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Die Geschichte als Fenster in die Zukunft: Nicht nur mit dem Förderturm des stillgelegten Bergwerks hat Haushams Bürgermeister Jens Zangenfeind Großes vor. Er will, dass sich im Ort etwas bewegt.

Haushams Bürgermeister im Interview

Jens Zangenfeind: „Die Bürger sind meine Mandanten“

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Drei Jahre nach der Kommunalwahl haben wir die neu gewählten Bürgermeister um eine Halbzeitbilanz gebeten. Diesmal erklärt Jens Zangenfeind, warum Stillstand Rückschritt ist.

Hausham – Wer zum Bürgermeister will, kommt am Förderturm nicht vorbei. Ein mannshohes Modell des Betonriesen aus der Bergwerksgeschichte versperrt die Tür zum Büro von Jens Zangenfeind im Haushamer Rathaus. Nicht nur die Besucher sind somit zu einem „Umweg“ über das Vorzimmer gezwungen, sondern auch der Chef selbst. Zangenfeind empfindet das Industriedenkmal dabei nicht als Stolperstein, sondern als Symbol für Haushams großes, aber teils noch schlummerndes Potenzial. Wie er diese Schätze für die Zukunft heben will, ohne den Ort seiner Tradition zu berauben, erklärt der 45-jährige Vater von zwei Kindern im Interview. Ein Gespräch über die Umsetzung von Visionen, den Umgang mit Gegenwind – und Ausdauersport mit Stirnlampe.

-Herr Zangenfeind, Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie sich schon in Ihre Rechtsanwaltskanzlei zurückgesehnt?

Zangenfeind: Ganz ehrlich: keine Sekunde lang. Ich gehe jeden Tag gerne in die Arbeit und bin stolz, dieses Amt ausüben zu dürfen. Ich empfinde es immer noch als Ehre, Bürgermeister von Hausham zu sein. Es ist mein Traumberuf. Das sage ich, ohne irgendjemandem schmeicheln zu wollen. Die erste Hälfte meiner Amtszeit ist für mich wie im Flug vergangen. Das liegt aber auch am straffen Arbeitspensum.

-Eine Steigerung zu Ihrem alten Job?

Zangenfeind: Stunden zählen darf man auf jeden Fall nicht. Zwölf bis 13 Stunden-Tage sind ganz normal, und teilweise ist es eben eine Sieben-Tage-Arbeitswoche. Das ist schon ein Unterschied zur Kanzlei. Genauso wie der meist unplanbare Tagesablauf. Das macht das Amt aber so spannend und reizvoll. Körperlichen Ausgleich hole ich mir dafür beim Radfahren, Tennisspielen oder Laufen. Wenn es sein muss mit der Stirnlampe im Dunkeln.

-Hilft Ihnen das auch, mit Kritik umzugehen? Gerade beim Bauvorhaben in Abwinkl haben Sie ja einiges abbekommen...

Zangenfeind: Solange die Angriffe gegen mich und nicht gegen meine Gemeinderäte gehen, stecke ich sie ganz gut weg. Als Anwalt lernt man, Emotionen von Fakten zu trennen und in der Auseinandersetzung mit Kritikern souverän zu bleiben. Innerlich beschäftigt es einen aber schon. Ich fühle mich für das Wohl aller Bürger verantwortlich, sie sind meine Mandanten. Wenn da Schläge unter die Gürtellinie kommen, tut das schon weh. Dass dieser Zeitpunkt irgendwann da ist, war mir aber klar. Als Bürgermeister greift man in die Lebensbereiche von Menschen ein. Wer diese Konflikte scheut, wird nichts bewegen.

-Es gibt aber auch genug sachliche Argumente. Zum Beispiel, dass die Gemeinde bislang ihr Versprechen einer zweiten Infoveranstaltung noch nicht eingelöst hat.

Zangenfeind: Die zweite Info-Veranstaltung wird es wie versprochen geben. Ich habe mich aber tatsächlich ein bisschen zu weit aus dem Fenster gelehnt, was den zeitlichen Ablauf anbelangt. Ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass die Gutachten zu Verkehr und Entwässerung so viel Zeit in Anspruch nehmen würden. Gerade weil ich die Einwände und Alternativvorschläge der Anwohner ernst nehme, liegt mir eine gründliche Prüfung sehr am Herzen. Erst wenn alle Ergebnisse vorliegen, können wir uns über baurechtliche Dinge unterhalten. Ich bin aber überzeugt, dass eine Bebauung dort in jeder Beziehung möglich ist – und auch dringend notwendig.

-Weil die Lebenshilfe ein neues Haus Bambi braucht?

Zangenfeind: Natürlich ist es eine einmalige Chance, 30 Kindern ein barrierefreies Zuhause zu schaffen. Es geht aber auch darum, Haushamer Familien eine Perspektive für ein eigenes Haus in ihrem Heimatort zu bieten. Mir liegen mittlerweile 150 Anfragen vor. Wenn wir diese Leute durch eine abweisende Politik vertreiben, ist das ein riesiger Verlust für die Ortsgemeinschaft. Als Bürgermeister sehe ich es als meine Aufgabe, Hausham fit für die Zukunft zu machen. Und da ist die Schaffung von Wohnraum eine der größten Herausforderungen.

-Ein paar Einfamilienhäuser werden dafür aber längst nicht reichen.

Zangenfeind: Deshalb denken wir ja auch über den Bau von Mietwohnungen nach. Ich könnte mir so ein Projekt auf dem jetzigen Rathausgelände gut vorstellen. Auch wenn es bis zum Umzug der Gemeindeverwaltung noch ein bisschen dauert, haben wir bereits Kontakt mit Wohnungsbaugenossenschaften aufgenommen. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir einen guten Preis für das Grundstück erzielen – zur Refinanzierung des Kaufs des jetzigen Sparkassengebäudes.

-Nicht das einzige Großprojekt, das der Gemeinde teuer zu stehen kommt. Und das bei einem Schuldenstand von aktuell 12 Millionen Euro...

Zangenfeind: Davon werden wir in den kommenden Jahren auch nicht ganz runterkommen. Wir müssen uns eher darauf einstellen, dass wir vorübergehend, bis Refinanzierungszahlungen eingehen, auch mal bei 17 Millionen Euro landen. Die Belastung für die Bürger wird deshalb aber nicht steigen. Die Gemeinde hat bislang immer gut gewirtschaftet. So haben wir seit 2007 20,5 Millionen Euro investiert, die Schulden sind aber im gleichen Zeitraum nur um 2,5 Millionen Euro gestiegen. Mit dem neuen Bauhof, der Turnhalle oder der Sanierung des Alpengasthofs Glück Auf haben wir damit Projekte verwirklicht, von denen der Ort noch lange profitieren wird.

-Und mit dem Förderturm steht schon das nächste vor der Tür.

Zangenfeind: Auch davon verspreche ich mir eine große Chance, unseren Ort nach vorne zu bringen. Wenn wir es schaffen, dieses einmalige Bauwerk zu sanieren und in ein überregional bedeutendes Museum zu verwandeln, haben wir ein touristisches Alleinstellungsmerkmal, das noch dazu perfekt zu unserer Geschichte passt. Man braucht nicht immer einen See, um Urlauber anzulocken. Vielmehr ist es unsere zentrale Lage, mit der wir punkten können. Von Hausham aus sind sowohl Tegernsee und Schliersee, wie auch München und Rosenheim gut zu erreichen. Das wollen wir in unserem neuen Logo und Slogan „Hausham mittendrin“ aufgreifen. Wobei mit „mittendrin“ nicht nur die geografische Lage, sondern auch das intakte soziale Gefüge im Ort gemeint ist.

-Wo schlägt denn eigentlich in Zukunft das Herz der Gemeinde? Etwa in der neuen Ortsmitte an der Tegernseer Straße?

Zangenfeind: Ich denke, dass der Titel dieses Bauprojekts falsche Erwartungen geweckt hat. Er stammt aber auch nicht von der Gemeinde, sondern vom zuständigen Investor. Unter einer Ortsmitte stellen sich die meisten Leute eben einen Marktplatz mit Maibaum und nicht ein Geschäfts- und Wohnhaus mit Parkplätzen vor. Trotzdem tun uns ein Supermarkt und weitere Läden an dieser Stelle gut. Meines Wissens haben sich für die Fläche bereits Interessenten aus der Region gefunden.

-Auch an der Oberen Tiefenbachstraße hat sich gewerbetechnisch einiges getan.

Zangenfeind: Absolut, und da bin ich auch sehr froh drüber. Die Schließung des Edeka direkt zu Beginn meiner Amtszeit war schon bitter. Dass wir nun nicht nur wieder einen Edeka, sondern auch noch einen neuen Lidl bekommen, zeigt, dass sich die zähen Verhandlungen gelohnt haben. Mit der Zimmerei Fendl auf der anderen Straßenseite und der Firma Moralt auf dem früheren Rotaform-Gelände haben wir zudem produzierendes Gewerbe mit neuen Arbeitsplätzen dazugewonnen. Und das, ohne Flächen auf der grünen Wiese auszuweisen.

-Allerdings mit entsprechenden Folgen für die ohnehin angespannte Verkehrslage in Agatharied.

Zangenfeind: Aber auch hier lassen wir nicht locker. Die Gespräche mit dem Staatlichen Bauamt Rosenheim sind konstruktiv. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir den Kreisel an der Oberen Tiefenbachstraße schon 2018 bekommen. Auch für die sanierungsbedürftige Schlierachbrücke werden mehrere Varianten geprüft. Dass wir nicht überall die absolute Wunschlösung wie einen Tunnel erhalten werden, haben wir beim Bahnübergang gesehen. Manchmal muss man Kompromisse eingehen, damit sich überhaupt was rührt. Am Ende des Tages zählen konkrete Ergebnisse.

-Werden Sie denn eine zweite Amtszeit dranhängen?

Zangenfeind: Wenn mir die Haushamer wieder ihr Vertrauen schenken, sehr gerne. Ich bin kein Typ, der nur Dinge lostritt, sondern ich will sie auch zu Ende bringen. Da sind zwei Amtszeiten eigentlich das Minimum.

-Die Kreispolitik reizt Sie also nicht?

Zangenfeind: Doch! Mein Mandat als Kreisrat nehme ich sehr ernst. Falls Sie aber darauf anspielen sollten, ob ich ein Auge auf den Posten des Landrats geworfen habe, kann ich derzeit nur sagen, dass ich mich als Haushamer Bürgermeister sehr wohl fühle. Aber man soll bekanntlich niemals nie sagen, und ich sehe die Kommunalpolitik schon als meine Berufung. Deshalb hoffe ich, dass ich diesen schönen Beruf noch möglichst lange ausüben darf.

Halbzeit

haben jetzt – drei Jahre nach der Wahl – alle Bürgermeister, die ihr Amt 2014 das erste Mal angetreten haben. Es ist mehr als ein Job: Das Amt verlangt den ganzen Menschen. Was das bedeutet, welche Ziele die Neu-Bürgermeister haben und ob sie gerne weitermachen möchten, ist Thema unserer Interview-Serie.

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