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Engpässe im Krankenhaus: Chefarzt schildert dramatische Lage - „Entscheiden stündlich, was noch geht“

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Von: Sebastian Grauvogl

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Hat viel zu tun: Dr. Steffen Herdtle, Chefarzt Zentrale Notaufnahme und Pandemiebeauftragter des Krankenhauses Agatharied.
Hat viel zu tun: Dr. Steffen Herdtle, Chefarzt Zentrale Notaufnahme und Pandemiebeauftragter des Krankenhauses Agatharied. © Krankenhaus Agatharied

Zu viele Patienten, zu wenig Personal: Die Situation im Krankenhaus Agatharied ist dramatisch. Im Interview erklärt Chefarzt Dr. Steffen Herdtle, was das für die Versorgung bedeutet.

Agatharied – Als „schlichtweg dramatisch“ haben die Verantwortlichen im Rettungsdienstbezirk Rosenheim Miesbach die Lage an den kommunalen Kliniken bezeichnet. Die Kombination aus massiven Personalausfällen und hohem Patientenaufkommen würden den Betrieb in den Notaufnahmen zunehmend beeinträchtigen. Wie sich das im Krankenhaus Agatharied äußert, was die Folgen sind und wie man gegensteuern könnte, erklärt der Chefarzt Zentrale Notaufnahme und zugleich Pandemiebeauftragte des Kreisklinikums, Dr. Steffen Herdtle, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Massive Personalausfälle und hohes Patientenaufkommen: Chefarzt schildert Lage im Krankenhaus

Herr Dr. Herdtle, in der gemeinsamen Erklärung der Kliniken im Rettungsdienstbezirk war die Rede von einer zeitweisen Abmeldung der Notaufnahmen. Kommt das auch in Agatharied vor und was bedeutet das?

Dr. Steffen Herdtle: Leider mussten auch wir zuletzt wiederholt zu diesem Mittel greifen. Vereinfacht ausgedrückt teilen wir damit den Rettungsdiensten mit, dass sie für ein paar Stunden einen Bogen um Agatharied fahren müssen. Wir sprechen hier aber von leichten bis mittelschweren Erkrankungen oder Verletzungen. Für alle anderen Fälle halten wir natürlich weiter einen funktionsfähigen Schockraum, Herzkatheter und Schlaganfallambulanz vor. Genau Letzteres ist ja auch der Grund, warum wir uns vor einem kompletten Überlaufen der Notaufnahme schützen müssen. Nur so können wir die Versorgung lebensbedrohlicher Fälle sicherstellen.

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Wie sieht es mit geplanten Aufnahmen auf Station aus?

Dr. Steffen Herdtle: Auch hier sind wir zu schnellen Entscheidungen gezwungen. Da sich die Belegung stündlich ändern kann, halten wir permanent Kontakt zu den niedergelassenen Ärzten und teilen quasi in Echtzeit mit, wen wir aufnehmen können und wen nicht. Parallel schauen die Kollegen auf Station, wer eventuell schon wieder für eine Entlassung in Frage kommt. Aber auch hier erschwert uns die aktuelle Lage die Planung, weil ja die Pflege- und Rehaeinrichtungen ebenfalls überlastet sind.

Dramatische Lage in Krankenhaus: „In einer Zeit, in der wir zunehmend Kapazitäten für Corona-Fälle brauchen“

Das heißt, dass wieder Operationen verschoben werden?

Dr. Steffen Herdtle: Das lässt sich nicht vermeiden. Erschwerend hinzu kommt, dass wir aus den vergangenen beiden Jahren noch eine Bugwelle an nicht durchgeführten Eingriffen vor uns her schieben. Das tut uns natürlich zum einen für die Patienten leid, weil wir unseren Verpflichtungen ihnen gegenüber immer gerecht werden wollen. Zum anderen trifft es uns auch wirtschaftlich. Und das in einer Zeit, in der wir zunehmend wieder Kapazitäten für Corona-Fälle brauchen.

Die Krankheitsschwere nimmt also wieder zu?

Dr. Steffen Herdtle: Das ist es, was wir beobachten. Im Mai hatten wir im Schnitt fünf bis sechs Corona-Patienten auf der Isolierstation. Aktuell schwanken wir immer um den Grenzwert von 20, ab dem wir auch die zweite Covid-Station aktivieren müssen. Auch der Intensivbereich ist mit derzeit drei Corona-Fällen wieder stärker ausgelastet. Insgesamt stehen hier derzeit zwölf Betten zur Verfügung. Da die (Stand Mittwoch) drei Covid-Patienten aber einen Teil einnehmen, sind aktuell nur acht Plätze für Nicht-Corona-Patienten betreibbar. Immerhin ist die Todesrate im Vergleich zum Beginn der Pandemie gesunken.

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Stichwort Personalmangel: Was halten Sie von der Idee, dass positiv getestete Pflegekräfte trotzdem auf den entsprechenden Stationen arbeiten dürfen?

Dr. Steffen Herdtle: Ehrlich gesagt stellt sich diese Frage bei uns gar nicht, weil die betroffenen Mitarbeiter meistens richtig krank sind. Ausfälle von drei bis vier Wochen sind keine Seltenheit, auch nicht bei jüngeren Kollegen.

Corona-Lage: „Bin fast geneigt zu sagen, dass sich jedes Wald-und Seefest auswirkt“

Könnte eine erneute Verschärfung der Besuchsregeln etwas bewirken?

Dr. Steffen Herdtle: Das versuchen wir in jedem Fall zu vermeiden. Wir stellen immer wieder fest, wie förderlich die Besuche von Angehörigen für die Genesung der Patienten sind. Umso wichtiger ist es aber, dass sich alle an die Masken- und Testpflicht halten. Leider muss unser Personal aber auch hier oft zeitintensive und anstrengende Diskussionen führen. Es wird einfach zunehmend schwieriger, angesichts des weitgehend normal laufenden gesellschaftlichen Lebens draußen die Infektionsschutzvorgaben im Krankenhaus zu erklären.

Die Folgen der Lockerheit draußen bekommen Sie dafür bestimmt zu spüren, oder?

Dr. Steffen Herdtle: Auf jeden Fall. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass sich jedes Wald- und Seefest auswirkt. Die Pandemie ist nicht vorbei. Dennoch möchte ich auch betonen: Jeder kann sich im Krankenhaus sicher fühlen. Und jeder, der ernste Beschwerden hat, erhält die bestmögliche Behandlung. Da spreche ich nicht nur für uns, sondern auch für alle niedergelassenen Kollegen in den Praxen. sg

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