushamer und Agatharieder – wieder nach Hause. Von 1919 an arbeitete er im Haushamer Bergwerk, trat in die SPD ein und saß bis 1933 im Gemeinderat. Und wieder musste er danach einen Krieg überstehen, ehe er am 1. Februar 1946 Bürgermeister von Hausham wurde. Als seine wichtigsten Projekte nennt die Chronik die Behebung der Wohnungsnot, die Wasserversorgung und den Bau des Friedhofs. Die Bürger waren offenbar zufrieden mit seiner Arbeit, denn am 30. März 1952 wählten sie ihn mit mehr als 90 Prozent der Stimmen erneut ins Amt.

In seinem Büro im Rathaus schloss Estner dann auch für immer die Augen. Am 12. Januar 1955 erlitt er am Schreibtisch einen Herzinfarkt. Das Ende des Lebens eines Mannes, der zwei Weltkriege miterleben musste – und sich dennoch immer für seine Heimatgemeinde Hausham aufgeopfert hat.

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