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Der Künstler, der die Sinne täuscht

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Von: Alexandra Korimorth

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Im Atelier arbeitet Joss Bachhofer seine Fotografien um. Seine Arbeiten stellen Sehgewohnheiten in Frage und Gewissheiten auf den Prüfstand.
Im Atelier arbeitet Joss Bachhofer seine Fotografien um. Seine Arbeiten stellen Sehgewohnheiten in Frage und Gewissheiten auf den Prüfstand.  © THOMAS PLETTENBERG

Joss Bachhofers „hybride Fotografie“ stellt Sehgewohnheiten und Erfahrungswerte infrage – und damit auch die Wirklichkeit. Der Haushamer schafft zeitgenössische Kunst im Retro-Look.

Hausham – Joss Bachhofer stellt nicht oft im Landkreis Miesbach aus – dafür aber deutschlandweit und darüber hinaus, in Korea, Portugal, Bulgarien, Österreich, Ungarn, Indien und den USA. Wer aber 2013 in Tegernsee bei „Nichts wie weg“, 2014 in Neuhaus bei „Oh, my God“ oder 2019 im ehemaligen Rathaus Hausham das szenografische Projekt, das er zusammen mit Schauspieler Jochen Strodthoff realisierte, zu sehen bekam, dem sind seine Arbeiten sicher im Gedächtnis geblieben. Sie rühren nicht nur an, sie machen etwas mit dem Betrachter: Sie verunsichern, bewegen dazu, zu hinterfragen und auf den Prüfstand zu stellen, was gesetzt und gegeben scheint.

Motive werden über ein Computerprogramm „zerschnitten“

Dazu veranlasst allein schon die Präsentation. Bachhofers großformatige Werke hängen nicht, wie man es von Fotokunst erwarten würde, gerahmt oder hinter Glas, sondern an nackten Wänden. Dabei machen sie einen freskohaften Eindruck. Mal so, als habe der Künstler sie gerade nach der alten Wandmalerei-Technik aufgebracht, mal so, als wäre sei das Motiv gerade mühsam freigelegt worden. Die Motive werden auch nicht auf Fotopapier, Aluminium oder Leinwand projiziert, sondern über ein Computerprogramm „zerschnitten“ und die einzelnen Teile mit dem normalen Drucker schwarz-weiß auf alltägliches DIN A4-Papier ausgedruckt und dann zusammengeklebt.

Mit Gipsmilch oder Öl verleiht Joss Bachhofer den Bildern eine haptischere Oberfläche.
Mit Gipsmilch oder Öl verleiht Joss Bachhofer den Bildern eine haptischere Oberfläche.  © THOMAS PLETTENBERG

„Glatte Oberflächen sind mir zu unhaptisch“

„Glatte Oberflächen sind mir zu unhaptisch, unerotisch und beliebig“, erklärt Bachhofer, und dass er die Oberfläche breche. Somit entsteht der gefalzte Eindruck eines Gitters, der an alte Kinoplakate erinnert. Bis zu acht Blätter in der Länge und fünf Blätter in der Breiten fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen, das Bachhofer dann mit Farbpigmenten oder Pastellkreide, Gipsmilch und Öl bearbeitet, um ihnen eine haptische Oberfläche zu verleihen. Das Öl macht die Stellen dunkler und kontrastreicher, die Gipsmilch, die er mit weit schwingenden, ausladenden Bewegungen mit einem Tapezierpinsel aufträgt, heller und flacher. „Dadurch kann ich die Betonung und die Perspektive der Fotografie verändern“, sagt Bachhofer.

Der Betrachter steht davor und weiß nicht genau, was da nicht stimmt

So stehe der Betrachter davor und wisse nicht genau, was da nicht stimme. „Man weiß, dass es ein Foto ist. Und doch ist es keines“, sagt er schmunzelnd. „Damit stelle ich und schließlich auch der Betrachter festgefahrene Sehgewohnheiten in Frage. Man soll nicht alles glauben, was man sieht – und auch nicht das, was man denkt.“ Er appelliert, dass man mit Humor an die Wahrnehmung seiner Werke, aber auch der Welt und seiner selbst gehen sollte.

Seine Motive findet er im Fernsehen

Er selbst beherzigt das nur zu gerne: Seine Motive findet er etwa im Fernsehen. Er fotografiert sie vom Fernseher ab, wie ein asiatisches Synchronschwimmerinnenteam bei irgendwelchen Wettkämpfen für seine Reihe „Monolithe“. Es fluteten ohnehin schon viel zu viele vorhandene Bilder über die Menschen, sodass man keine neuen produzieren müsse, meint Bachhofer. Der gelernte Fotograf, der 1955 in Miesbach geboren wurde, am Spitzingsee aufwuchs und zwischendurch mal in New York und in Indien lebte, findet seine Motive aber auch in bekannten Darstellungen christlicher Motive großer Künstler wie El Greco, Rembrandt, Rubens oder Caravaggio und interpretiert sie künstlerisch und wortgewaltig um – so entstand die Reihe „Oh, my God“.


Mit Gipsmilch oder Öl verleiht Joss Bachhofer den Bildern eine haptischere Oberfläche.
Mit Pastellkreide oder Farbpigmenten bearbeitet Bachhofer die Oberfläche der Ausdrucke.  © THOMAS PLETTENBERG

Er entdeckt Inspirationen in seiner direkten Umgebung („Urbane Vegetation“) ebenso wie auf Reisen. 2011 schwang er sich etwa auf seinen alten Roller und fuhr 21 000 Kilometer gen Osten bis nach Zentralasien – die Go-Pro-Kamera jederzeit bereit auf dem Helm montiert. Die Fotografien von Straßen, Wegen, Stegen, Schienen – versperrt oder frei – waren die Grundlage für „Nichts wie Weg“.

Werke in München und am Ammersee zu sehen

Keine dieser Reihen ist abgeschlossen. Bachhofer ergänzt sie kontinuierlich mit immer neuen Motiven und Neuinterpretationen der Wirklichkeit für jeweils aktuelle Einzelausstellungen, wie die „Parallel-Schau“ im Raumwerk in München (Schwanthalerstraße 125) und im Kunststück in Dießen am Ammersee (Herrenstraße 16) hängen, die jetzt noch bis Ende Oktober verlängert wurde.

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