„Uns geht allen die Luft aus“: Professor Dr. Michael Landgrebe, Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Agatharied, weiß, wie sehr die Corona-Pandemie die Menschen belastet. Foto: Thomas Plettenberg
+
„Uns geht allen die Luft aus“: Professor Dr. Michael Landgrebe, Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Agatharied, weiß, wie sehr die Corona-Pandemie die Menschen belastet.

„Aktivität hilft gegen Depressionen“

kbo-Chefarzt Landgrebe gibt Tipps gegen den Corona-Trübsinn

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
    schließen

Der Corona-Trübsinn ist zurück im Landkreis. kbo-Chefarzt Landgrebe weiß, wie sehr das Menschen belastet. Im Interview gibt er Tipps, die den Corona-Winter erleichtern.

Landkreis – Corona hat große Teile des öffentlichen Lebens erneut zum Stillstand gezwungen. Damit hat das Virus die Hoffnungen auf einen ruhigen Winter zerstört, die der Sommer geschürt hatte. Professor Dr. Michael Landgrebe (49), Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Agatharied, weiß, wie sehr das die Menschen belastet. Wir haben mit ihm über die beste Strategie für den Corona-Winter und Tricks, die die Lage erleichtern, gesprochen.

Corona im Landkreis Miesbach: kbo-Chefarzt Landgrebe gibt Tipps gegen den Trübsinn

Professor Landgrebe, Corona hat den Landkreis wieder im Griff. Welche Stimmung merken Sie unter den Menschen?

Im Vergleich zum Frühjahr merke ich, dass uns allen die Luft ausgeht. Jetzt kommt der Winter. Keiner weiß, wie lange die Einschränkungen dauern, ob wir Weihnachten normal feiern können. Diese Unsicherheit belastet. Hinzu kommt, dass der Herbst die Stimmung dämpft. Es wird dunkler, regnerischer. Das macht die Menschen melancholisch und ist der Unterschied zum Frühjahr. Da war klar: Es wird wärmer, es wird besser. Diese Hoffnung fehlt derzeit.

Im Landkreis haben vor allem private Feiern die zweite Welle ausgelöst. Die Mehrheit hat alles richtig gemacht, muss aber trotzdem Einschränkungen hinnehmen. Eine besondere Belastung?

Es ist natürlich schade, dass die große Mehrheit von einigen Unvernünftigen unterwandert wurde. Trotzdem hilft es niemandem, zu sagen: „Die anderen sind an allem schuld.“ Wer seinem Ärger nachgeht, baut Spannungen auf und steigert sich in etwas hinein. Damit schadet er sich selbst. Hadern bringt nichts. Wir müssen aus der Situation das Beste machen.

Wie kann das klappen?

Wir kennen das von Patienten mit chronischen Schmerzen: Wenn ich die Situation nicht ändern kann, muss ich sie annehmen. Ich muss sie so gut wie möglich gestalten, das Positive sehen: Schulen, Kitas und Geschäfte sind offen, es ist nicht der massive Einschnitt wie im Frühjahr. Außerdem hat das Oberland viel zu bieten. Wer hier lebt, hat es besser als jemand in einer engen Wohnung in einer Millionenstadt.

An Ostern war es aber leichter, wandern zu gehen. Zerstört der Herbst mit Regen und Kälte die Vorteile des Oberlands?

Es stimmt, Radfahren bei 20 Grad und Sonnenschein geht nicht mehr. Der Herbst hat aber auch schöne Seiten. Das Farbenspiel und die Gerüche, zum Beispiel. Wir können versuchen, achtsamer zu sein, das Schöne stärker wahrzunehmen. Aber Regen und Kälte machen es natürlich schwieriger als im Frühjahr.

Im Frühjahr konnten wir auf bewährte Strategien zurückgreifen – wandern, radfahren. Müssen wir jetzt neue entwickeln?

Ja. Wir sind gezwungen, alleine oder in der engsten Familie zu bleiben. Lebt die in der Nähe und ist intakt, macht es das einfacher. Trotzdem bleibt für viele mehr Zeit zu Hause. Deswegen müssen wir neue Wege finden, mit der Situation umzugehen. Aber die gibt es: Schon wer viel Licht in die Räume bringt, macht es sich leichter.

Ist jetzt die Zeit, mit dem Yoga anzufangen?

Es hilft in jedem Fall, aktiv mit der Situation umzugehen. Manche Menschen machen das mit Yoga, Entspannung und Meditation. Anderen ist das zu ruhig. Sie können malen, eine Sprache lernen, ein Instrument spielen. Das hängt vom Typ ab. Es hilft, sich auszuprobieren. Wichtig ist, etwas zu tun. Aktivität lindert das Gefühl, der Situation ausgeliefert zu sein. Hilflosigkeit ist der schnellste Weg in die Depression. Je aktiver wir sind, umso besser geht es uns.

Spielt der Ausflugsverkehr eine Rolle? Vor Kurzem war gefühlt halb Deutschland hier am Berg, jetzt haben die Restaurants zu. Ein starker Kontrast.

Der Ansturm hat sich den ganzen Sommer hingezogen. Daher ist der Kontrast natürlich immens. Das kann Melancholie hervorrufen. Aber ich glaube, es überwiegt die Erlösung. Die Menschen können ihre Heimat jetzt in Ruhe genießen. Auch ein Vorteil.

Was empfehlen Sie denen, die Corona-Maßnahmen ablehnen? Davon kann man halten, was man will. Aber diese Menschen leiden derzeit besonders, oder?

Wir leben in einer Demokratie. Wer mit den Maßnahmen nicht einverstanden ist, soll seinem Ärger Luft machen. Das tut gut. An die Zeitung schreiben, eine Demo veranstalten. Solange diese Menschen niemanden gefährden, muss die Gesellschaft das aushalten. Ein Großteil macht das ja auch sehr sachlich. Einige wollen rationale Argumente nicht akzeptieren. Auch das ist okay. Auch diese Menschen dürfen ihr Leben leben, wie sie wollen, solange sie niemandem schaden.

Trotzdem sehnen sich in Krisen viele nach einer funktionierenden Gemeinschaft. Schaden Proteste wie die Trauerkerzen vor dem Landratsamt dem?

Wir sehnen uns alle nach Normalität. Dass man panisch wird, wenn jemand ohne Maske näher als einen Meter kommt, war vor einem Jahr noch unvorstellbar. Jetzt ist es Alltag. Das belastet. Deswegen kann man diese Proteste auch als Wunsch nach Normalität sehen. Der wächst bei uns allen. Er zeigt sich nur bei jedem anders.

Einige bemängeln allgemein den Egoismus der Menschen. Wie sehen Sie das?

Ich habe im Lockdown im Frühjahr viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gesehen. Ich glaube, in der großen Mehrheit der Menschen hat die Krise gute Eigenschaften gestärkt. Das bleibt wohl auch so.

Raten Sie den Menschen also zu Optimismus? Oder ist es klüger, vom Schlimmsten auszugehen und sich dann zu freuen, wenn es besser kommt?

Das kann man nicht pauschal sagen. Ich würde eher positiv nach vorne schauen. Es wird zum Beispiel sicher keine normalen Weihnachten geben. Wer aber jetzt schon denkt, er sitzt an Heiligabend alleine im Lockdown, der fühlt sich bis dahin sechs Wochen lang schlecht. Wer optimistisch auf ein Fest mit der Familie hofft, ist glücklicher. Wenn er gleichzeitig weiß, dass es anders kommen kann, und wenn er bereit ist, im Ernstfall auch aus einem nicht idealen Fall das beste zu machen, wird es ihm besser gehen. Ich kann nur raten: Nicht aufgeben, Mut schöpfen, Energie haben. Es wird auch wieder besser.

Auch interessant

Kommentare