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Die letzten Gewerbetreibenden (v.l.) Jens Zangenfeind vom Gewerbeverein, Christian Stocker, Paul Stöckl, Rosemarie Stocker, Karl Deyerl, Sandra und Alex Stöckl (vorne), Christian Pralas und Irmgard Stocker.

Die verlorene Ortsmitte

Naturfreundestraße in Hausham: Ein langsamer Niedergang

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Hausham - Sie war die Pulsader Haushams. Das Gewerbezentrum. Die Ortsmitte. Heute ist die Naturfreundestraße verwaist, löchrig, heruntergekommen. Jetzt droht auch einem der letzten Traditionsgeschäfte der endgültige Ladenschluss.

Wenn man die älteren Haushamer nach der Naturfreundestraße von damals fragt, geht ihr Blick wehmütig in die Ferne. Ob Altbürgermeister oder Geschäftsmann, die Reaktion ist die gleiche: Schön war es, fast glorreich, sagen sie. Aber das ist Vergangenheit. Dabei gibt es noch eine Handvoll gute Geschäfte. Zwei davon sind in ganz Oberbayern bekannt. Das Bekleidungshaus Danzer hat ganz am Anfang der Straße – mit eigenem Parkplatz – zusammen mit dem gegenüberliegenden Café Kandlinger die beste Lage. „Wir sind Einzelkämpfer“, sagt Modehaus-Chef Georg Danzer. „Uns geht es gut. Wir sind international vernetzt.“ 

Der ehemaligen Geschäftsstraße, die sich hinter seinem Laden bis zur Schlierach schlängelt, räumt er kaum Chancen ein. „Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen“, sagt Michael Geißler. Der Goldschmied wirkt stolz, wenn er durch seinen Betrieb führt, den er vor 30 Jahren im Gebäude Nummer 10 gegründet hat. Der elegante historische Verkaufsraum, die eng aufgereihten Arbeitstische in der Werkstatt, an denen seine Mitarbeiter mit edlen Metallen und Steinen hantieren – Geißlers Goldschmiede kann sich sehen lassen. 

Laufkundschaft braucht Geißler nicht. Seine Kunden machen Termine. „Die Naturfreundestraße ist wirklich kein Renommee“, sagt Geißler. Er kann sich gut an das rege Treiben in der Anfangszeit seines Geschäfts erinnern. Damals stand man mittags bei der Bäckerei Deyerl (Hausnummer 12) so lange an, dass sich in der Zeit der Miesbacher Merkur komplett durchlesen ließ, erinnert sich der Goldschmied. 

Mehr als Erinnerung ist nicht geblieben

Mehr als die Erinnerung ist nicht geblieben. Ein verändertes Kaufverhalten, politische Ignoranz – für den Niedergang des ehemals stolzen Geschäftsviertels gibt es viele Gründe. Heute kommt man sofort dran in der Traditionsbäckerei, die als letztes Geschäft aus der guten alten Zeit überlebt hat. Bis jetzt. Der Umsatz ging in den vergangenen Jahren stark zurück. Pächter ist die Familie Stocker. Sohn Christian Stocker überlegt sich mit seiner Frau Rosemarie, ob es sich lohnt, den Betrieb weiterzuführen. Im Moment lohnt es sich nicht. „Ein halbes Jahr gebe ich mir noch“, sagt Stocker. Wenn sich bis dahin nichts ändert, macht er zu. 

Am Sortiment liege es nicht. Auf seine Blätterteigbrezn ist der Bäcker stolz. Seine Christstollen werden jährlich prämiert. „Das bekommt man nicht im Supermarkt.“ Bei der Bäckerei kommt es aber darauf, dass die Kunden ohne große Umstände an ihre Brezen kommen. Und da gibt es ein gravierendes Problem in dieser Straße: die Parkplätze. „Unsere Kunden können in der ganzen Straße nicht parken“, bestätigt Malermeister Alexander Stöckl, dessen Fachgeschäft (Nummer 15) nur noch durch seinen Malerbetrieb überlebt. Kunden, die nur kurz zum Einladen halten, „schreibt die Politesse sofort auf“. 

Geschäftszentrum Naturfreundestraße von der Nachkriegszeit bis heute: Die grün hinterlegten Einzelhändler und Wirtschaften gibt es noch. Alle anderen Geschäfte sind Geschichte. Die nicht ganz vollständige Liste ist das Ergebnis einer langen Recherche mit Unterstützung der Bürgermeister Arnfried Färber und Hugo Schreiber.

Selbst wenn man sich mit dem Auto in die Straße verirrt, mit ihren Schlaglöchern und verfallenen Geschäftshäusern – der Wagen lässt sich nirgends abstellen. Kurzzeitparkplätze müssen her, sagen alle verbliebenen Gewerbetreibenden der Straße. So begeistert Bürgermeister Hugo Schreiber (FW) sich an die gute Zeit der Naturfreundestraße erinnert, als er dort als Kind mit dem Radl eingekauft hat – auf die Parkplatzforderung reagiert er gereizt: „Da machen die Anwohner nicht mit“, sagt er knapp. Außerdem müsse man sich überlegen, ob sich das für die wenigen Geschäfte noch lohne. 

Vielleicht war eine Rettung dieser ehemaligen Ortsmitte auch politisch nie gewollt. Inzwischen ist die Straße ein fast reines Wohnviertel – das Gewerbe ist auf der grünen Wiese. Geißler betrachtet die Entwicklung mit Sorge und fragt sich: „Wie lange akzeptieren die Anwohner dann überhaupt noch lärmende Geschäfte in ihrer Straße?“

Bergwerk und Alpengroßmarkt - der langsame Niedergang einer Geschäftsstraße

Das Bergwerk Hausham war die Triebfeder für die gesamte Ortsentwicklung – auch für die Naturfreundestraße, die sich am Fuße der Stollen öffnete und die Grubenarbeiter in das Dorfleben hineinzog. Wirtschaften, Metzgereien, Bäckereien, Einkaufshäuser und Fachgeschäfte aller Art säumten die lange Straße bis zu Schlierach und Sportplatz hinunter. 

Dann schloss das Bergwerk. Dann kamen der Alpengroßmarkt und die Autos. Damit begann der lange Niedergang des einst so stolzen Geschäftsviertels. Mit ihren Autos fuhren die Anwohner zum Supermarkt und parkten gleichzeitig die Naturfreundestraße zu. Auch war sie nie wirklich eine klassische Durchfahrtsstraße. Auf der anderen Seite ist nur die Schlierach. „Wer will da hin?“, fragt auch Modehaus Chef Georg Danzer. Über eine Neuansiedlung am anderen Ende der Straße oder einen Gemeindebau – irgendetwas, das Kunden zieht – hat niemand nachgedacht. Eine politische Strategie für die ehemalige Ortsmitte gab es nie, sie fehlt bis heute. 

Das Gewerbe bekam offenbar gewollt seinen Platz außerhalb des Ortskerns, auf der grünen Wiese. Die Straße verwaiste. Der schleichende Verfall fiel zu wenig auf, war nicht plakativ genug – das ist eine Erklärung. Und so sieht die Straße heute aus, wie sie aussieht: bis zur Kirche ein nettes Wohnviertel, dahinter ein städtebauliches Trauerspiel. Ende? Nein, nicht ganz. Der Haushamer Gewerbevereinsvorsitzende Jens Zangenfeind hat sich der einstigen Lebensader angenommen. Ideen hat er selbst schon, in Kürze wird er auch die Anwohner befragen. Und dann, wer weiß, gibt es vielleicht eine Fortsetzung der Geschichte.

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