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Musste vors Arbeitsgericht: Krankenhaus Agatharied.

Verhandlung gibt Einblick ins Krankenhaus Agatharied

Mitarbeiterin (58) mit drei Kündigungen gefeuert - Klage

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Am Krankenhaus soll ein Klima der Angst herrschen, sagen Kritiker. Die Geschäftsleitung widerspricht. Am Donnerstag wurde ein Fall vor dem Arbeitsgericht verhandelt, der ein wenig Einblick gibt.

Agatharied/Holzkirchen – Es ist ein Fall, der im Krankenhaus Agatharied für Aufsehen sorgte und mit ein Grund dafür ist, dass gerade langjährige Mitarbeiter derzeit um ihre berufliche Zukunft fürchten. Dies wurde in anonymen Briefen an unsere Zeitung thematisiert. Nach 31 Dienstjahren in Krankenhäusern des Landkreises erhielt die Ex-Leiterin der physikalischen Therapie im Oktober 2016 eine außerordentliche Kündigung und musste die Klinik sofort verlassen. Der Grund: Sie soll eine Mitarbeiterin gemobbt haben. Dagegen legte sie Kündigungsschutzklage ein – und erhielt zwei weitere Kündigungen. Alle drei ohne vorherige Abmahnung. Gestern fand die Verhandlung vor der Kammer des Arbeitsgerichts München in der Holzkirchner Agentur für Arbeit statt.

Seit dem Jahr 2000 leitete die Klägerin (58) die Krankengymnastik in Agatharied, bis 2016 eine Umstrukturierung erfolgte. Der Bereich wurde um die Ergotherapie und die Logopädie erweitert. Die Klägerin blieb Leiterin der ambulanten Physiotherapie, während eine Kollegin die Gesamtleitung der neuen Abteilung erhielt und damit ihre Vorgesetzte wurde.

Klägerin soll Mitarbeiterin gemobbt haben

Die Kündigung kam ins Rollen, weil eine der Klägerin unterstellte Mitarbeiterin dieser Mobbing vorwarf. Wie das Unter-Druck-Setzen ausgesehen haben soll, darauf ging das Gericht gestern nicht ein. Jedoch soll die Gemobbte, die 2009 zur Klinik kam, massivst gelitten haben. Bereits 2011 habe sie sich behandeln lassen. 2016 sei eine teilstationäre psychiatrische Behandlung nötig geworden, ergänzte der Anwalt des beklagten Krankenhauses.

Mittagspausen angeblich verlängert

Die zweite Kündigung erhielt die Klägerin Ende 2016 wegen Arbeitszeitbetrugs. Sie soll mit ihr vertrauten Kollegen regelmäßig die Mittagspausen unzulässig verlängert haben. Anschließend erfolgte eine dritte Kündigung, weil die Klägerin behauptet hatte, der Ärztliche Direktor der Klinik und Chefarzt der Allgemein- und Visceralchirurgie, Prof. Dr. Hans Martin Schardey, habe wegen seines Einsatzes bei der Kündigung einer Kollegin eine Abmahnung bekommen. Die Anwältin der Klägerin korrigierte, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt habe: Schardey habe die Abmahnung aus einem anderen Anlass bereits im Vorfeld erhalten. Die Gegenseite widersprach: Dies sei „von vorn bis hinten falsch“, entgegnete der Klinik-Anwalt und kündigte dem Gericht eine schriftliche Erklärung an.

Die Anwältin der Klägerin hingegen sah ihre Mandantin als nicht ursächlich für die psychischen Probleme besagter Mitarbeiterin an. Diese sei wegen einer Scheidung bereits 2009 psychisch belastet nach Agatharied gekommen. Seltsam sei auch, dass sie sich erst 2016 an die Geschäftsleitung gewandt habe.

Vorfälle landeten in der Schublade

Wie der Vorsitzende Richter Reinhard Schlicker ergänzte, blieb bereits vorher ein Gespräch der Mitarbeiterin mit der damaligen Betriebsratsvorsitzenden ohne Erfolg – eine Auflistung von Vorfällen landete in der Schublade, und die Gemobbte hakte auch nicht nach. „Das wundert mich“, stellte der Vorsitzende fest. Ebenfalls „verblüffe“ ihn, dass der zuständige Chefarzt der Mitarbeiterin trotz dreimaliger Anfrage keinen Gesprächstermin gewährt habe. „Die Frau hätte sich etwas antun können“, mahnte er in Richtung der Klinik-Vertreter – hier habe es Defizite gegeben. Der Anwalt des Krankenhauses verwies auf den Tagesdruck: Man habe das wohl nicht als so wichtig erachtet.

Dass erst nach der ersten Kündigung weitere Vorwürfe gegen die Klägerin und damit weitere Kündigungen nachgereicht wurden, erklärte der Klinik-Anwalt mit einem „elitären Kreis aus beliebten Mitarbeitern“, den die Klägerin aufgebaut haben soll. Erst als sie weg gewesen sei, sei das Klima der Angst etwas aufgebrochen, und andere, auch ehemalige Kollegen hätten sich geäußert.

Anwältin bezeichnet Vorwürfe als völlig haltlos

Dies wies die Anwältin der Klägerin als unwahr zurück: „Es gab kein System.“ Hätte es eines gegeben, hätten sich im Lauf der Jahre ausgegrenzte Kollegen sicher ausgetauscht und an Vorgesetzte gewandt. Dies sei aber nicht geschehen. „Mehrere Untergebene waren aber recht unglücklich unter ihrer Leitung“, hielt ihr der Vorsitzende Richter entgegen und verwies auf Befragungen durch die Klinik. Es gebe aber auch ebenso viele Zeugen, die bestätigen, dass die Klägerin eine tadellose Vorgesetzte gewesen sei, erwiderte die Anwältin.

Als völlig haltlos bezeichnete sie die Vorwürfe in Sachen Arbeitszeitbetrug. Die besagten Zeiten seien sehr wohl Arbeitszeit gewesen. Dabei wurden regelmäßig Termine abgesprochen, Telefonate erledigt und sonstige Büroarbeiten geleistet.

Ein Urteil in der Sache gab es gestern nicht. Vielmehr regte der Vorsitzende Richter einen Vergleich an, für den er einen Vorschlag ankündigte. Die Parteien hielten derweil an ihren jeweiligen Anträgen fest: Die gekündigte Klägerin fordert die Unwirksamkeit der Kündigungen, die Klinik die Abweisung der Klage.

ddy

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