Bärbel Stiedl und Jan Freter
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Krise genutzt: Bärbel Stiedl und Jan Freter sind in der Corona-Zwangspause mit ihrem Jugendtreff ins Internet umgezogen. So haben sie Kontakt zu den Gästen gehalten – und Erfahrungen mit der Krise mitbekommen.

Online-Angebote und vieles mehr

Langeweile wegen Corona: Jugendtreff Hausham steuert gegen

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Keine Treffen mehr wegen Corona. Ein schwerer Schlag für die Haushamer Jugendlichen. Wie sie mit der Krise umgehen, haben die Leiter des Jugendtreffs im Gemeinderat erklärt.

Hausham – Jan Freter und Bärbel Stiedl haben seit Beginn der Corona-Krise ein Online-Reich aufgebaut, das sie nun verwaisen lassen müssen. Die Leiter des Jugendtreffs Hausham (Jute) haben sich in soziale Medien eingearbeitet, Profile für ihre Einrichtung angelegt und digitale Kontakte zu den Jugendlichen geknüpft, die wegen der Virus-Einschränkungen nicht mehr zu ihnen kommen durften. Sie haben aus erster Hand erfahren, wie sie unter Corona gelitten haben. Und ihnen geholfen.

Online-Auftritt

Das Jute schloss seiner Türen am 13. März. Zunächst bis Mitte April, später auf unbestimmte Zeit. „Es ist schade“, sagt Stiedl. „Wir haben lange darauf hin gearbeitet, dass viele Jugendliche zu uns kommen.“ 20 pro Tag waren es vor Corona unter der Woche, am Wochenende 30. Plötzlich waren alle weg. Problematisch, weil Freter und Stiedl ihr Vertrauen gewonnen hatten. „Das dauert ein Jahr. Dann erzählen sie uns aber alles.“

Um weiter Kontakt halten zu können, stiegen Freter und Stiedl ins Internet um. Stiedl veröffentlicht auf Instagram zwei Wochen nach der Schließung ein erstes Video aus dem leeren Jute. Seitdem postet sie täglich Bilder – meist lustig, manchmal politisch. Inzwischen hat sie mehr als 130 Abonnenten.

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Freter hob das gesamte Jute ins Netz. Auf der Internet-Plattform Discord schuf er digitale Räume, in denen Jugendliche über Filme reden, sich zum Online-Spielen verabreden und Musiktipps austauschen. Sie teilen Bastelanleitungen und chatten, während sie gleichzeitig Netflix schauen. Nachrichten schreiben, Sprach- und Video-Konferenzen, direkter Kontakt über PC, Tablet oder Smartphone – trotz Corona „ist es lebhaft“, sagt Freter, als er das Projekt auf der jüngsten Sitzung des Haushamer Gemeinderats vorstellte. Jeder hat Zutritt, Beleidigungen und Hass gab es nie.

Freter: „Die Frage war: Wie bleiben wir möglichst einfach erreichbar?“ Durch den Internet-Auftritt bekommen er und Stiedl viel aus dem Leben ihrer Freunde mit. Gibt es später Probleme, haben sie das Vorwissen, um helfen zu können.

Lage der Jugendlichen

Die Online-Offensive bot Jugendlichen trotz der Einschränkungen Beschäftigung. Zwar sagt Stiedl: „Die meisten haben sich auch während Corona getroffen.“ Einige auf dem Radl, andere dort, wo sie keiner sieht – im Wald oder in kleinen Gruppen zuhause. „Viele hatten tagsüber auf der Arbeit Kontakt zu anderen Menschen, teils zu Fremden. Sie haben nicht eingesehen, warum sie abends auf den Kontakt zu Freunden verzichten sollen.“

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Gelitten haben Jugendliche unter Corona trotzdem. Der Sportplatz war gesperrt, die Basketballplätze auch. Kein Kino, kein Club. „Ihnen ist todlangweilig.“ Der Online-Kontakt zu Freunden aus dem Jute bot Abwechslung.

Neueröffnung

So viel Arbeit Freter und Stiedl auch in ihren Auftritt gesteckt haben: Seit 10. Juni ist das Jute wieder geöffnet. Die Discord-Seite ging zwei Wochen vor der Neueröffnung online. Freter: „Inzwischen sind wir dort nicht mehr so präsent.“ Die Kernaufgabe des Jute sei die Betreuung vor Ort. Freter will Discord bestehen lassen, Stiedl regelmäßig weiter auf Instagram posten. Aber die Auftritte ins Netz werden seltener werden.

Derweil läuft der Betrieb im Jute an. Maximal sechs Besucher dürfen Freter und Stiedl zeitgleich in die Räume lassen, draußen sind noch einmal sechs erlaubt. Der Tischkicker ist tabu, pro Playstation darf nur ein Spieler spielen, Controller werden beim Spielerwechsel desinfiziert. Beim Kniffel nutzen alle Teilnehmer eigene Becher. Maskenpflicht gilt sowieso.

Für Freter und Stiedl heißt das: mehr Arbeit, weniger Gäste. Stiedl: „Wir sind dazu da, mit Jugendlichen zu reden. Nicht, um sie einzusprühen.“

Wieder Anlaufstelle

Trotzdem: Zwölf bis 13 Jugendliche kommen derzeit täglich ins Jute. Zwei Stunden dürfen sie bleiben. Weniger als eine Handvoll hat Stiedl bisher heimschicken müssen. Manche kommen zum Spielen und Ratschen, andere zum Drucken oder, weil sie Werkzeug zum Ausbau der Autobatterie brauchen. Vor allem die Jüngeren kommen täglich, sagt Stiedl. Sie ist zufrieden. „Wir sind wieder eine Anlaufstelle.“

mas

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