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Ratlos: (v.l.) Fayaz Islam und Mustafa Rezai warten auf ihre Abschiebung. Asylhelfer Gerhard Klante hat für die Haltung der Politik kein Verständnis. 

Mitbewohner ist schon in Kabul

Kurz vor der Abschiebung: Asylbewerber sprechen über ihre Angst

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Um 6 Uhr am Montagmorgen klingelt die Polizei. Dann geht es für einen Asylbewerber aus Hausham zum Abschiebeflug nach Afghanistan. Sein Mitbewohner lebt in Angst.

Hausham/Irschenberg– Einmal in seinem Leben war Mustafa Rezai (30) in Afghanistan. Er war dort, um einen Teil seiner Familie zu Grabe zu tragen. Ein Bombenanschlag hatte sie aus dem Leben gerissen. Und Rezai gezeigt, dass er in diesem Land niemals leben möchte. Doch genau das könnte dem aktuell in Hausham wohnhaften, abgelehnten Asylbewerber drohen. Dann nämlich, wenn seine Abschiebung tatsächlich vollzogen wird. Denn der Iran, in dem der 30-Jährige mit seinen Eltern sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat, will ihn nicht mehr haben. „Mein Dokument ist kaputt“, sagt Rezai mit leiser Stimme.

Einem seiner Mitbewohner ist genau dies nun zum Verhängnis geworden. Am Montag um 6 Uhr morgens hätten vier Polizisten an der Haushamer Unterkunft geklingelt, berichtet Asylhelfer Gerhard Klante. Rezai, der ohnehin stark verunsichert ist, öffnete ihnen die Tür. Den Moment, als sie seinen Landsmann zum Auto brachten, wird er wohl nie vergessen. Noch am selben Tag wurde dieser per Abschiebeflug nach Afghanistan gebracht. „Jetzt ist er in Kabul“, sagt Klante. Und Rezai hat noch mehr Angst.

Abschiebung aus Hausham (Bayern): „Jetzt ist er in Kabul“

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Klante fasst seine Lage schonungslos zusammen: „Er ist quasi staatenlos.“ Und damit sei der junge Mann nicht alleine. Viele abgelehnte Asylbewerber befänden sich in dieser Lage. Die deutsche Politik überlasse sie ihrem Schicksal. Mit fatalen Folgen, wie Klante beobachtet hat: „Sie brechen ein, werden immer weniger.“ Die Unsicherheit über ihre Zukunft zehre sie aus. Für den Helfer ein großer Missstand. „Wo bleibt hier das Grundprinzip der Menschlichkeit?“

Das fragt sich auch Fayaz Islam. Der 29-Jährige ist 1996 mit seinem Vater vor der Verfolgung der Moslems in seiner Heimat Myanmar nach Bangladesch geflohen. „Sie haben unser Dorf verbrannt“, erzählt Islam. Bis 2014 lebte er in einem gigantischen Flüchtlingslager in Bangladesch. Es sei zwar wie in einem Gefängnis gewesen, aber wenigstens einigermaßen sicher, meint Islam. Schon sein Vater habe ihm vor seinem Tod im Jahr 2000 geraten: „Wenn du es einmal besser haben willst, musst du nach Europa gehen.“ Das tat Islam 2014 dann auch.

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Seit drei Jahren wohnt Islam nun in Irschenberg. Und – am Allerwichtigsten für ihn – er arbeitet auch dort. Die Kaffeerösterei habe ihm nach einem Job als Aushilfe eine Ausbildung zum Restaurantfachmann angeboten. Da er mit 25 Jahren keine Schulklasse mehr besuchen konnte, lernte er bei Deutschkursen die für ihn fremde Sprache. „Die Arbeit hat mir auch viel geholfen“, sagt Islam in sicherem Deutsch.

Eigentlich könnte der 29-Jährige sehr zufrieden sein. Doch über all seinen ehrgeizigen Plänen hängt ein Schatten. 2017 hat er seinen Abschiebe-Bescheid erhalten. Wohin er gehen soll, weiß er wie Rezai nicht. Als er sich beim Konsulat seines Heimatlandes Myanmar erkundigte, wollte dieses nichts mehr von ihm wissen, erzählt er. „Sie haben gesagt, es gibt keine Moslems in ihrem Land.“ Und sollte es doch noch welche geben, würden sie erschossen. Diese Geschichte hat Islam auch den deutschen Behörden erzählt. Für ein Bleiberecht reichte sie aber nicht. Aufgeben will der 29-Jährige dennoch nicht. „Wenn du nicht mehr lachen kannst, kannst du nicht mehr leben“, sagt er.

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Rezai fällt das deutlich schwerer. Er schaut oft auf den Boden, kratzt sich nervös an den Armen. Es fällt ihm sichtlich schwer, sein Selbstbewusstsein zu erhalten. Kein Wunder: Anders als Islam hat er keinen festen Job. Seit 2016 brauche man dafür einen gültigen Pass, erklärt Klante. Damit er nicht nur zuhause sitzt und an der Aussichtslosigkeit seiner Lage verzweifelt, hilft er bei der Caritas in der Küche.

Klante blutet das Herz, wenn er über das Schicksal der beiden jungen, arbeits- und integrationswilligen Männer nachdenkt. Er wolle gar keine Schuldzuweisung den Behörden gegenüber aussenden, sondern eigentlich nur einen Hilferuf. „Hinter jeder Zahl stecken Menschen“, sagt Klante. „Und die darf man nicht für etwas bestrafen, was in ihrer Kindheit passiert ist.“

sg

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