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Eine positive Bilanz zogen beim Pressegespräch in Agatharied (v.l.) Waltraud Frank, Josef Mederer, Prof. Michael Landgrebe und Günter Kottek. 

„Einführung war richtige Entscheidung“

Krisendienst Psychiatrie: Steigende Nachfrage im Landkreis Miesbach

117 Personen im Landkreis Miesbach haben 2018 den Krisendienst Psychiatrie des Bezirks Oberbayern in Anspruch genommen. Die Tendenz ist steigend, wie die Bilanz zeigt.

Agatharied – In der ersten Hälfte dieses Jahres verzeichneten die Helfer bereits 70 Anrufe von Landkreis-Bewohnern. „Wer die Nummer wählt, hat schon gewonnen“, sagte Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) gestern bei einem Pressegespräch in der kbo Lech-Mangfall-Klinik in Agatharied. Dort wurde die erste Bilanz seit Einführung des Krisendienstes vor zweieinhalb Jahren vorgestellt.

Alle Anrufe – in ganz Oberbayern waren es 2018 rund 23 500 – gehen zentral bei der Leitstelle des Krisendienstes in München ein. Von dort wird die Hilfe vor Ort organisiert. „Bei zwei Dritteln der Betroffenen reicht das Telefonat“, erläuterte Mederer. Und wenn doch ein persönlicher Besuch in der Wohnung des seelisch Erkrankten oder beim sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas in Miesbach notwendig ist, geschieht dies zusätzlich, vorerst aber nur von 9 bis 21 Uhr unter der Woche und von 13 bis 21 Uhr an Wochenenden und Feiertagen. Der Bezirkstagspräsident ließ aber keinen Zweifel daran, dass auch die mobilen Einsatzteams möglichst bald rund um die Uhr ausrücken sollen, um Menschen mit Angstzuständen, Depressionen oder gar Selbstmordgedanken kompetent zu helfen.

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Mederer machte auch deutlich, dass durch den Krisendienst Zwangseinweisungen in Nervenkliniken möglichst vermieden werden sollen: „Eine Zwangseinweisung ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann.“ Vielmehr solle deeskalierend geholfen werden und nicht der Notarzt oder gar die Polizei vor der Tür stehen. „Wir waren in ganz Bayern die ersten, die so etwas angeboten haben“, fügte er nicht ohne Stolz hinzu. Andere Bezirke hätten nachgezogen.

Neben der Caritas sind im Landkreis Miesbach die Lech-Mangfall-Klinik in Agatharied und die Herzogsägmühle der Inneren Mission Peiting (Kreis Weilheim-Schongau) für den Krisendienst aktiv. Zusammen sind dies etwa 60 speziell zur Bewältigung seelischer Notlagen ausgebildete Frauen und Männer. „In schweren Notlagen sind wir innerhalb einer Stunde vor Ort“, erläuterte Waltraud Frank von der Caritas Miesbach.

Chefarzt Prof. Michael Landgrebe von der psychiatrischen Klinik in Agatharied erinnerte daran, dass sein Haus von Anfang an in die Planungen für den Krisendienst im Landkreis eingebunden gewesen sei. Dass es trotz angespannter Personallage möglich sei, rasch einen erfahrenen Krisenhelfer loszuschicken und nicht Sanka oder die Polizei zu holen, nannte er „einen großen Gewinn“.

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Günter Kottek von der Oberbayerischen Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener (OSPE) beklagte, dass Psychiatrie oft mit Gewalt verknüpft werde, etwa wenn ein seelisch Kranker einen Menschen umbringe und dann in die geschlossene Abteilung einer Nervenklinik eingewiesen werde. Ziel müsse sein, von der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen wegzukommen, ergänzte Landgrebe.

Kritik übte Mederer an den Krankenkassen. Sie beteiligten sich finanziell nicht an den Kosten des Krisendienstes, obwohl sie durch die deeskalierende Arbeit der Helfer sogar von Kosten etwa für Notarzteinsätze entlastet würden. Der Bezirk lässt sich den Krisendienst jährlich rund 7,4 Millionen Euro kosten. Seit März 2018 können auch Kinder und Jugendliche in seelischen Notlagen oder deren Eltern den Krisendienst in Anspruch nehmen.

Von Paul Winterer

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