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Sascha Privitera aus Hausham will von Sylt nach Hause laufen. Schlafen wird er nur im Zelt.

Darum pilgert er

Warum dieser Haushamer quer durch Deutschland läuft - trotz Behinderung

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Jeden Tag eine Marathondistanz, 30 Tage lang – trotz 60 Prozent Behinderung. Sascha Priviteras Geschichte treibt ihn zu Höchstleistungen.

Hausham – 10. Dezember 2005. Sascha Privitera fährt gut gelaunt im Cabrio seiner Freundin, will das Radio lauter stellen. Dabei kommt der Wagen von der Straße ab, zerschellt am Hang. Eingeklemmt, mit einem Stechen im Rücken erreicht Privitera mit größter Not sein Handy, ruft einen Kumpel von der Feuerwehr an. „Bernie, du musst mich rausholen.“ Nach fünf Tagen erwacht der Haushamer auf der Intensivstation. Die erschütternde Diagnose: Querschnittslähmung. Damals ist er 24. Es dauert sieben Tage, bis das Gefühl in Priviteras Beine zurückkehrt. „Das war die schwerste Zeit meines Lebens.“

Heute, mit 36, läuft Privitera so weit die Beine ihn tragen. Den Martinsweg ging er schon, 3300 Kilometer vom Kloster Andechs bis Santiago de Compostela. 2014 pilgerte er nach Rom, 2015 an den Gardasee. Unterwegs überwand er unerträgliche Schmerzen, psychische Zusammenbrüche „und ganz viel Heimweh“.

Dieses Mal ist Deutschland dran. Von List auf Sylt pilgert Privitera zurück nach Hausham. Mindestens 1000 Kilometer sind das, am Dienstag, 1. Mai, ging es los. Schlafen wird er ausschließlich im Zelt, Frühstück gibt es vom Campingkocher, Mittag auch mal im Restaurant. Den Rest des Tages läuft er. „Ich war schon so viel in Europa unterwegs, es ist an der Zeit, auch die Heimat zu sehen“, sagt Privitera und lacht.

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Auch wenn der 36-Jährige dieses Mal in Deutschland unterwegs ist, das Heimweh wird schlimmer werden. Denn daheim wartet seine dreijährige Tochter. Geboren wurde sie am 10. Dezember – exakt neun Jahre nach Priviteras Schicksalstag. „Meine Tochter so lange nicht zu sehen, wird hart. Ich vermisse sie jetzt schon, versuche, möglichst viel mit ihr zu unternehmen.“

Leicht hat es Privitera auch ohne Heimweh nicht. Die Wirbelsäule versteift, die Muskeln verkürzt, der Körper voller Narben, läuft er auch heute noch gebückt. Wie ein Eisbär, sagen seine Freunde. Privitera findet das witzig. Auch wenn er selbst glaubt, ein Außenstehender merke nichts von den 60 Prozent Behinderung, die ihm ein Ausweis bescheinigt. Schmerzen hat er fast täglich, alle zwei Jahre muss er zur Reha. Dieses Jahr lässt er sie ausfallen, weil der Vertriebsleiter auf der Arbeit nicht zwei Mal lange fehlen will. Privitera findet: „Das Laufen ist sowieso die beste Reha.“

Der Haushamer regeneriert am besten in der Einsamkeit. „Wenn man ganz alleine ist, kommt viel hoch. Damit muss man erst einmal fertig werden. Aber wenn man durch ist, sind die Batterien wieder 110 Prozent voll.“ Angst hat er nicht, aber ein wenig mulmig ist ihm schon.

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Die Dinge, die Privitera trotz Einsamkeit am meisten in Erinnerung bleiben, sind die Menschen, die ihm dennoch begegnen. Bei völlig Fremden schlief Privitera in Ehebetten, war Gast auf Geburtstagsfeiern. Diese Erlebnisse bleiben auch nach der Reise. „Nach einiger Zeit unterwegs sieht man nicht mehr ganz frisch aus. Es ist beeindruckend, wie viel Gastfreundschaft einem trotzdem entgegenschlägt. Die Welt ist ein freundlicher Ort.“

Weil ihm diese Botschaft wichtig ist, geht Privitera jetzt an die Öffentlichkeit. Früher machte er nie viel Aufhebens um seine Geschichte. Als ihn das Fernsehen fünf Tage lang begleiten wollte, lehnte er ab. „Auf dem Weg will ich meine Ruhe.“ Ein Interview vorher, vielleicht eines danach, je nachdem, wie es läuft. Mehr ist nicht drin.

Das hat sich geändert, auch wegen der vielen Menschen, die Privitera rieten, seine Geschichte zu teilen. „Wir denken, alles ist perfekt und allen geht es gut. Doch jeder hat sein Päckchen zu tragen. Indem ich meines öffentlich zugebe, will ich denen Mut machen, denen es gerade nicht so gut geht. Geteiltes Leid ist halbes Leid.“

Den Druck der Öffentlichkeit spürt Privitera dennoch. Auf einmal ist er nicht mehr nur für sich unterwegs. Menschen nehmen Anteil, haben Erwartungen. Dem kann er aber auch etwas Positives abgewinnen. „An schlechten Tagen kann es unterwegs ganz schwer werden. Da tut es gut, ein wenig Druck zu haben.“ Aufgeben wird Privitera also nicht. Das war wohl aber ohnehin unwahrscheinlich.

Lesen Sie mehr: Sascha Priviteras Blog „Übern Berg“

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